Das Museumsmädchen (4)
Ein Mädchen trifft einen Jungen. As simple as that.
Irgendwann konnte er nachvollziehen, warum sie damals so fühlte,
dachte und schließlich handelte. Verstehen konnte er es nicht, auch wenn
er es aufrichtig versuchte. Doch er war in seiner Persönlichkeit anders
veranlagt, hatte andere Erfahrungen gemacht in seinem Leben, die ihn
nicht so übervorsichtig werden ließen wie sie. Mehrmals täglich
probierte er damals, sie zu erreichen, per Telefon, SMS oder Mail. Weil
er nicht kapieren konnte, warum sie sich völlig aus dem Nichts so
zurückzog und den Kontakt abbrach. Er hinterfragte sich, reflektierte
jede seiner Aussagen und Handlungen bis ins letzte Detail und wurde
dadurch nur noch ratloser. Gleichzeitig erfasste ihn eine bleierne
Trauer, weil er noch nie in seinem Leben eine Person getroffen hatte,
die ihn vom ersten Moment so fasziniert hatte.
Bei
ihr löste sich durch den Entschluss, ihn nicht mehr zu sehen, die
Anspannung, die sich über die Tage aufgebaut hatte. Sie fühlte sich
befreit, lebte wieder ihr altes Leben, in dem nur sie existierte. Immer
wieder jedoch stieß sie auf eine interessante Buchpassage, hörte ein
wunderschönes Lied, hatte eine Anfangsidee für eine Geschichte. Und
dachte jedes Mal, dass sie ihm das jetzt gerne erzählen und nach seiner
Meinung fragen würde. Ihr wurde bewusst, dass der Abschnitt ihres
Lebens, in der ihr das Emeritentum zum Zufrieden sein genügte, vorbei
war. Und sie fragte sich, woran es wirklich lag, dass sie ihn nicht mehr
sehen wollte. Und ob das wirklich das war, was sie wollte.
Es
wurde ihr klar, dass sie Angst hatte. Vor einer aus ihrer Sicht
einschneidenden Veränderung in ihrem Leben. Noch dazu einer, die mit
einem für sie nicht kalkulierbaren Risiko verbunden war. War er wirklich
an ihr und vielleicht sogar einem mit ihr geteiltem Leben interessiert?
Oder war er einfach nur froh, direkt nach seiner Ankunft in der neuen
Stadt jemanden getroffen zu haben, der manche Interessen mit ihm teilte
und mit dem es sich gut Zeit verbringen ließ. Sie erkannte, dass sie
keinerlei Gefühl für seine Gefühle hatte. Und diese Ungewissheit löste
bei ihr keine Neugier, sondern Angst vor der Enttäuschung ihrer Hoffnung
auf eine positive gemeinsame Zukunft aus.
Die
Gewöhnung an die Gemütlichkeit des Status quo, verbunden mit der Angst
vor riskanter Veränderung, dies waren die eigentlichen Gründe für ihr
Leben allein. Sie hatte allzu lange geglaubt, dass ihr dies wirklich
genügte. Sie hatte immer diese Pärchen belächelt, die nur noch als
Einheit zu existieren schienen, jeglicher Individualität beraubt. Jene
war ihr wichtiger als alles andere, niemals wollte sie diese aufgeben.
Doch war sie wirklich nicht mehr derselbe Mensch wie in der Zeit vor
ihm, nur weil sie ein Stück ihrer Unabhängigkeit für ihn aufgab? War es
überhaupt ein "aufgeben" im negativen Wortsinne, oder war es nicht
vielmehr ein unbemerktes, unterbewusst sogar gewünschtes Eintauschen von
Unabhängigkeit für mit einem Menschen verbrachte Zeit, die tausend Mal
wertvoller als viele weitere Stunden allein mit sich selbst ist? Sie gab
keine Zeit auf, und sie gab auch sich selbst nicht auf. Im Gegenteil,
sie verstellte sich nicht, spielte keine Rolle, um ihm zu gefallen, wenn
sie mit ihm zusammen war. Sie war sie, das Mädchen voller lebensfroher
Kreativität. Und er war der Junge, der ihre Kreativität aufnahm, mit
seiner eigenen verband und die Summe aus beiden an sie zurückgab. Als
ihr das bewusst wurde, musste sie schlucken. Und sie wollte nichts
lieber als ihn zu sehen. Sofort.
Er war
überrascht, als sein Handy klingelte und sie in der Leitung war. Sie war
aufgeregt und hastig, so wie am Ende ihres ersten gemeinsamen Abends.
