IdubergaLindstroem 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Das Gesicht.

Im Fluidum abgestandener Zeit ein Blick. Das Licht bricht sich an seinem Gesicht, unheimliche Tiefen und Furchen tun sich auf. So jung und still.

Der lange Korridor liegt still und direkt vor mir. Kein Mensch zu sehen, aber man fühlt die Energie hinter den Türen der vielen Zimmern.

Ich fühle mich unbeobachtet, bleibe stehen und überlege. Übersprungshandlungen, vor, zurück... ich muss auch gleich wieder los. Eine Tür geht auf und sofort wieder zu. Einen Schreck bekomme ich, war doch so vertieft in mich. Wahrscheinlich ein Luftzug. Erstmal allein sein,

Ich stelle mich vor den großzügigen Toilettenspiegel und betrachte mich. So wie immer, ich tue mein Bestes um unverfälscht wahrgenommen zu werden. Anpassung war noch nie meine Schwäche. Ich höre den Spülkasten, eine Nonne kommt gerade vom Klo. "Oh, hello, how is it going?"

"Well, you know, i have to spend some time with a normal person - me in the mirror...!" Die Handbewegung, die ich wähle, lässt mich eher hilflos und verloren wirken. Mit einem verstohlenen Lachen verstiehlt sie sich nach draußen auf den pulsierenden Korridor.

Leise schließe ich die Tür zur Toilette, bloß nicht gesehen werden, den ganzen Tag blicke ich in abermillionen fremde Gesichter. Ich nehme die nächste Tür, 508. Ich befinde mich in einem Raum. Hell, stickig, gelb und unangenehm warm. Wie eine Kopfschmerzen verursachende, feuchtwarme Kapsel im Bauch eines riesigen Systems. Hier bewegt man sich im Fluidum der abgestandenen, übriggebliebenen Zeit. Ich möchte sofort ein Fenster aufreißen und mit den Armen die gebrauchte Luft davon wedeln. Ein Typ hockt halb auf dem Boden und steckt irgendwelche völlig überteuerten Teleobjektive zusammen.

Ich sage: "Hi...", lege meinen Rucksack ab und er sagt. "Hi..." Aaah, das ist er, denke ich. Das Gesicht.

Gesichter nimmt man manchmal nicht bewusst wahr, mal beiläufig oder intensiv. Aber es kommt vor, dass eine Miene Dir über den Weg läuft und Du sie einfach abspeicherst. Für wen, was oder wann, weiß keiner, nicht mal Du.

Schon vor einiger Zeit war dieses Antlitz bei mir abgespeichert worden. Wie lange war es her? Ein Jahr, drei Monate, gestern?

100% Polnisch, markant, stark, rein, tief, unvorhersehbar und undurchdringlich, wie die Luft, in der wir uns befinden. So ein Profil strahlt Intelligenz aus. Die ungewöhnliche Kopfform und seine Locken verstärken den Eindruck eines Osteuropäers. Sein Körper ist knochig und seltsam.

Wir hatten schon ein paar Worte miteinander gewechselt, aber diese waren oberflächlich und letztendlich nicht von Bedeutung. Indirekt hatte ich ihn als Matschkopf bezeichnet. Nichts von Bedeutung. Normalerweise wäre ich niemals in eine solche Situation geraten, wäre wahrscheinlich sofort wieder gegangen, als ich die Luft wahrgenommen hätte. Doch stehe ich nun hier und sage einfach:

"Hey, can I talk to you for a minute?"

"Shure."

Er steht da, zwei Objektive in einer Hand. Das Licht bricht sich an seinem Gesicht, unheimliche Tiefen und Furchen tun sich auf. So jung und still.

Ich gehe ein paar Schritte auf ihn zu, das Licht ist unvorteilhaft über uns. Ich sehe zu ihm auf und trotz der zirpenden Neonröhren, die Höchstarbeit leisten, ist seine Augenfarbe ist nicht zu erkennen. Die Haare stehen ihm zu Berge. Auf dem Korridor ist ein dumpfes Lärmen zu hören. Portugiesisch. Im Zimmer ist es totenstill.

Mir ist heiß. Meine Hände kleben vom ganzen Tag, das Licht heizt mir den Kopf und ich will eigentlich nicht hier sein. Aber wann, wenn nicht jetzt? Er sieht mich geduldig an. Was hab ich mir nur dabei gedacht. Die so geschätzte, plötzlich in mir aufkeimende Spontaneität fühlt sich jetzt an wie ein Nagelbrett in feinsten Seidenstrümpfen. Sag doch was!!! schreit es im meinem Kopf.

