Carolin_Pia 30.11.-0001, 00:00 Uhr 15 5

Das Mingle- Dasein- Eine neue Ära?

Über den traurigen Trend, niemanden mehr auf Dauer als gut genug zu empfinden

Ich habe ein Händchen für bindungsunwillige Männer. Was soll ich groß drum herum reden oder es als schöner darstellen, als es ist. Der vorletzte Mann, den ich kennen gelernt hatte vor fast einem Jahr, entpuppte sich als ein Freund des Mingleprinzips. Dies ist ein neuer Beziehungsstatus, der den sogenannten „Fuckbuddy“ oder die „friends with benefits“ abgelöst hat. Es ist also mehr als eine reine Sexbeziehung, jedoch weniger als eine eigentliche Beziehung, sozusagen eine halbe Beziehung. Es ist ein Status der einer Definition bedurfte. Somit entstand das Wort „Mingle“, eine Abkürzung für „mixed single“. Eine Freundin teilte mir mit, dass ich ein Mingle sei und schickte mir einen Artikel dazu. Dieser Artikel war trauriger weise mehr als wahr. Und im Nachhinein betrachtet gab es eine Zeit, in der ich mehr Mingels kannte, als eigentliche Pärchen. Und auch ich sollte ein Mingel sein.


Besagter Mann und ich verstanden uns hervorragend und sind uns mit der Zeit näher gekommen. Wir trafen uns regelmäßig, küssten uns, verbrachten Abende zusammen auf der Couch und haben gekuschelt, waren im Kino, haben Händchen gehalten, usw. Doch dann habe ich auch mal wieder eine Woche oder mehr nichts  mehr von ihm gehört. Das Thema kam dann mal auf, was wir denn eigentlich wären. Denn für mich sah das enorm nach einer Beziehung aus und dementsprechend machte es mich auch fertig, wenn ich ewig nichts von ihm hörte, oder er kurz angebunden war. Er eröffnete mir dann, dass er keine Beziehung wolle. Dies sagte er zwar zu Beginn auch vereinzelt, obwohl wir uns über eine Dating Seite kennen gelernt hatten laut der er eine feste Beziehung suchte, aber die Dinge änderten sich dann. Es stellte sich heraus, dass er mich attraktiv, witzig, intelligent, sexy, usw. fand, ich also so ziemlich alle Kriterien in seinen Augen erfüllte, die er sich bei einer Frau wünschte. Warum also dann keine Beziehung eingehen?


