P-Ink 26.02.2013, 21:03 Uhr 21 51

Das Gefühl: Traurigkeit und pures Glück

und vielleicht sollte Fernbeziehung Nahbeziehung heißen.

Es ist Freitag, ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Jetzt schnell aus der Redaktion direkt ins Auto steigen. Es ist Anfang April, nicht mehr so kalt abends. Ich habe meine Lieblingsbluse an und die Hose, die er so mag. Zwischen uns liegen 420 Kilometer Autobahnfahrt. Es ist 18 Uhr. Ich muss noch tanken. Zeitverschwendung. Im Kopf höre ich die Uhr ticken. Bis ich aus Hamburg raus bin, wird es 19 Uhr sein. Bis ich bei ihm in Köln bin, ist es sicherlich 23 Uhr. Dann ist es fast schon Samstag. Wochenendbeziehung kann man es nicht nennen. Vielleicht eher Samstagsbeziehung. Denn Sonntag muss ich die Reise zurück antreten. Der Alltag im Büro nimmt keine Rücksicht auf Sehnsucht. Immer wieder diese Strecke. Immer und immer wieder. Ich bin müde, muss immer geradeaus fahren. Ich versuche meine Energie mit Musik aufzufrischen. Für ein paar Stunden Zweisamkeit. Ich werde heute Abend in das Apartment kommen, das so riecht wie immer, ein bisschen nach dem Essen was auf dem Herd steht, ein bisschen nach der Bettwäsche, nach schlafen, so wie er riecht, wenn er seine Jogginghose an hat und mir Samstagsmorgens Milchkaffee vom Bäcker mitbringt. Ich muss ihm endlich eine Kaffeemaschine schenken, oder nein, dann geht das wunderschöne Ritual verloren.

Ich bin irgendwas zwischen glücklich und traurig. Glücklich ihn gleich sehen zu können. Vierzehn Tage ist es schon her, dass wir uns zuletzt geküsst haben. Traurig, weil dieses Gefühl in weniger als 48 Stunden schon wieder vorbei sein wird. Wenn ich ankomme wird es nicht so sein, dass wir uns leidenschaftlich die Kleider vom Leib reißen. Ich bin müde, zehn Stunden in der Redaktion, vier Stunden Autofahrt. Übereinander herfallen. Leidenschaftlicher, romantisierter Gedanke. In der Realität: Quatsch. Wir werden essen, Wein trinken, reden, fernsehen, schlafen. So als hätten wir noch alle Zeit der Welt, würden jeden Abend ins gleiche Bett fallen. Ich gebe Gas. Bilde mir ein, dass es einen Unterschied macht ob ich mit 120 km/h nach Köln düse, oder den Spritverbrauch bei 160 km/h in die Höhe treibe. Mein Handy klingelt kurz. SMS. „Ich freu mich auf dich“. Ich lächle, drehe die Musik lauter. In der Ferne kann ich die Domspitzen sehen. Die viereinhalb Stunden Autofahrt vergingen doch wieder wie im Flug, auch wenn man zwischendurch denkt, man trete eine Weltreise an. Mein Bauch kribbelt. Ich höre Mia „Glaubst du wie ich daran, dass alles gut sein kann? Solange wir zusammen sind?“.

Als ich auf den Parkplatz vor dem Mehrfamilienhaus fahre, bleibe ich kurz sitzen. Ein paar Tränen kommen zum Kribbeln dazu. Diese Tränen, die zwischen Traurigkeit und purem Glück einfach in die Augen schießen. Warum mache ich das eigentlich? Ich hasse diese Entfernung, und doch liebe ich sie, weil sie mir immer wieder genau dieses Gefühl gibt. Vielleicht wäre ich ihm gar nicht so nah, wenn ich ihm immer nah sein könnte. Vielleicht. Ich weiß, dass es nicht die perfekte Beziehung ist, aber er ist der perfekte Mensch an meiner Seite.


Tags: Fernbeziehung, Leidenschaft, Perfektion
51

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wie wahr, wie wahr.

    Aber nachdem meine letzte Fernbeziehung gescheitert ist, muss ich im Nachhinein sagen, dass ich nicht mehr wirklich an Fernbeziehungen glaube. Liebe basiert darauf, sich auch im Alltag zu kennen und auszuhalten.
    Die Chance, den Alltag überhaupt kennen zu lernen bekommt man nur, wenn man in der gleichen Stadt wohnt..
    Aber trotzdem viel Glück, vielleicht seid ihr ja das erste Pärchen, das es schafft ;)

    07.03.2013, 16:26 von nirgendsueberall
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Kann man, wenn man mit diesem Abstand lebt, denn überhaupt feststellen, ob es wirklich, wirklich passt?

    07.03.2013, 15:30 von FrauKopf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Du hast diese beiden Gefühle so treffend zum Ausdruck gebracht... mir geht es jedes Mal genauso...

    07.03.2013, 15:10 von carolina247
    • Kommentar schreiben
  • 0

    einfach gut !

    07.03.2013, 02:07 von ellijas
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sonntagabendblues..

    Aber:
    https://www.youtube.com/watch?v=mGgMZpGYiy8
    ;)

    02.03.2013, 21:45 von schnutopard
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich fühle den Text sehr. Diese elende Sehnsucht kann einen manchmal verzweifeln lassen und die Zeit zu zweit scheint einfach nicht genug. 

    Nur ist es bei mir keine Samstagbeziehung. Sondern eine alle zwei Monate für eine Woche Beziehung.
    Ich hoffe sehr ihr schafft das gemeinsam und könnt zusammen(!) weiterwachsen. 

    02.03.2013, 17:20 von 7Nana7
    • Kommentar schreiben
  • 1

    so schön
    so nachvollziehbar

    01.03.2013, 21:24 von projekteins
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich leide mit dir! Du hast es so wundervoll formuliert, dass ich mich glatt in dich hineinversetzen konnte. Ich bin, um eine Fernbeziehung zu umgehen, in die Stadt meines Liebsten gezogen. Das heißt aber auch PENDELN! Jeden Tag 3h, 2x. Aber er ist es wert. Es ist schön, wenn man seiner Liebe, ein gemeinsames Heim geben kann...

    28.02.2013, 19:17 von Jujiii
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Fernbeziehungen sind scheiße. Weil diese "Sonntagabende" langsam -aber eben doch- killen. Ich wünsch euch trotzdem alles gute und viel Kraft.

    27.02.2013, 23:43 von plattenbau-beau
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Schön :). Und traurig. Kenne das Gefühl. Vor allem Sonntag Abend zerreist es einem das Herz.

    27.02.2013, 23:33 von LookingforAlaska
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2
  • Links der Woche #32

    Das beste aus dem Netz gibt's in den Links der Woche. Diesmal u.a. mit dem Hecken-Sägen-Massaker, Google-Wüsten und dem »Unten ohne«-Tag.

  • Wie siehst du das, Stefan Bachmann?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

  • Die Trümmer­männer

    Millionen Syrer sind auf der Flucht. Doch was passiert mit denen, die blieben? In Aleppo versuchen ehemalige Kämpfer zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare