mo_chroi 11.02.2012, 04:43 Uhr 65 55

Das Ende vom Anfang

Er saß auf dem Sofa. Kerzengerade saß er dort und bewegte sich nicht. Sie lag neben ihm. Ihr Kopf lag auf seinem Schoß, das Gesicht zu ihm gewandt. Er beobachtete ihre ruhende Haltung und lächelte zufrieden. Er bewegte seine Hand, vorsichtig leise, zu ihrem Kopf. Sanft strich er über ihr honigfarbenes Haar. Ihre Locken legten sich um seine Finger. Er genoss das Gefühl ihres weichen Schopfes. Sie war so anmutig in ihrer Stille. Ihre Lider waren geschlossen, kein Traum ließ ihre Pupillen in ihrer grasgrünen Iris zucken. Mit zarten Fingern fuhr er über ihre kühlen Lippen.Kaum hörbar atmend, genoss er die Vollkommenheit der Situation. Er konnte sein Glück kaum fassen, glitt in die Erinnerung des Kennenlernens ab.

Damals saß sie im Park und las ein Buch. Er beobachtete sie schon eine Weile, bevor er sich entschloss, zu ihr zu gehen. Als er vor ihr stand, hob sie ihren Blick und blinzelte etwas, da das Licht der Sonne noch halb über seine Schultern fiel. Sie hob die Hand vor die Augen, sodass sie sein Gesicht erkennen konnte. Er kniete sich vor sie, lächelte und fragte sie, ob es vermessen wäre, sie auf einen Kaffee einzuladen, sobald sie ihr Lesepensum für den Tag erreicht hätte. Sie lächelte und sagte ihm, dass er sich da noch etwas gedulden müsse. Er nickte und ging wieder zu dem Platz, an dem er vorher gesessen hatte. Verwirrt neigte sie den Blick, war aber nicht mehr ausreichend konzentriert, um sich weiterhin auf das Buch einzulassen. Sie klappte das Buch zu und schaute auf. Und als sie sah, dass er sich schon wieder aufrichtete, um zu ihr zu gehen, musste sie unwillkürlich lächeln.

Er lud sie ein, wie es sich für ihn gehörte. Sie war dankbar, dass er Distanz wahrte. Beide unterhielten sich, wie man sich unterhält, wenn man sich kennenlernt. Es vergingen tatsächlich einige Stunden, bevor sie sich verabschiedeten und ein neues Treffen vereinbarten. Sie war sehr angetan von seinem Charme, er bewunderte ihre grazile Art, Dinge zu beobachten. Sie lernten einander kennen, waren vorsichtig im Umgang miteinander; wollten diesen jungen Keim nicht ersticken, in den sie ihre Hoffnung für den anderen flüsterten. Kleine Geschenke wurden überreicht, um sich des anderen Erinnerung zu sichern.  Es wurden einander Orte gezeigt, die wichtig waren und von Bedeutung. Zusehends wurde Nähe geschaffen und Zweifel ausgeräumt.

Der eine erfuhr von des anderen Leben. Sie erzählte von ihren Erfahrungen mit Männern. Dass sie oft enttäuscht wurde. Dass sie Narben in sich trüge, die für sie noch gut erkennbar waren. Dass sie es langsam angehen wolle. Und er versprach ihr, nichts zu tun, was einer Schädigung gleich kam. Und so rückte die Zeit der Sehnsucht an. In dieser Zeit traute sich der eine dem anderen kaum zu sagen, wie viel Gefühl dem Herzen mittlerweile innewohnte. Fast scheu begegneten sie einander. Doch dann fand er endlich den Mut, sie zu fragen, ob sie mit zu ihm käme, um eins zu sein, abgeschottet von der Welt. Zu seiner Erleichterung war sie einverstanden, sagte ihm, dass sie auf seine Einladung gewartet hätte.

Er holte sie ab. Es war ein warmer Sommertag. Die Luft war erfüllt von Duft, süßer als blühender Flieder im Frühling. Bei ihm angekommen, zeigte er ihr die Einrichtung. Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend, machte ihr Tee und setzte sich mit ihr auf den Balkon, um die Stimmung des Abends in sich aufzunehmen. Als der Himmel dunkelte, gingen sie hinein, um die Nacht ausklingen zu lassen. Sie saßen auf dem Sofa, bei einem letzten Gespräch. Er legte seinen Arm um ihre Schulter, zog sie an sich. Sie schmiegte ihren Kopf an seinen Hals. Sie fragte, ob er so etwas schon einmal erlebt hätte. So etwas Inniges. Und er antwortete ihr, dass er niemals für jemanden das empfunden hatte, was er für sie empfand. Dass es fast schmerzte, so sehr sehne er sich nach ihr. Und dass er sie beschützen wolle, sodass ihr nie wieder jemand etwas tun könne.

Sie stöhnte leicht, während er den Arm immer fester um ihren Hals presste. Er erzählte ihr, dass er nicht mehr schlafe, weil er sich um sie sorgte. Sagte ihr, dass er sie schon lange beobacht habe und sein Herz fast zerplatzte, als er endlich den Mut fand, zu ihr zu gehen. Erzählte ihr, dass er so lang darauf gewartet habe, bis sie ihn endlich wahrnimmt. Als sie nach Luft rang, legte er seine Hand auf Mund und Nase. Er begann ein Schlaflied zu summen, um das wilde Umherschlagen ihrer Arme zu besänftigen. Er summte diese kleine Nachtmelodie, bis ihr Körper erschlaffte. Er tastete nach einem Puls, den es nicht mehr gab und legte ihren Körper dann neben sich. Ihren Kopf platzierte er auf seinen Schoß. So betrachte er ihre leblose Hülle und lächelte zufrieden. Sie würde nie wieder Schmerz erfahren. Er würde auf sie Acht geben. Seine starrleise Haltung löste sich zunehmend. Nie wieder könnte jemand sie verletzen. Nie wieder könnte jemand sie ihm wegnehmen. Nie wieder könnte sie von ihm fortgehen. Sie gehörte jetzt ihm. Auf ewig.


Und nun, als er sie in Sicherheit wusste, schloss er die Augen und schlief endlich ein. Das erste Mal seit drei Jahren.

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65 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Noch immer mein Lieblingstext. Hab das Herz genommen, nur um es zurückschenken. Hast Du es bemerkt?

    20.04.2012, 07:51 von Mrs.McH
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    31.03.2012, 00:36 von Mrs.McH
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  • 1

    Mein Herz hast Du ja schon, aber dadurch daß der Artikel auf der Startseite ganz oben steht, stolpere ich immer wieder darüber und habe ihn inzwischen mehrfach erneut gelesen. Die Faszination hat nicht nachgelassen! Mmh... vielleicht schreibe ich ihn auch mal in mein Büchlein... s.u. ... :-) Oder irgendwann kann ich ihn dann auswendig aufsagen oder murmle ihn im Schlaf... Jedenfalls freue ich mich auf MEHR von Dir. Happy eve...;-)

    18.02.2012, 16:55 von Mrs.McH
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  • 1

    Ein toller Text ^^
    und wie noch so hintenrum eingeführt wird, dass er sie schon lange beobachtet hat :)
    sehr schön!

    17.02.2012, 16:52 von deluecksartist
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  • 1

    unvorhersehbares Ende, guter Schreibstil - gefällt mir ;)

    16.02.2012, 19:54 von honeyboo
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  • 1

    Dachte mir ja zuerst: Was für eine kitschige Liebesgeschichte ;) und habe den Text nur gelesen, weil mir der Schreibstil so gut gefiel.
    Das Ende hat mich dann echt überrascht!! - positiv :)

    14.02.2012, 20:17 von Serpiente
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  • 1

    Mein Herz haste ja schon. :)

    Ich stelle mir Dich gerne als Märchenerzählerin für Erwachsene vor. Würde zum Stil und Inhalt passen. Vielleicht kann man Dich ja irgendwann buchen....