Der Artikel, den mir meine Freundin schickte, erklärte dieses Phänomen unter anderem unter psychologischen Gesichtspunkten und machte auch deutlich, dass es vermehrt Männer seien, die diese Art der Beziehung bevorzugten. Denn bei Frauen kommt allein aus biologischen Gründen früher oder später der Wunsch nach einer festen Bindung auf. Quintessenz des Artikels war es, dass Männer eine feste Bindung oftmals mit dem Verlust von Freiheit verbinden und denken, sie könnten etwas besseres, bzw. eine bessere verpassen. Sie gehen also eine halbe Beziehung mit einer tollen Frau ein, mit der sie auch gerne Zeit verbringen, sträuben sich aber gegen den letzten Schritt, eine feste Bindung mit dieser einzugehen. Jeder Mensch braucht ab und an mal die Nähe und Zärtlichkeit eines anderen Menschen und das haben sie dann auch. Aber sie halten sich die Option offen weiterhin zu daten oder mit anderen Frauen schlafen zu können. Man könnte es als eine Art offene Beziehung bezeichnen. Und dieses Prinzip finde ich schlicht und ergreifend traurig. Ich persönlich bin schon ein extremer Gegner des Wortes „Lebensabschnittsgefährte“, da es ein sicheres Ende nach einem gewissen Lebensabschnitt voraussagt. Wieso ist der Bindungswille in der heutigen Gesellschaft so eingeschlafen? Auf der einen Seite postet jeder Vollpfosten bei Facebook das Bild eines alten Ehepaars, welches gefragt wurde, wie sie so lange verheiratet sein konnten und antworteten „Wir kommen aus einer Zeit, in der kaputte Dinge repariert und nicht einfach ersetzt wurden“ und auf der anderen Seite ist kaum jemand bereit sich wirklich zu binden. Das Prinzip der Ehe wird oft durch ein Gefängnis und der vollkommenen Aufgabe eigener Rechte portraitiert. Aber ist es das wirklich? Menschen wie ich werden belächelt und mir wird an den Kopf geworfen, ich sei zu geprägt von Disney Filmen und dem Prinzip „sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“. Natürlich ist das Leben kein Märchen und es gibt Höhen und Tiefen. Aber man sollte doch in der Lage sein, diese mit dem richten Partner an der Seite zu meistern. Nicht umsonst heißt es „in Gesundheit und Krankheit, in guten und in schlechten Tagen“. Heute wird in den schlechten Tagen einfach alles hingeschmissen und niemand ist mehr gewillt Kompromisse einzugehen. Doch würde ich meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es mit JEDEM Partner diese schlechten Tage gibt oder geben wird. Vielleicht bin ich geprägt von Disney Filmen, ja. Vielleicht aber auch nur von dem Umfeld aus dem ich komme. Ich bin in einer sozial stabilen Schicht und dem entsprechenden Umfeld aufgewachsen. Meine Eltern sind seit 31 Jahren verheiratet und die meisten meiner Freunde kommen auch aus diesem sozial intakten Familienleben. Natürlich sind auch Scheidungskinder dabei, aber auch die haben sich mit den neuen Partnern der Eltern arrangiert und haben eben zwei intakte Familien. Das ist doch der Beweis dafür, dass Bindungen möglich sind. Und doch auch etwas Schönes sind. Nach 31 Jahren gibt es Momente in denen mein Vater meine Mutter ansieht, als sei sie alles was er jemals vom Leben wollte. Und umgekehrt. Dazu kommt das gegenseitige Vertrauen, die Loyalität, das Leben, das man zusammen aufgebaut hat und die Kinder, die einen Stolz machen. Diese Dinge können doch in den letzten Jahren nicht so drastisch an Wert verloren haben. Auch der vermeintliche Verlust von Freiheit in einer Beziehung ist eine rein egoistische Betrachtungsweise. „Ich kann als Single machen was ich will und bin niemandem Rechenschaft schuldig“…dieser Satz sorgt bei mir für Brechreiz. Ich hatte in meinen Beziehungen immer das Glück, dass ich nach wie vor meine Freiheiten mit meinen Hobbies und Freunden hatte, wie als Single. In einer gesunden, gleichberechtigten Beziehung sollte das nämlich so sein. Nur hat man eben zusätzlich noch jemanden, der einen liebt und sich um einen sorgt. Und ich persönlich lege gerne Rechenschaft über das ab, was ich tue und mit wem, wenn ich dafür jemanden an meiner Seite habe, der sich um mich sorgt. Denn auf einen Partner, dem es komplett egal wäre, was ich wann wo mit wem mache, könnte ich sowieso verzichten.


Sich Optionen offen halten für jemand besseren ist doch absoluter Nonsens. Natürlich sollte ich keine Beziehung mit jemandem eingehen mit dem es einfach nicht richtig passt. Aber sich grundsätzlich dagegen sträuben Gefühle zuzulassen, kann doch auf Dauer nicht glücklich machen. Es bringt die ständige Unsicherheit mit sich irgendwo irgendeinen besseren finden zu können. Und es wird immer einen attraktiveren oder intelligenteren oder charmanteren Menschen geben. Doch es ist doch die Kombination der Charaktereigenschaften, die einen Menschen zu dem machen, was er ist. Abgesehen davon glaube ich, dass es nur eine begrenzte Anzahl wirklich passender Partner für einen gibt, vielleicht auch wirklich nur den einen Deckel zu jedem Topf. Und ich kenne Menschen, die einen Partner verloren haben wegen etwas vermeintlich besserem und diese Entscheidung noch Jahre später bereuen, denn nun sagen sie selbst „das war der /die eine für mich, und ich hab’s vergeigt“. Wegen einem One night stand mit einer schlankeren oder hübscheren oder ähnlichem. Auch besagter Mann, den ich kannte, hatte diese absurde Wunschvorstellung einer jungen, super schlanken, super schönen Frau, mit Witz, Charme, einem IQ von 130, die treu ist, eine Hausfrau, eine Lady, ein Kumpel, eine Bombe im Bett und allen anderen non plus ultra Eigenschaften. Und es mag diese Frauen geben, allerdings erstens nicht an jeder Straßenecke und zweitens sollte man dann auch ein solcher non plus ultra Mann sein um solche Kriterien an den Tag zu legen. Und das war dieser Mann nicht. Woher er also das Selbstbewusstsein nahm zu denken er sei ein Mann, bei dem diese Art Frau Schlange stehen müsste, ist mir Schleierhaft. Vorallem mit Blick auf seine Ex Freundin. Schlank war sie. Aber optisch weder ein Model noch geistig eine Nobelpreisträgerin. Sie war nicht hässlich, aber auch nicht das, was man als attraktiv bezeichnen würde. Und er selbst sagte mir, sie sei eher „einfach“ gewesen, eine charmante Art auszudrücken, dass sie nicht die hellste Kerze auf der Torte war. Und mit ihr war er drei Jahre zusammen. Doch dann wollte er die ultimative Traumfrau und hat mich zum Mingle gemacht. Nach einigen Monaten hatte ich dann keine Lust mehr auf diesen Status und sagte ihm, hop oder top. Wenn er meint er könne eine bessere finden und hätte diese auch verdient, bitte. Oder aber er geht mit mir eine Beziehung ein, der Frau, die in seinen Augen eigentlich optisch und charakterlich genau seinem Geschmack entspricht. Er traf keine Entscheidung, also traf ich sie und brach den Kontakt mit ihm ab. Es gab auch noch einen anderen entscheidenden Grund dafür, aber der hat nichts mit dem Thema zu tun.


Mein Fazit also zu dem Thema: 

Mingle sein ist scheiße. Man verbringt die Zeit mit jemandem, mit dem man sich gut versteht und aus einer anfänglichen Zuneigung entstehen zwangsläufig Gefühle, wenn alles passt. Man kommt sich näher, führt eine Beziehung mit allem was dazu gehört, auch in der Öffentlichkeit und man lernt die Freunde, vielleicht sogar die Familie des anderen kennen. Doch letztendlich gibt man dem ganzen nicht das Wort „Beziehung“ und geht keine richtige Bindung ein. Man ist austauschbar und lebt in ständiger Sorge nur die zweite Wahl zu sein, falls eine bessere daher kommt. Der andere bekennt sich also nicht 100%ig zu einem und man bekommt notgedrungen das Gefühl nicht gut genug zu sein. Bei aller Liebe, mir kann niemand erzählen, dass das ein Gefühl ist, das man gerne hat und dass sich so etwas nicht negativ auf das Ego auswirken würde. Nach mehrerer solcher „Beziehungen“ schleicht sich irgendwann das Gefühl ein, man sei generell nicht gut genug, sieht aber auf der anderen Seite, wie jeder Spacko in der Lage ist, geliebt zu werden und eine Beziehung zu führen. Dieser Trend der Mingels ist also in meinen Augen ein gefährlicher, gerade für junge Menschen, deren Selbstwertgefühl noch auf der Kippe steht. Für eine gewisse Zeit mag das also mal die Lösung sein, aber nicht dauerhaft. Irgendwann muss man sich entscheiden und man sollte auch offen darüber reden was man ist. In regelmäßigen Abständen. Denn auch der Satz „wir haben von Anfang an geklärt, dass da keine Beziehung draus wird“ sorgt bei mir für Unmut. Denn man kann klären was man will, am Anfang kennt man einander nicht so gut. Doch kommt man sich dann näher und es passt in allen Bereichen, kann geklärt sein was will, es entstehen Gefühle.

