whytepony 30.11.-0001, 00:00 Uhr 58 94

Das Ende ist kein Ende

Über die Lächerlichkeit meiner Gefühle für ein Mädchen, das ich weggeschickt habe.

Es ist vorbei. Ein Satz, der, einmal gesagt, steht wie ein Felsen an der Küste und der doch so fließend ist, wie die Brandung um ihn herum. Seitdem ich den Satz gesagt habe, nicht ganz so, wie er da steht, aber doch mit gleichem Herzdruck, hat das alles erst richtig angefangen.

Wir sagen solche Sätze und glauben an sie, im besten Falle haben wir sie uns lang überlegt, jedes Wort, den Ton, den richtigen Moment. Und meinen ihn auch so. Im schlimmsten Falle meinen wir es erst so und bereuen es danach jeden Tag. Denn an das Ende zu denken ist lange nicht so, wie das Ende dann auch wirklich anzufangen.

Wenn etwas vorbei ist, fängt immer etwas Neues an. Das sagen die lächerlichen Postkarten in dünnen Metallständern vor den Kramläden, von mir aus sagt das auch der Dalai Lama, der alte weltfremde Klosterschüler. Eine neue Tür geht auf, ein Weg wird frei, der ganze Mist eben, der Himmel schiebt sich auf und ein Regenbogen sammelt die blutigen Glassplitter vom Boden auf, genau. Was diese Nichtweisheiten nicht sagen, ist, dass hinter einem der Boden aufgeht und sich die Leere in langen Rissen nach vorn unter den Füßen hindurch bis zum Horizont zieht. Viel Raum zum Reinfallen, viele Kanten, um darüber zu stolpern, viele Hohlräume, um darin alle Neuanfangsfloskeln in Flammen aufgehen zu lassen. Zurückschauen sagt dir, wer du bist, nach vorn schauen, wer du sein kannst. Und unter deinen Füßen, der löchrige Flickenteppich, das ist dann dein Leben.

Seitdem du weg bist, oder eher, seitdem ich dich aus scheinbar guten Gründen weggeschickt habe, will ich das Ende nicht wahrhaben, das heißt eigentlich versuch ich es überhaupt erst mal zu verstehen. Ich versuche mich mit ihm anzufreunden, lerne es kennen, gewöhne mich daran. Ich versuche das alles. Aber am Ende des Tages mache ich mich immer lächerlich, weil ich merke, dass es eben noch nicht vorbei ist. Ich glaube langsam, ich kann das nicht, mit dem beenden. Ich schleife jedes Gefühl, das mir mal was bedeutet hat, mit durch. Drückst du nur den richtigen Knopf, springt die Maschine an und fördert zutage, was ich längst vergraben habe unter dem ganzen Bauschutt der Tage: in diesem Fall das Gefühl für dich, das verdammte Teil, das ich mir selbst aus meinem Puzzle gerissen und weggeschmissen habe aus dem Fenster bei zweihundert Sachen. Es liegt dann auf meiner Handfläche und fleht mich an nach seinem alten Platz.

Es gibt dieses Ende vielleicht so gar nicht. Es gibt den Moment, in dem sich etwas ändert, in dem man beschließt, dass man jemanden nicht mehr sieht, oder da nicht mehr hingeht, oder das nicht mehr tut, küssen zum Beispiel oder rumlaufen oder Bier trinken gehen in einer Kneipe mit unbequemen Holzstühlen. Aber das ist nur ein Augenblick, eine Zustandsänderung. Danach beginnt das Ende erst, und es ist nicht kurz und schmerzlos, es ist ein lang gezogenes kleines Sterben eines Stück Lebens. Wie wenn man in einem Raum voller Eis langsam den Thermostat hochdreht. Langsam. Das Abschmelzen deiner Gletscherliebe ist das sinnloseste, das ich mir jemals selbst angetan habe. Und um meine Füße herum schwimmt die ganze Suppe, mit den Momenten, dem Geschmack deiner Lippen und wie ich mich gefühlt habe, wenn ich dich angeschaut hab. Und mir werden die Füße nass und die Augen auch. So ein Ende ist wirklich ein Witz. Weil es so tut, als wäre es groß und wichtig und mächtig. Dabei ist es nichts weiter als ein kleiner Nadelstich, der bei jedem Einatmen und Ausatmen zu spüren ist.

Eigentlich ist es auch nicht das Ende, das lächerlich ist. Das ist groß und wichtig und Teil der ganzen Show vor der Pause, nach dem irgendwann erleichterter Applaus aus dem Publikum kommt. Nein, lächerlich bin ich. Dass ich nicht aufhören kann, an dich zu denken. Dass ich auf der Straße gehe und mich jeder Gegenstand an dich erinnert, der vielleicht auch nur in der Nähe war, als wir uns nah waren. Lächerlich ist, dass ich versuche neu anzufangen und es besser zu machen, anstatt zu warten bis es vorbei ist. Aber dabei merke, wie ich mich selbst immer wieder von hinten überhole.

Irgendjemand hat mal gesagt, dass man nicht viele Menschen im Leben wirklich lieben kann. Davon mal abgesehen, dass ich die Liebe für eine Art selbst gestrickten emotionalen Stützstrumpf halte, merke ich ausgerechnet bei dir, dass da was dran sein könnte. Das ist ziemlich ärgerlich, weil ausgerechnet dir das so egal ist, wie keiner vor dir. Liebe braucht immer ein wenig Angst, um groß werden zu können. Ich habe Angst, dass ich mich ein Leben lang lächerlich machen werde vor mir. Weil ich mir vielleicht ein Ende gemacht habe, das niemals aufhört. Aber vielleicht wird ja alles gut, oder besser oder was weiß ich, anders wäre gut. Das lächerlichste an der ganzen Nummer ist noch immer die Hoffnung auf etwas, das die Hoffnung nicht verdient. Was waren noch mal die Gründe für meine letzten gesprochenen Worte mit dir?

„Es ist vorbei“ ist ein Satz, der fest steht und nicht zurückgenommen werden kann. Niemals ganz. Er steht da jetzt zwischen uns wie ein Felsen an der Küste. Und alles, an was ich abends denke, wenn ich nach einem Tag voller suchender Blicke und bescheuerter Gedanken durch die dunkle Stadt auf meine Haus zulaufe, ist, dass ich auf das Salzwasser hoffe in der Brandung, das den Felsen langsam zerfrisst, und dass er dir irgendwann vor die Füße fällt, nicht größer als eine Kastanie in diesem bunten Herbstschmand auf den Wegen, und du dann vergessen hast, wie lächerlich ich war, als ich mich so nutzlos sehr gesehnt habe nach dir und einem neuen Anfang, und deshalb diesen Text geschrieben habe.

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58 Antworten

Kommentare

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    "the right to be ridiculous is something i hold dear."

    12.01.2014, 17:24 von smillalotte
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    Dieser Text spricht mir so sehr aus der Seele! 

    05.12.2013, 05:04 von Grenzlinie
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  • 3

    Irgendjemand hat mal gesagt, dass man nicht viele Menschen im Leben wirklich lieben kann. Davon mal abgesehen, dass ich die Liebe für eine Art selbst gestrickten emotionalen Stützstrumpf halte, merke ich ausgerechnet bei dir, dass da was dran sein könnte.

    Diese Definition von Liebe sollte sich Wikipedia mal näher anschauen ;)
    Für mich eine SEHR treffende Formulierung!! :)


    05.11.2013, 17:30 von LaPetiteChevrette
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  • 1

    "Danach beginnt das Ende erst, und es ist nicht kurz und schmerzlos, es ist ein
    lang gezogenes kleines Sterben eines Stück Lebens. Wie wenn man in einem Raum
    voller Eis langsam den Thermostat hochdreht."
    - Wow! :)

    04.11.2013, 20:08 von perfektunperfekt22
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  • 1

    Das sind die wunderschönsten Buchstabenbilder, die ich je gelesen habe!

    04.11.2013, 19:45 von Michulski
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    "es ist ein lang gezogenes kleines Sterben eines Stück Lebens."


    toll geschrieben.

    29.10.2013, 04:15 von kichererbsenblues
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  • 2

    Zurückschauen sagt dir, wer du bist, nach vorn schauen, wer du sein kannst. Und unter deinen Füßen, der löchrige Flickenteppich, das ist dann dein Leben.

     


    Sehr gern gelesen!

    23.10.2013, 10:26 von Freulein_Taktlos
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    Der Text ist eigentlich wunderschön geschrieben. Aber ich stimme mit seinem Tenor nicht überein. 
    Ich hoffe es ist ok, wenn ich dein Ende aufgreife und etwas umschreibe. Damit es dann wieder zu mir passt.
    Liebe ist halt doch kompliziert und individuell...


    http://www.neon.de/artikel/fuehlen/liebe/das-ende-war-nie-als-ein-solches-gedacht/1076917

    20.10.2013, 15:25 von I.Stern
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    das Thema des Textes mag vielleicht mehr als bekannt sein, die klasse Textbilder verleihen ihm die einzigartige Würze

    19.10.2013, 20:34 von Erzieher
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    Kommt mir nur allzu bekannt vor... man hat selbst gesagt, es geht nicht mehr, aber merkt dann erst hinterher was es eigentlich bedeutet.... Und selbst wenn man eigentlich weiß, dass es richtig war, überlegt man, was wäre wenn man es nicht gesagt hätte...

    18.10.2013, 16:48 von VomWindeVerweht
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