Froschente 27.09.2011, 13:45 Uhr 19 29

Das Mädchen am Küchentisch

Die Arme verschränkt, stehe ich vor deiner Haustüre, um ein paar Sachen zu holen, vielleicht auch einen letzten Blick auf dich zu werfen.

Du begrüßt mich verlegen, wie man fremden Menschen eben begegnet, wenn sie unerwartet die Wohnung betreten. In deinem Schlafzimmer, in das unsere unbeholfenen Schritte führen, kalte Luft strömt durch das halb geöffnete Fenster, versuche ich mich nicht umzusehen, an solche Momente wird man sein Leben lang erinnert und ich möchte nicht mehr erinnern. Du bietest mir eine Zigarette an und lange kommt aus unseren Mündern nichts als Rauch. Gut siehst du aus, erholt, während ich mager auf den Baum vor deinem Fenster starre, die Knie eng an meinen Körper gezogen. Vielleicht liegt es an deiner Wohnung, die dich lebendig hält, mir ging es auch immer gut, als ich hier lebte. 

Gleich kommt sie nach Hause, sagst du, sprich nicht über uns. Von deinem Versprechen, da zu sein? Und wenn ich kommen würde, es einlösen, würdest du sie höflich bitten zu gehen? Du weißt doch, dass man in meinem Gesicht all die Vorwürfe und schlaflosen Nächte wie in einem offenen Buch lesen kann. Als sie klingelt, sperre ich mich im Badezimmer ein, den Kopf an die kühlen Fließen gelehnt, und versuche zu atmen.

Sie sitzt am Küchentisch, vielleicht auf meinem Stuhl, isst. Ihr schulterlanges braunes Haar fällt in ihr unbekümmertes Gesicht, dass mich durch große, braune Augen ansieht. Ich bin deine Nachmieterin, sagt sie. Wir tun, als kennen wir uns nicht. Ist es nicht reine Ironie, dass ich dich so gut kenne, dass ich sie aus hundert anderen Mädchen als deine erkannt hätte? Es freut mich, dass du endlich die gefunden hast, von der wir lange scherzten, deren Gesicht mir schon so bekannt war, dass ich es hätte zeichnen können. Eine Mischung aus mir und all den anderen Mädchen, mit denen du mich gedanklich betrogen hast. Manchmal wünschte ich, ich würde dich nur halb so gut kennen, vielleicht wäre ich dann nie gegangen.

Ich freue mich für dich, sage ich, möglicherweise ist dies sogar die Wahrheit, und weiß dass ich nie wieder kommen werde. Vielleicht nächste Nacht. Ich kann dir jeden Tag tausend Lügen erzählen, an manchen Tagen scheint es, als glaubtest du mir. Ich frage mich, ob du weißt, wie schwer es fällt, jemandem wie dir ins Gesicht sagen zu müssen, ihn nicht mehr zu lieben. Ohne sich durch einen Blick in deine grünen Augen zu verraten. Ich sehe das Mädchen am Küchentisch erneut an. Dein Blick sagt mir, dass ich dort sitzen könnte, du hast ja um mich gekämpft. Kampf? Vielleicht war es auch Schwäche. Und ich kämpfe jeden Tag, um nicht wieder mit dir zu versinken, wie zwei Süchtige im Rausch, der Glücksgefühle auslöst und Zerstörung hinter sich zieht. Aber du hörst mich nicht, hast ein Lächeln auf den Lippen, das ich einmal gekannt habe, wieder an das Mädchen gewandt. Ich sollte glücklich sein. Und dann frage ich mich, wann der erste Tag sein wird, an dem ich aufwache und in der Nacht nicht bei dir war. Wann der erste Tag kommt, an dem ich nicht wegen dir weinen werde. Wann ich mit der Straßenbahn an unserer alten Wohnung vorbeifahren werde und keinen Stich im Herzen mehr verspüre. Obwohl wir so lange nicht gesprochen haben, habe ich immer noch das Gefühl, du seist ein Teil von mir und ich wünsche mir, dass du endlich aus mir verschwindest. All deine Briefe, all deine Bilder habe ich zerrissen und fortgeworfen. Ich habe meine ganze Kraft verbraucht, von dir loszukommen, um nicht wieder vor deiner Haustüre zu stehen.

Meine Hand streift das kalte Holz des Treppengeländers entlang, mit jedem Schritt in die Tiefe, und ich versuche dem bekannten Geruch deines Hausflurs zu entkommen. Und bete, dass ich in der nächsten Nacht nicht wieder bei dir aufkreuzen werde.

29

Diesen Text mochten auch

19 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Manche Texte dem Hauptthema "Liebe" sind und bleiben mir einfach suspekt.
    Auch ich finde es konfus geschrieben. Aber vielleicht war das absicht?

    12.10.2011, 11:43 von Jingeling89
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wunderschön! Ich verstehe so gut!

    04.10.2011, 19:56 von feral-deep
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Gut geschrieben, zweifellos.

    ABER:
    Abgesehen von "Manchmal wünschte ich, ich würde dich nur halb so gut kennen, vielleicht wäre ich dann nie gegangen" liest er sich wie der Text einer rausgeworfenen. Ich bin keine Frau, aber ein Pragmatiker und trotzdem kein Gefühlsidiot.
    Die einzige Frage die sich wirklich stellt, bleibt provokant im Raum hängen: WARUM hat sie ihn verlassen? Weil er zu umtriebig ist? Ist das ein Grund? Hat er nicht um das lyrische Ich gekämpft? Warum hadert das lyrische Ich mit dem eigenen Entschluss zu gehen?

    Um es mit Brecht zu sagen: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

    Gut geschrieben, schlecht erzählt.

    30.09.2011, 10:43 von Plutarch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    kommt mir sehr bekannt vor! gut geschrieben! ;)

    29.09.2011, 14:40 von Zoe-Emilia
    • Kommentar schreiben
  • 0

    kommt mir sehr bekannt vor! gut geschrieben! ;)

    29.09.2011, 14:40 von Zoe-Emilia
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Etwas wirr, aber so wahr!

    28.09.2011, 20:48 von GelbesWunder
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ‎"Und ich kämpfe jeden Tag, um nicht wieder mit dir zu versinken, wie zwei Süchtige im Rausch, der Glücksgefühle auslöst und Zerstörung hinter sich zieht." toll :)

    28.09.2011, 17:56 von criolla
    • Kommentar schreiben
  • 1

    der text ist großartig. mir fehlt nur zwischendrin etwas der Zusammenhang.

    28.09.2011, 10:44 von petitcochon
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mir ist der Text zu konfus. -->"während ich mager auf den Baum vor deinem Fenster starre" Diese Art von Sätzen verwirren mich.

    28.09.2011, 08:29 von Tanea
    • 0

      "mager", oh mann, das ganze leid, dieses rehäugige betteln umd das zurückdrehen der uhren - diese unterdrückte aggression! das ist so rollenkonform, da krieg' ich pusteln. wobei das alles nachvollziehbar ist und traurig undundund. aber diese blutleere! herrjeh!

      28.09.2011, 11:10 von lavish
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Aus gegebenem Anlass: Großartig, danke!

    27.09.2011, 23:10 von Onestone
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare