benjorge 16.12.2012, 14:56 Uhr 4 2

Das Ende vom Anfang

"Dieser Ort ist nichts für mich. Für einen winzigen Moment habe ich das Gefühl, das jemand haben muss, der zu schmelzen beginnt."

...wieder marschieren die Gefängniswärter heran. Zu sehen sind sie noch nicht, jedoch kündigen sie durch das dumpfe Stapfen ihrer schweren Stiefel wie immer schon von weitem ihre baldige Ankunft an. Ich frage mich, ob sie sich ihrer grobmotorischen Trampelei bewusst sind oder ob sie Agnaten in einer Reihe breitschultriger und hünenhafter Männer sind, denen als Jungen sanfte Bewegungen oder wohlformulierte Äußerungen als Schwäche ausgetrieben wurden.

Von dem Platz auf meiner Pritsche aus sehe ich einen schmalen Ausschnitt des Gefängnisganges. Die Leichtbauwände sind sorgfältig in einem klinischen Weiß gestrichen, steril und glatt, anders als mein komplett aus grobem Sandstein gemauerter Raum. Das obere Drittel dieser Wand bildet ein Fenster, das jedoch von der heißen feuchten Kerkerluft beschlagen ist. Nur direkt an einem Pfeiler, in der unteren Ecke ist eine kleine Fläche frei verblieben, durch die ich das rötliche Blatt einer Kletterpflanze, vermutlich von wildem Wein, sehen kann. Warum nimmt sie solche Strapazen auf sich, nur um mich durch das Fenster in meiner Zelle sitzen sehen zu können? Oder will sie mir etwas zeigen?

Mich noch immer fragend höre ich von der anderen Seite nun einen weiteren Wärter, weniger laut, jedoch geht er unrhythmisch, wodurch sein Schritt etwas Tölpelhaftes mit sich bringt, das kann ich heraushören. Diesen Wärter habe ich schon lange nicht mehr gesehen oder gehört, das letzte Mal an dem Tag, als ich in dieses Gefängnis hineingeworfen wurde. Ich weiß, dass er noch bei mindestens einer weiteren Anstalt angestellt ist, wo er mehr Zeit zu verbringen hat, als hier. Er ruft etwas den Gang entlang, ich weiß nicht, ob er wütend oder betrunken ist, bei ihm klingt beides gleich. Ich bemerke, die Luft hier drinnen wird immer heißer, ihre Feuchtigkeit legt meine Lungen nach und nach lahm. Die Gitterstäbe meiner Zelle scheinen sich in ruckartigen und wahllosen Bewegungen hin und her zu schieben und zu verbiegen, als gäben sie mir noch gerne hastig die Möglichkeit, meine Kammer verlassen und flüchten zu können. Ich bleibe unbeeindruckt sitzen, lehne dankend ab und richte schweigend meinen Blick auf den Bleistift und den runden Handspiegel, die auf meinem Schoß liegen, zwei Gegenstände, die mir wirklich wichtig geworden sind, all die Zeit, die ich schon hier verbringe. Von draußen höre ich einen der Wärter die blecherne Treppe scheppernd hinabsteigen.

Ich muss Stift und Spiegel weglegen, um aufstehen zu können. Der Lärm ist störend und meine Ohren scheinen sich auch zum Schutz gegen die Hitze wie eine Mimose zusammenzufalten. Ich höre mein eigenes Blut durch die Adern zischen, der Druck in meinem Schädel steigt, meine Sinne igeln sich ein, ich schalte auf Energiesparmodus.

Ich trete vor, bis zur Mitte der Zelle und streife mein Hemd ab, ein erster kühlender Luftzug schmiegt sich an mich. Ich nehme eine Phiole mit kaltem Wasser gefüllt, die auf einem Bücherstapel neben meinem Bett steht, in die Hand und gieße ein wenig davon über meine dunklen, langen Haare. Vor Erschöpfung beuge ich meinen Oberkörper nach vorne, Kopf und Arme hängen baumelnd herunter. Der kühlende Fluss schlägt sich langsam durch meine wurzelartig verflochtene Mähne, bis sich Tropfen um Tropfen die Strähnen entlang, die Schultern und Glieder hinunter, meine Gesichtszüge folgend, an Haar-, Nasen- und Fingerspitzen sammeln und sich von dort aus geradewegs fallend Richtung Erdreich aufmachen.

Ich werde diese Wassertropfen vermissen. Ich sehe mich selbst in ihnen wieder und ich realisiere, dass ich abnehme, stetig weniger werde, als würden sie mich im Tagebau abtragen und meine Überreste in den Grund versickern lassen. Ich befinde mich wie sie im freien Fall, dieses Gefühl lässt mich erschaudern. Ich rieche an mir und glaube, bereits jetzt, in jungem Alter, zu verwesen zu beginnen. Dieser Ort ist nichts für mich. Für einen winzigen Moment habe ich das Gefühl, das jemand haben muss, der zu schmelzen beginnt.


Nach einem kurzen Moment sehe ich wieder nach oben, die Weinrebe am Fenster erfährt einen leisen, vielleicht kühlen Windhauch, neigt sich leicht zur Seite, als gäbe sie mir einen Hinweis auf etwas, das hinter ihr liegt. Ich vertraue ihr und habe mich entschieden.