"Can I see your camera?" Übersprungshandlung. Gott sei Dank.

"Which one?" Angeber.

"The special one..."

Er scheint angewurzelt, aber näher gekommen zu sein.

"Oooh..." stöhne ich und überlege, ob ich etwas zwischen den Zähnen habe. Ich bekunde meine Begeisterung für dieses Ach-so-tolle Teil. Lässig lehne ich an einem Stuhl, der mir gerade recht kommt, da ich wahrscheinlich gleich hier und jetzt kollabieren werde. Lässig-an-Stühlen-lehnen muss geübt sein. Ich bin ungeschickt und schwanke wie ein kleines unentschlossenes Mädchen beim Eisstand, hin und her. Mit jeder Bewegung schwingt ihr Kleidchen im Wind und sie rümpft die sommersprossenberieselte Nase.

Glücklicherweise bin ich kein Kind mehr und sage überraschend ruhig und weise: "Can I tell you something, and you promise, you won't judge me?" Eine Antwort erwarte ich nicht. "You have a special face. Honest and strong and... so pure."

Was ich jetzt gerade ausstrahle, wirkt bei manchen vielleicht arrogant und unpassend. Aber er sieht mich an. Kein Wort.

Es ist immernoch so verdammt heiß hier drin! Ich wische mir gekonnt lieblich eine Strähne von der Stirn und hoffe, das Mädchen beim Eisstand zu sein. Seine Augen sind grün, sehe ich deutlich. "Thanks.", höre ich ihn sagen und seine Miene scheint nicht mehr so unfassbar solide.

Ich kenne keine Polen. Ein paar, aber diese sind alle ganz anders. Offen, freundlich. Er nicht. Er elektrisiert mich. Ich bin nicht auf Männerfang, das ist mir zu stressig und nervenaufreibend. Aber was ich da sehe, ist nicht einfach ein Gesicht. Ich sehe Charakter und spüre die Ausstrahlung. Vielleicht sollte ich jetzt gehen. Ist doch nur ein Typ wie jeder andere. Meine Faszination ist mir unbegreiflich. Oder vielleicht sollte ich genau deswegen bleiben.

"May I?" flöte ich und deute auf die Kamera. Sie ist schwer und ich halte den Fokus auf ihn. Er regt sich nicht. Klick. Das Bild guckt mich an. Er guckt mich an. Ich sehe, er betrachtet und ich sage: "beautiful.".

Ich drehe mich kurz um, dachte ich hätte etwas gehört. Meine plötzliche Bewegung lässt mein Haar wehen und die zarte Süße meines Parfüms schwebt in seine Richtung. Der warme Duft der zarten Haut unterhalb des Ohrs . Ich spüre Energie, die mich sanft aber kontrolliert nach vorne zieht. Seine Hand liegt an meiner Taille, ich halte die Luft an und werde geküsst. Leicht, rosig, leise und freundlich.

Ich höre die Melodie der Neonröhren, der Korridor pulsiert wie eine Aorta. Es ist klar, dass die Meute Freiraum sucht. Ich spüre das leichte Gewicht seiner Hand auf der Kurve von meiner Taille zur Hüfte und wir stehen in unserer luftverbrauchten Kapsel und küssen uns. Einfach so.

Sekunden vergehen und fühlen sich an wie ganze Tage mit geschmolzenem Erdbeereis und Rosenblättern auf meinen Lippen. Im Korridor ist die Hölle los, jeden Moment muss er mich loslassen. Er kostet dem Moment voll aus. Die Tür geht auf und danach sofort wieder zu. Ein Luftzug. Ich erschrecke leicht, gebe einen kleinen Laut von mir, er schmunzelt, unsere Lippen berühren sich fast ein letztes Mal und plötzlich lässt er mich los, ich glaube zu fallen als er blitzschnell die Kamera aus meiner Hand greift -

"Hey John, you've got the check list? I was looking for it, and Hall 3 needs some new rugs, outside it's raining..." teilt er seinen Kollegen mit und plappert in alle mögliche Richtungen weiter über Gummiteppiche und eine Menge Klopapier auf Toilette 8.

Von einem Moment auf den anderen ist Raum 508 brechend voll. Laut, bunt, hell und immernoch verdammt heiß.

Ich suche meine Sachen zusammen und gehe.   


Tags: kuss, pole, foto, erdbeereis, single
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