Das letzte Gefecht – Vorstellung vs. Realität eines Abschiedsgespräches
Wir, ich und mein Herz, wissen genau, was gleich passieren wird. Wir kennen das schon. Aus Filmen, Büchern und nur zu gut, aus eigenen Erfahrungen.
Gleich wird es an der Tür klingeln und mir wird nichts anderes übrig bleiben als zu öffnen. Wie im Wahn ertappe ich mich dabei, wie ich immer wieder verstört zur Haustür spähe. Dann greife ich mein Weinglas und versuche in kleinen Schlückchen, mein tapferes, schnell klopfendes Herz zu beruhigen. Immer nur nippen, um nicht zu betrunken zu sein, wenn der Kampf beginnt – das letzte Gefecht! Ein klarer Kopf wäre jetzt genau das Richtige, aber die Gedanken kreisen seit Tagen, ja Wochen und ich komme nicht an sie heran, um sie zu ordnen.
Wir, ich und mein Herz, wir wissen genau, was sich hier gleich abspielen wird. Wir kennen das schon. Aus Filmen, Büchern und nur zu gut, aus eigenen Erfahrungen.
Ein Blick auf die Uhr trifft uns wie ein Schlag. Sollten wir heute etwa versetzt werden? Es ist schon viel später als wir erwartet hätten und das Klingeln verspätet sich, als dann „DING DONG“, es läutet. Mein Herz versteckt sich für einen Moment, überlegt es sich zum Glück wieder anders und beginnt wieder kraftvoll zu schlagen.
Ich stehe auf, gehe zur Tür, werfe dabei noch einen prüfenden Blick in den Spiegel und drücke auf den Türöffner. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Durchschnittlich 40 Sek. Braucht jeder Besucher, um die Flurtreppen zu schaffen. Also beginne ich gedanklich zu zählen und öffne schließlich bei 38 die Tür … noch eine Stufe und er hat es geschafft. Mit leichtem Schnaufen und zögerlichem Lächeln sieht er mich an, als ich ihn bitte rein zu kommen.
In der Küche duftet der Tee in unseren Tassen und verbreitet einen angenehmen Zimtgeruch. Ich war sehr großzügig, als ich die lose Teemischung ins Sieb füllte. Das letzte Mal sollte alles perfekt sein, selbst die olle Teemischung sollte schmecken wie aus getrockneten Blättern aus dem Paradies. Teuer genug war sie jedenfalls. Das bereits leere Glas schaut vom weitem zu uns rüber. Billigfusel aus dem Teetrapack hatte es vorher beherbergt – nicht das passende für einen perfekten Abend. Gut genug für mich, aber nicht gut genug für UNS. Gut und besser! Das waren die beiden Kuckucksuhren, die sich immer wieder von allein aufzogen, um laut zu rufen und mich daran zu erinnern, wo mein Platz war.
Gut! Das war ich. Gut - für Spielereien, Neckereien, Schleckereien, und Spinnereien – aber nur für einen gewissen Zeitraum, denn wir wollen doch nie das Bessere vergessen. Besser! Pah! Besser hieß in diesem Fall seine Exfreundin, die ihn vor viel zu langer Zeit verlassen hatte, um noch ernsthaft zu trauern. Er aber konnte das. Genauso wie er romantische Abende mit mir verbringen konnte, mit kochen und Gesellschaftsspielen, mit gegenseitigem Austausch sündigen Jugendfotos, mit endlosen philosophischen Gesprächen in verrauchten Tanzbars und Spaziergängen am Wasser bei Tagesanbruch und das Alles, ohne tiefe Gefühle zu entwickeln. Das alles war möglich und gut. Genauso wie es möglich war, dass ich als zweite Hauptfigur anscheinend in einem völlig anderen Film steckte. Ich in einer modernen Lovestory, er in einem Drama aus alter Zeit.
Jetzt hier, das war mehr als gut. Es war perfekt! Ein abschließendes Gespräch, in dem er beteuern konnte, wie Leid ihm Alles tue und noch viel wichtiger, in dem ich ihm zeigen konnte, wie stark ich war.
Das war das Ziel!
So würde ich den Krieg gewinnen.
Das ich mir selbst viel zu wichtig bin, um traurig über die Tatsache zu sein, dass er in mir nichts Besonderes sah. Das musste ich vermitteln und ausstrahlen. Unter den gegebenen Bedingungen, nicht die einfachste Kunst. Schon heute morgen hatte mich mein eigener Teebeutel (!!!) Lügen gestraft. Die kleinen Weisheiten, die immer auf den Yogi-Tee-Fähnchen stehen, waren immer ein Leckerli am Morgen für mich. Bis da heute stehen MUSSTE „Lerne dich selbst wertzuschätzen“. Klugscheißer! Ich hab den Tee später weggekippt.
Hier
und jetzt hielt ich mich tapfer. Ich achtete auf entspannte
Gesichtszüge, fließende Bewegungen, eine ruhige Atmung und
ausgewogenen Themen beim Smalltalk. Die Raumtemperatur war gemütlich,
die Hintergrundmusik nach seinem Geschmack, in der richtigen
Lautstärke und dann, als ich gerade wirklich lockerer wurde,
startete er seinen ersten Angriff. …
Das hätte er nicht gewollt,
dass er mir weh tut und wies gelaufen und so … blabla ... .Ohne
Vorwarnung! Unter Schock konnte ich nicht anders als kräftig
schlucken, danach die Augen senken und leicht nicken.
Ade
starke Frau!
Es begann keine Schlacht, es begann eine Plünderung und der Feind war ganz klar im Vorteil. Aller Klassiker wurde ausgepackt. Von „Du bist eine wirklich tolle Frau“, über „Du hast was Besseres verdient“, bis zum Running Gag „Lass uns Freunde bleiben“ war alles dabei. Ein Fest für jeden Floskel-Liebhaber. Mir blieb nichts zu sagen.
Am Ende war das Feld geräumt und mein Herz lag in Stückchen verstreut zwischen zerbröseltem Stolz und matt glänzenden Tränen.
Ein
letztes „Buff“ der nun geschlossenen Haustür, dann folgte
Totenstille. Perfekt
war es nicht. Nicht mal gut, aber was nutzte das auch schon. Das nächste Mal wird`s BESSER!




Kommentare
Das Leben ist der beste Lehrer... manchmal ist dat kacke.
08.11.2011, 18:28 von rohdiamant76