einmaleins 22.01.2017, 23:36 Uhr 21 47

Das Mädchen dazwischen

Ich kitte dein angeknackstes Ego, wenn es sonst keiner tut, ich bin da, wenn du dich einsam fühlst, komme spät und gehe vor dem Frühstück.

Hallo.Ich bin das Mädchen dazwischen.

  Ich lenke dich ab, wenn du Liebeskummer hast, ich versüße dir die Zeit, bis zu deiner nächsten Beziehung, ich unterhalte dich, wenn deine Kumpels abgesagt haben, ich kitte dein angeknackstes Ego, wenn es sonst keiner tut, ich bin da, wenn du dich einsam fühlst, komme spät und gehe vor dem Frühstück.

 An deinem Leben teilhaben darf ich nur in deinen dunklen Stunden. Wie eine Winterjacke, die man in den Schrank hängt, sobald die ersten Sonnenstrahlen wieder rauskommen und die man erst wieder herausfischt, wenn es nicht anders geht.

 Ich höre nichts von dir.

Dieses Mädchen fragt man nicht, wie es ihr geht. Keine Geburtstagsgrüße, keine lustigen Urlaubsfotos. Man meldet sich, wenn man was von ihr braucht. Trost, Ablenkung, Unterhaltung, Selbstbestätigung. Und wenn man eben kein Bock hat morgens noch extra Frühstück machen zu müssen.

 Ich klingel, du drückst den Summer. „Ich bins“, hauche ich. Die Tür ist angelehnt. Im Türrahmen auf mich warten, bis ich die 5 Stockwerke hochgelaufen bin, tust du schon lange nicht mehr.

Ein Jahr ist es her.  

Du sitzt an deinem Küchentisch und hast mir den Rücken zugewandt. Dann drehst du dich um. Mein Herz klopft.

Wie es mir geht willst du wissen. Du schaust mich aufmerksam und freundlich an. Lang ist es her. Ich möchte schreien. „Gut“, sage ich lächelnd. „Sehr gut.“

Das würde ihn freuen. Ihm gehe es auch gut. Ich lächle noch breiter.

 Wir trinken. Viel.

Deine Hand auf meinem Oberschenkel. Unsere Blicke treffen sich. Ein Moment lang wissen wir beide nicht, was wir sagen sollen. Wir beide wissen, dass das nicht okay ist. Es ist nicht okay das einfach totzuschweigen. In diesem Moment der Stille, der Sprachlosigkeit, kommt es mir vor, als ob du meine Gedanken hören könntest. Du starrst auf den Boden und spielst mit deinem Glas. Es klappt nicht mehr mit dem Lächeln. Mir kommen die Tränen. 4 Gin Tonics machen emotional. Was denn los sei, möchtest du wissen. Was er denn getan hätte. Mir kommen noch mehr Tränen. Du drückst mich an dich, nimmst mein Gesicht in deine Hände und willst eine Antwort.

 Ich wende mich ab und schwanke zur Haustür. Du hältst mich nicht auf. Entlässt mich in die dunkle Nacht.

 Ich renne durch den Schnee. Renne weg von dir. Du rufst an. Einmal, zweimal, dreimal, viermal..

Ich renne weiter.

 „Frohes neues Jahr“, schreibst du. Ob ich schön gefeiert habe und ob wir uns denn nicht noch einmal treffen wollen.

„Gerne“, schreibe ich. „Sehr gerne.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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21 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich mag, dass du so schreibst, dass man mitbekommt wie anfangs alles ganz langsam ist und am Ende nur noch alles rennt und ganz furchtbar schnell geht bis es stoppt. Und dann doch nicht.
    Ich fühle auf jeden Fall jetzt mit dir. Kann gar nicht mehr anders.

    19.02.2017, 02:57 von gesundaberverpoent
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  • 0

    Wer kennt diese Situationen nicht. Das/Der Mädchen/Junge dazwischen - oft auch in Form des Alternativpartners. Okay ... blödes Wort!

    Toll beschrieben ... Das Mädchen in der Liebespaare. 

    13.02.2017, 14:07 von Asterios
    • 0

      ich kenne sie nicht.....

      19.02.2017, 11:22 von Dr_Lapsus
    • 0

      Wird schon noch ... mit zunehmenden Alter ! :-D

      20.02.2017, 09:31 von Asterios
    • 0

      ach du Schei...... !   Wie alt soll ich denn noch werden ?? 

      20.02.2017, 12:15 von Dr_Lapsus
    • 0

      Vielleicht hast Du beim Altern was falsch gemacht?
      ;-)

      20.02.2017, 13:31 von Asterios
    • 0

      Der Alterungsprozess findet ohne mein Zutun statt.   Deshalb:  ich bin unschuldig !

      20.02.2017, 13:54 von Dr_Lapsus
    • 0

      Das sagen alle :-D

      20.02.2017, 14:38 von Asterios
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  • 1

    Nach sowas geht es einem so richtig dreckig. Manche Menschen können wie eine Droge sein, von der man nur schwer loskommt. Da hilft manchmal einfach nur, sein Leben radikal zu ändern oder sogar komplett in ein anderes Land zu flüchten.

    07.02.2017, 20:42 von RandomParticleInMotion
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  • 1

    Traurig, gefühlvoll und schmerzend... Danke <3

    06.02.2017, 14:19 von Miss_Coco_Bijou
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  • 0

    Eine traurige Geschichte. Es ist halt so im Leben: einer sieht das, was der andere nicht sehen will. 

    06.02.2017, 13:36 von Hangi
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  • 0

    Sehr gefühlvoll geschrieben, traurig..

    06.02.2017, 07:40 von schweigi
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  • 4

    ich habe sehr geweint 

    30.01.2017, 02:38 von Dr_Lapsus
    • 0

      https://www.youtube.com/watch?v=DksSPZTZES0

      ;)

      31.01.2017, 08:04 von PinkahPandah
    • 0

      musstest du auch weinen ? :-)


      ich klicke keine links an.:-(


      31.01.2017, 13:55 von Dr_Lapsus
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  • 1

    Ich denke fast, die Sprachlosigkeit ist nicht die Folge, sondern die Ursache des Problems. Nicht weglaufen und ruhig ans Telefon gehn. Du mußt keinen Stier auf die Hörner nehmen, es ist keiner da ...

    30.01.2017, 00:19 von alter_hund
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  • 1

    da beschreibst du was... etwas, was der eine mensch braucht und was der andere mensch braucht. was der eine mensch sieht und der andere nicht sehen will oder kann. wie so vieles im leben, liegt die verantwortung bei einem selbst, auch sich selbst so zu nehmen wie man ist. so manches mal geht es eben auch einfach nur darum, das wahrzunehmen, was der moment, der tag und die situation eben ist... es ist ein moment, ein tag und eine situation. ;)

    29.01.2017, 22:30 von punainen
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  • 1

    So etwas ähnliches habe ich auch schon einmal erlebt. Es hat lange gebraucht, bis ich erkannt habe, dass ich besseres verdiene als jemandes Lückenfüller zu sein. Aber es hat lange gedauert und war sehr schmerzhaft.

    24.01.2017, 18:15 von AliceImTruemmerland
    • 2

      Ich kenne das auch. Als ich einmaleins' Text las, fühlte ich mich daran erinnert. Wie oft liebt der eine mehr als der andere...

      24.01.2017, 18:45 von EC_Lino
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