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15 Antworten

Kommentare

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    wenn man gesund kommunizieren kann, gibts diese probleme meiner meinung nach nicht.

    man sollte schon wissen, was man will und wie man fühlt, aber das gehört für mich in den teil "gesund".

    10.04.2014, 01:02 von oern
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    Nachtrag:

    Hier der Artikel, der mir geschickt wurde

    http://www.welt.de/icon/article123501933/Sind-wir-zusammen-Oder-was-Das-Leben-als-Mingle.html

    09.04.2014, 16:12 von Carolin_Pia
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    • 0

      Das kann ja jeder handhaben wie er möchte. Ich persönlich mag das Wort einfach nicht ;) 


      Und das Wort "Mingle" hab ich mir schließlich auch nicht aus gedacht. Wie in meinem Kommentar weiter unten schon gesagt, kann ich mich noch daran erinnern, dass küssen und Händchen halten in der Öffentlichkeit und den Freunden vorstellen früher mal ein Indikator für eine Beziehung war. Dann wurde auf einmal der Begriff "Freundschaft Plus" oder "friends with benefits" modern, wenn es eher nur um den gelegentlichen Spaß im Bett ging. Und jetzt eben der Ausdruck für so halbe Beziehungen. Gesellschaftsfähig wird es damit im meinen Augen nicht mehr oder weniger. Wie beschrieben, finde ich den Trend eher traurig.

      09.04.2014, 15:55 von Carolin_Pia
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  • 0

    Finde ein neues Wort für Uraltes und schon hast Du einen neuen Trend. Vorzugsweise einen besorgniserregenden Trend.

    08.04.2014, 18:32 von gemuesesuppe
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      Da ich nicht uralt bin, weiß ich nicht wie alt der Trend ist. Und ich weiß man kann das Rad nicht ständig neu erfinden. Aber soweit ich mich dann doch zurück erinnern kann, waren gewisse Handlungen früher ein Indiz für eine feste Beziehung...und heute ist alles "locker" und freiheitsorientiert.

      08.04.2014, 18:52 von Carolin_Pia
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      Hehe. Ich las: Finde ein neues Wort für Ultras.

      08.04.2014, 19:58 von RAZim
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      Hm nein, nicht alles. Es gibt auch heute offensichtlich richtige Beziehungen und es gab auch früher welche, bei denen einer nicht so richtig wollte. In deinem Fall der Mann wollte anscheinend nicht so richtig.

      Dreh den Spieß einfach gedanklich um: Du lässt dich mit jemandem ein, der dir etwas Zärtlichkeit gibt, in den du aber nicht verliebt bist. Nach einer Zeit empfindet er mehr, du nicht. Und dann? Dann bist du plötzlich auch ein "Mingle". Vielleicht nennst du es dann nicht so, sondern "passt halt nicht" oder anderes...

      08.04.2014, 21:35 von gemuesesuppe
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      Ich verstehe was du meinst. Aber ich glaube,ich bin da eher altmodisch. Ich lasse mich tendenziell nur auf Zärtlichkeiten ein, wenn ich persönlich daraus eine Beziehung entstehen sehen würde. Hatte einmal die Erfahrung, dass ich jemanden kennen gelernt hatte und wir dann nach ein paar Treffen Händchen gehalten und uns mal geküsst hatten, aber bei mir irgendwie nicht der Funke übergesprungen war. Das hab ich ihm dann auch direkt gesagt und die Sache beendet. Wollte fair bleiben

      09.04.2014, 15:49 von Carolin_Pia
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  • 3

    Besser Mingle als Moogle.

    08.04.2014, 18:09 von EliasRafael
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      oder mofa. halb mensch, halb sofa. (copyright by twitter)


      10.04.2014, 00:59 von oern
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