Sie sagte, dass sie ihn sofort sehen wolle. Er war angesichts ihres
ungeduldigen Drängens viel zu verwirrt, als dass er sie fragen konnte,
wie es dazu kam, dass sie sich jetzt, nach Tagen des Schweigens und
Verkriechens, plötzlich wie aus dem Nichts bei ihm meldete und nach
einem sofortigen Treffen verlangte. Stattdessen sagte er zu. Sie trafen
sich vor dem Museum, an dem Platz, wo sie das erste Mal auseinander
gegangen waren. All das, was ihr in den letzten Tagen durch den Kopf
ging, platzte aus ihr heraus, sie entschuldigte sich, versuchte zu
erklären, gestikulierte wild, schaute ihn an, fragte ob er sie verstehen
und ihr verzeihen könne. Einen Moment war es still, dann lächelte er.
Und bevor er sie in seine Arme schloss und küsste, sagte er: "Um
einen Menschen wirklich lieben zu können, muss man ihn nicht verstehen!"
Ende
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Ende
Teil 1
Teil 2
Teil 3




Kommentare
Danke!
14.01.2012, 00:07 von danny_mahonyGrossartige Geschichte!
27.12.2011, 10:27 von fazzolettiDankesehr!
27.12.2011, 10:30 von danny_mahonyEine Wunderschöne Geschichte.
Gern geschehen! Danke für das Kompliment :-)
26.12.2011, 20:39 von danny_mahonyBitter gerne.
26.12.2011, 20:44 von sommerlochHerzerwärmende Geschichte :)
26.12.2011, 19:17 von Matsu.la.petite.combattanteVielen Dank!
26.12.2011, 20:38 von danny_mahonyEine wunderschöne Geschichte voller Herz und Wärme! Anfangs wollte ich mir die einzelnen Teile für mehrere Tage aufteilen, aber meine Neugier siegte und ich habe alle vier Abschnitte hintereinander weg gelesen :) Es hat sich gelohnt!
24.12.2011, 16:43 von CenereDIe Länge finde ich passend.
Danke für diese Geschichte.
Vielen herzlichen Dank für die Komplimente!
24.12.2011, 23:58 von danny_mahonySehr gerne :)
27.12.2011, 15:11 von CenereEin wunderbares Ende und ein wunderbarer Fazit.
24.12.2011, 14:17 von alima1.1Diese Geschichte liest sich für mich einerseits so absurd, man möchte die Protagonisten am liebsten durchschütteln uns sagen: Genau das ist es doch. Das Leben...
Andererseits kommt es mir so vertraut vor, als ob ich diesen ganzen Ablauf erst gestern durchlebt habe. Vielleicht, sollte ich es mal mit deiner Lösung probieren, und einfach mal jemanden anrufen ;)
Danke für diesen Lesemoment und deinen schönen Text! :)
Vielen lieben Dank für diese nette Rückmeldung!
Ja genau das meinte ich ja auch. Vielleicht kommt es mir auch nur so absurd, weil ich eben so gehandelt hätte und auch schon habe.
24.12.2011, 14:51 von alima1.1Auf jeden Fall hast du mir Weihnachten mit deinem Text ein bisschen versüßt :)
Freut mich :-)
25.12.2011, 00:01 von danny_mahonyich habe die Geschichte nicht an einem Tag gelesen, will sagen: ich wollte sie zu Ende lesen, aber sie hat mich nicht ganz gepackt, so dass man nicht aufhören kann, bis man das ende nicht kennt...
Vielen Dank!
24.12.2011, 09:55 von danny_mahony"Sie beschloss, ihn nicht mehr sehen zu wollen."
24.12.2011, 01:07 von easy_isiZufall, aber ich kenne das...
ganz nette Geschichte an sich ;)
Danke :-)
24.12.2011, 09:55 von danny_mahonySchönste Stelle: 2-letzter Absatz; der innere Diskurs, die Bewusstseinswerdung, die Überwindung der Angst. Gefällt mir sehr gut!
23.12.2011, 02:25 von an2xgVielen Dank für das Lob!
23.12.2011, 09:07 von danny_mahonyHabe erst alle 4 Teile gelesen, bin mitgeschwommen in dem mal langsamen und mal schnellen Fluss deiner Worte. Habe mich mitreißen lassen von der außergewöhnlichen Beschreibung über außergewöhnliche Persönlichkeiten.
Vielleicht ist es anmaßend, aber alles etwas gestrafft in eine Geschichte gepackt und ohne den reißerischen englischen Satzfetzen im Trailer hätte ich es noch besser gefunden.
22.12.2011, 19:13 von limpstoneVielen Dank für die Komplimente!
Dann ist es okay! Jeder sollte seinen Text so schreiben, wie er ihn verstanden wissen will. Das ist die große Freiheit bei NEON. Wir sind ja hier nicht im zensierten Deutschkurs in der 12/de.
Mich hat die detailgenaue Beschreibung der Personen angsprochen. Kann man sich was von abschauen ;-) Ich lerne so für mich besser zu schreiben. Aber man kann in diesem Forum eben alles: davon lernen, darüber lächeln, oder angewiedert sein. Das ist die kleine Freiheit bei NEON
27.12.2011, 10:43 von limpstoneGenau so ist es :-)