    14.02.2012, 09:15 von Sterling4ever
    • 0

      ouh das ist eine gute idee. geistig notiert. dann kömm ich komplett abgerissen, in der einen hand ein glas whiskey, die zigarette klemmt locker zwischen zeige - und mittlfinger, und die andere blättert die seiten eines riesigen morbidemärchenbuch um, das auf meinem schoß liegt :D

      14.02.2012, 18:45 von mo_chroi
    • 1

      genau. und ich stehe daneben und singe gruselige weisen (was in der natur der sache liegt, bei meiner Krächzstimme) und dann beginnst du der wasauchimmer-Runde etwas vorzulesen. Superidee!

      14.02.2012, 20:26 von Sterling4ever
    • 0

      stark. nehm ich. also dich. das machen wir. das ist total burton. ich mag deine idee sehr.

      14.02.2012, 21:11 von mo_chroi
    • 0

      juhu! klasse. Abgemacht.

      Also: ich übernehme Gesang und PR. Und wenn jemand in Weinen ausbricht, dann pack ich meine harmlosen GEschichten aus, bis sich alle wieder beruhigt haben. D´ accord?

      14.02.2012, 21:21 von Sterling4ever
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      sogar ein plan b. bist du gut.

      haha ich stell mir gerade vor, wie leute schreiend aus dem saal rennen, gestandene männer in heulkrämpfe ausbrechen und sich hie und da erbrochen wird.

      da musst du dann ran. mit der königin.

      einverstanden.



      14.02.2012, 21:24 von mo_chroi
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      genau so machen wir das. und dann entstehen die wildesten Gerüchte. Mundpropaganda. Wir werden Legenden hahahahaha

      ha ja klar, Plan B ist immer wichtig.

      14.02.2012, 21:27 von Sterling4ever
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      du genie, du. ich huldige dir, ob deines kopfinhaltes.

      muhahaha legenden.

      das vergesse ich immer. gut, dass du da bist.

      14.02.2012, 21:31 von mo_chroi
    • 0

      ha ja . und irgendwann können wir es uns leisten, dass wir nicht mehr buhlen müssen, um die zuhörerschaft, sondern .. ach jetzt komm ich ins träumen... hahahahahhhahahah

      schreib du einfach weiter deine geschichten und ich stelle ein Konzept auf. Roadshow usw. Ich würde sagen: Rollout nächsten Herbst, wenn es besonders düster und deprimierend draußen ist.

      Ick freu mich!

      14.02.2012, 21:33 von Sterling4ever
    • 1

      buhlen? niemals. ich huldige dir. dir und deiner königin.

      klingt ganz fantastisch.

      ick freu mich och!

      14.02.2012, 21:39 von mo_chroi
    • 1

      word!

      14.02.2012, 21:43 von Sterling4ever
    • 0

      Ich bitte um Einladung, wenn der erste Termin steht! :D

      24.04.2012, 16:44 von NeverGrowUp
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  • 2

    Wahnsinn Frau Abonnentin! Haust in letzter Zeit echt krasse Dinger raus.  Besonders dieses finstere und voll aprubte Ende hat mich gepackt.Gefällt mir!

    13.02.2012, 23:36 von Jimmy-aus-Ohio
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  • 1

    Ich weiß noch nicht genau, ob ich den Schreibstil und den Inhalt des Textes stimmig finde. Dennoch mag ich die Geschichte irgendwie, weil sie mich naja ergriffen hat wäre vllt das falsche Wort, aber sie hat mich angesprochen, positiv.

    13.02.2012, 23:32 von Georgina_Giza
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  • 2

    Vom Stuhl bin ich gerade gefallen! Hastes gehört? Ich weiß schon warum ich dich so gern Schatz nenne...=)

    13.02.2012, 22:08 von rubs_n_roll
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