Plötzlich, aber nicht überraschend, werde ich ruckartig aus meinen Mauern herausgezogen, wie an imaginären Marionettenfäden hängend, geistergleich durch Decken und Dächer, höher und höher. Ich steige hinauf, flügellos schwebend, senkrecht. Unter mir liegt das Gefängnis, schrumpfend, bis auf die Größe einer Schuhschachtel, umringt von dichtem Urwald, der sich bis zum Horizont hinzieht. Die Luft ist feucht und das Fliegen fühlt sich wie Schwimmen an. Immer weiter ansteigend führt mich mein Weg, bis schließlich die Schwerkraft zu wirken beginnt und ich für einen Moment in der Luft zu hängen scheine. Die Zeit bleibt stehen und nach der Atemlosigkeit des rasanten Aufstiegs schließe ich die Augen und atme tief ein, sodass es für einen außenstehenden Betrachter aussehen muss, als diene mein groteskes Unterfangen nur diesem einen Zweck, etwas gute Höhenluft zu atmen. Mit dem Gedanken an einen alten Mann, der mich von Ferne beobachtet hat und sich daraufhin mit Kopfschütteln über meinen jugendlichen Übermut abwendet, mache ich mich auf den Abstieg, mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht, das man nur an Menschen sehen kann, die soeben ein Werk vollendet haben.

Mit strammem Griff werde ich an den Beinen gepackt und eine stoßartige Welle der Beschleunigung breitet sich in meinem trägen Körper aus, dünner Wolkendunst pfeift mir schneller und schneller um die Ohren. Ich genieße das Gefühl und den Gedanken, Lüfte auf meiner Haut zu spüren, die vielleicht noch keiner vor mir gespürt hat, in etwa so, als ob das auch nur die geringste Bedeutung hätte. Das Gefängnisgebäude ist nicht mehr zu sehen, die rotbraunen Reben haben es in Zwischenzeit gänzlich umschlungen, als versuchten sie, auch noch die letzten Tropfen Angstschweiß aus ihm herauszupressen. Die Baumwipfel, auf die ich zurase, wiegen sachte im Wind, als würden sie nach oben sehen und abwiegen, mit ihren Baumhirnen immer neu berechnen, wo ich wohl aufschlagen werde, um mich daraufhin mit ihren Astarmen auffangen zu können. „Als würden sie“, denke ich mir. Ich weiß noch nicht wie, aber genau dort will ich hin, alles fühlt sich vertraut an. Beim Anblick dieses weitvernetzten Urwaldes, mit seinen Baumkronen, Lianen, Blüten und Strängen, Wurzeln und Knoten, erinnere mich an die Kletterpflanze am Fenster und realisiere, wie sehr mir die Wildnis, die Unordnung gefehlt hat. Unkontrolliert, wild, alles egal. Ruhig, besonnen und nachdenklich.

Dieser Wald scheint mir eine andere Welt zu sein, direkt nebenan von unserer subtil gestrickten und nur oberflächlich wahrnehmbaren Welt, aber dennoch so schwer zu erreichen, vielleicht unmöglich zu erreichen. Ich will es aber zumindest versucht haben.

Weiterhin schwelge ich, die letzten Augenblicke meines Fluges genießend, im Verlangen, diesen ungekannten Ort zu erreichen, bis ich plötzlich etwas Andersfarbiges sehe, das sich vom dunkel schattierten Grund des Waldes abhebt. Sie steht inmitten der gewaltigen Bäume und sieht zu mir herauf. Nur kurz erwidere ich ihren Blick, aber ihre Augen durchdringen mich, als wüsste sie bereits alles über mich, obwohl sie mir fremd zu sein scheint. Ich bemerke, dass ich nackt und entstellt bin. Narben zeichnen meinen Rücken und die Haare scheinen mir auszufallen. Ich finde meine Fassung und richte meinen Blick wieder nach unten. Im selben Moment dreht sie ihren Kopf und ihre durchdringenden Augen zur Seite und ein Schweif eines nahestehenden Baumes wischt über sie hinweg, wie ein Tuch eine Schiefertafel leer fegt. Sie ist nicht mehr zu sehen.

Ich atme weiter. In mir hat sich etwas verändert. Ich schließe meine Augen und ziehe meine Knie zur Brust heran, zu einer Pose, die mir in diesem Moment für den harten Aufschlag am geeignetsten erscheint. Ich sah es kommen. Ich bin nicht unglücklich, aber jetzt, im Angesicht des auf mich zurasenden Bodens wird mir zumindest endlich gewiss, dass ich den Wald...

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    erreicht hab.


    Erzählst du hier von einem Traum?

    14.08.2013, 00:48 von Tora
    • 0

      Den Traum hatte ich so in dieser Form nicht, aber ich hab zumindest versucht eine traumartige Atmosphäre zu schaffen. Die Geschichte an sich hat mit meinen Träumen nichts zu tun, bis auf das Fallen, davon träume ich wirklich.

      23.08.2013, 22:43 von benjorge
    • 0

      hochinteressantes Thema - Träume.

      23.08.2013, 22:47 von Tora
    • 1

      Ich finde es vor allem interessant, zu versuchen, Träume schriftlich zu fixieren, bzw. herauszufinden, welche stilistischen Merkmale einen Text zu einem "Traumbericht" machen können. Da kommt natürlich die klassische Frage auf, ob solche Eindrücke und Gefühle überhaupt darstellbar sind, aber das ist ein anderes Thema.

      Welche Elemente gehören für dich zu einem Traum? Wäre interessant, noch Ergänzungen zu dem zu hören, was ich bereits in diesem Text versucht habe, umzusetzen, genauso wie die Frage, ob wir alle ähnlich träumen.

      26.08.2013, 12:03 von benjorge
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