danny_mahony 22.12.2011, 10:20 Uhr 41 22

Das Museumsmädchen (4)

Ein Mädchen trifft einen Jungen. As simple as that.

Irgendwann konnte er nachvollziehen, warum sie damals so fühlte, dachte und schließlich handelte. Verstehen konnte er es nicht, auch wenn er es aufrichtig versuchte. Doch er war in seiner Persönlichkeit anders veranlagt, hatte andere Erfahrungen gemacht in seinem Leben, die ihn nicht so übervorsichtig werden ließen wie sie. Mehrmals täglich probierte er damals, sie zu erreichen, per Telefon, SMS oder Mail. Weil er nicht kapieren konnte, warum sie sich völlig aus dem Nichts so zurückzog und den Kontakt abbrach. Er hinterfragte sich, reflektierte jede seiner Aussagen und Handlungen bis ins letzte Detail und wurde dadurch nur noch ratloser. Gleichzeitig erfasste ihn eine bleierne Trauer, weil er noch nie in seinem Leben eine Person getroffen hatte, die ihn vom ersten Moment so fasziniert hatte.

Bei ihr löste sich durch den Entschluss, ihn nicht mehr zu sehen, die Anspannung, die sich über die Tage aufgebaut hatte. Sie fühlte sich befreit, lebte wieder ihr altes Leben, in dem nur sie existierte. Immer wieder jedoch stieß sie auf eine interessante Buchpassage, hörte ein wunderschönes Lied, hatte eine Anfangsidee für eine Geschichte. Und dachte jedes Mal, dass sie ihm das jetzt gerne erzählen und nach seiner Meinung fragen würde. Ihr wurde bewusst, dass der Abschnitt ihres Lebens, in der ihr das Emeritentum zum Zufrieden sein genügte, vorbei war. Und sie fragte sich, woran es wirklich lag, dass sie ihn nicht mehr sehen wollte. Und ob das wirklich das war, was sie wollte.


Es wurde ihr klar, dass sie Angst hatte. Vor einer aus ihrer Sicht einschneidenden Veränderung in ihrem Leben. Noch dazu einer, die mit einem für sie nicht kalkulierbaren Risiko verbunden war. War er wirklich an ihr und vielleicht sogar einem mit ihr geteiltem Leben interessiert? Oder war er einfach nur froh, direkt nach seiner Ankunft in der neuen Stadt jemanden getroffen zu haben, der manche Interessen mit ihm teilte und mit dem es sich gut Zeit verbringen ließ. Sie erkannte, dass sie keinerlei Gefühl für seine Gefühle hatte. Und diese Ungewissheit löste bei ihr keine Neugier, sondern Angst vor der Enttäuschung ihrer Hoffnung auf eine positive gemeinsame Zukunft aus.

Die Gewöhnung an die Gemütlichkeit des Status quo, verbunden mit der Angst vor riskanter Veränderung, dies waren die eigentlichen Gründe für ihr Leben allein. Sie hatte allzu lange geglaubt, dass ihr dies wirklich genügte. Sie hatte immer diese Pärchen belächelt, die nur noch als Einheit zu existieren schienen, jeglicher Individualität beraubt. Jene war ihr wichtiger als alles andere, niemals wollte sie diese aufgeben. Doch war sie wirklich nicht mehr derselbe Mensch wie in der Zeit vor ihm, nur weil sie ein Stück ihrer Unabhängigkeit für ihn aufgab? War es überhaupt ein "aufgeben" im negativen Wortsinne, oder war es nicht vielmehr ein unbemerktes, unterbewusst sogar gewünschtes Eintauschen von Unabhängigkeit für mit einem Menschen verbrachte Zeit, die tausend Mal wertvoller als viele weitere Stunden allein mit sich selbst ist? Sie gab keine Zeit auf, und sie gab auch sich selbst nicht auf. Im Gegenteil, sie verstellte sich nicht, spielte keine Rolle, um ihm zu gefallen, wenn sie mit ihm zusammen war. Sie war sie, das Mädchen voller lebensfroher Kreativität. Und er war der Junge, der ihre Kreativität aufnahm, mit seiner eigenen verband und die Summe aus beiden an sie zurückgab. Als ihr das bewusst wurde, musste sie schlucken. Und sie wollte nichts lieber als ihn zu sehen. Sofort.

Er war überrascht, als sein Handy klingelte und sie in der Leitung war. Sie war aufgeregt und hastig, so wie am Ende ihres ersten gemeinsamen Abends. Sie sagte, dass sie ihn sofort sehen wolle. Er war angesichts ihres ungeduldigen Drängens viel zu verwirrt, als dass er sie fragen konnte, wie es dazu kam, dass sie sich jetzt, nach Tagen des Schweigens und Verkriechens, plötzlich wie aus dem Nichts bei ihm meldete und nach einem sofortigen Treffen verlangte. Stattdessen sagte er zu. Sie trafen sich vor dem Museum, an dem Platz, wo sie das erste Mal auseinander gegangen waren. All das, was ihr in den letzten Tagen durch den Kopf ging, platzte aus ihr heraus, sie entschuldigte sich, versuchte zu erklären, gestikulierte wild, schaute ihn an, fragte ob er sie verstehen und ihr verzeihen könne. Einen Moment war es still, dann lächelte er. Und bevor er sie in seine Arme schloss und küsste, sagte er: "Um einen Menschen wirklich lieben zu können, muss man ihn nicht verstehen!"

Ende

Teil 1
Teil 2
Teil 3

22

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41 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Grossartige Geschichte!

    27.12.2011, 10:27 von fazzoletti
    • 0

      Dankesehr!

      27.12.2011, 10:30 von danny_mahony
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  • 1

    Eine Wunderschöne Geschichte. 


    Danke.

    26.12.2011, 20:28 von sommerloch
    • 0

      Gern geschehen! Danke für das Kompliment :-)

      26.12.2011, 20:39 von danny_mahony
    • 0

      Bitter gerne.

      26.12.2011, 20:44 von sommerloch
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  • 1

    Herzerwärmende Geschichte :)

    26.12.2011, 19:17 von Matsu.la.petite.combattante
    • 0

      Vielen Dank!

      26.12.2011, 20:38 von danny_mahony
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  • 1

    Eine wunderschöne Geschichte voller Herz und Wärme! Anfangs wollte ich mir die einzelnen Teile für mehrere Tage aufteilen, aber meine Neugier siegte und ich habe alle vier Abschnitte hintereinander weg gelesen :) Es hat sich gelohnt!

    DIe Länge finde ich passend.
    Danke für diese Geschichte.

    24.12.2011, 16:43 von Cenere
    • 0

      Vielen herzlichen Dank für die Komplimente!

      24.12.2011, 23:58 von danny_mahony
    • 1

      Sehr gerne :)

      27.12.2011, 15:11 von Cenere
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  • 1

    Ein wunderbares Ende und ein wunderbarer Fazit.
    Diese Geschichte liest sich für mich einerseits so absurd, man möchte die Protagonisten am liebsten durchschütteln uns sagen: Genau das ist es doch. Das Leben...
    Andererseits kommt es mir so vertraut vor, als ob ich diesen ganzen Ablauf erst gestern durchlebt habe. Vielleicht, sollte ich es mal mit deiner Lösung probieren, und einfach mal jemanden anrufen ;)
    Danke für diesen Lesemoment und deinen schönen Text! :)

    24.12.2011, 14:17 von alima1.1
    • 0

      Vielen lieben Dank für diese nette Rückmeldung!


      Es stimmt, als Außenstehender findet man so ein Verhalten absurd. Aber ich glaube, dass wir Menschen genau das nun mal oftmals einfach sind: absurd.

      24.12.2011, 14:41 von danny_mahony
    • 1

      Ja genau das meinte ich ja auch. Vielleicht kommt es mir auch nur so absurd, weil ich eben so gehandelt hätte und auch schon habe.
      Auf jeden Fall hast du mir Weihnachten mit deinem Text ein bisschen versüßt :)

      24.12.2011, 14:51 von alima1.1
    • 1

      Freut mich :-)

      25.12.2011, 00:01 von danny_mahony
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  • 1

    ich habe die Geschichte nicht an einem Tag gelesen, will sagen: ich wollte sie zu Ende lesen, aber sie hat mich nicht ganz gepackt, so dass man nicht aufhören kann, bis man das ende nicht kennt...


    aber ich mag: die Geschichte, die Charaktere, die feinen Beobachtungen über Gefühle und Gedanken. 

    Sehr schöne Erzählung.

    24.12.2011, 01:59 von bliny_yogini
    • 0

      Vielen Dank!

      24.12.2011, 09:55 von danny_mahony
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  • 1

    "Sie beschloss, ihn nicht mehr sehen zu wollen."

    Zufall, aber ich kenne das...

    ganz nette Geschichte an sich ;)

    24.12.2011, 01:07 von easy_isi
    • 0

      Danke :-)

      24.12.2011, 09:55 von danny_mahony
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  • 1

    Schönste Stelle: 2-letzter Absatz; der innere Diskurs, die Bewusstseinswerdung, die Überwindung der Angst. Gefällt mir sehr gut! 

    23.12.2011, 02:25 von an2xg
    • 0

      Vielen Dank für das Lob!

      23.12.2011, 09:07 von danny_mahony
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  • 1

    Habe erst alle 4 Teile gelesen, bin mitgeschwommen in dem mal langsamen und mal schnellen Fluss deiner Worte. Habe mich mitreißen lassen von der außergewöhnlichen Beschreibung über außergewöhnliche Persönlichkeiten.


    Vielleicht ist es anmaßend, aber alles etwas gestrafft in eine Geschichte gepackt und ohne den reißerischen englischen Satzfetzen im Trailer hätte ich es noch besser gefunden.

    22.12.2011, 19:13 von limpstone
    • 0

      Vielen Dank für die Komplimente!


      Ich denke mal darüber nach, ob und wo ich ggf. kürzen könnte. Der englische Teaser (ups, schon wieder...) ist sicherlich diskusssionswürdig. Andererseits ist das meine Art zu schreiben, zu reden und auch zu denken, dass mir bisweilen englischsprachige Ideen kommen. Soll aber nicht bedeuten, dass ich der deutschen Sprache weniger "zutraue", im Gegenteil.

      22.12.2011, 23:41 von danny_mahony
    • 0

      Dann ist es okay! Jeder sollte seinen Text so schreiben, wie er ihn verstanden wissen will. Das ist die große Freiheit bei NEON. Wir sind ja hier nicht im zensierten Deutschkurs in der 12/de.


      Mich hat die detailgenaue Beschreibung der Personen angsprochen. Kann man sich was von abschauen ;-) Ich lerne so für mich besser zu schreiben. Aber man kann in diesem Forum eben alles: davon lernen, darüber lächeln, oder angewiedert sein. Das ist die kleine Freiheit bei NEON

      27.12.2011, 10:43 von limpstone
    • 0

      Genau so ist es :-)



      27.12.2011, 11:02 von danny_mahony
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