LaBrit 28.02.2007, 21:19 Uhr 4 3

Das Ende der Sommerzeit

In Wilhelmshaven war es kalt in der Nacht zum 29. Oktober. Ihr war nicht kalt. Ihr war zum ersten Mal seit langer Zeit wieder warm.

Ganzkörperwärme. Überall im Raum.
Mitten in der Nacht.
Sie wagte einen kurzen Blick auf die Uhr. Wie spät ist es jetzt eigentlich wirklich, fragte sie sich und dachte im gleichen Moment: Es ist zu früh.
Sie drehte sich im Bett herum und sah ihn an.
Es war ihr erstes Mal.
Das erste Mal und für lange Zeit auch das einzige Mal, das wusste sie bereits in diesem Moment.
Sie fühlte sich wohl. Geborgen. Sicher.

Als sie das realisierte, spürte sie, wie ihr Herz plötzlich schneller schlug.
Sie drehte sich um, zurück in die andere Richtung, um tief durchzuatmen, um zu begreifen, was gerade passierte. Verliebt? So richtig verliebt?
Sie lag reglos da und lauschte nur seinem Atem. Seinen Atem und dem Geräusch der Kette der Fahne, die draußen vor dem Fenster im Wind in regelmäßigen Abständen gegen den Fahnenmast schlug- fast so wie der Sekundenzeiger einer Uhr, der ihr sagen wollte: Genieße es, denn es ist nicht von Dauer. Morgen ist er nicht mehr da, morgen bist du wieder ganz allein. Er bleibt bestimmt nicht bei dir.

Er schnaufte kurz und drehte sich im Schlaf wieder in ihre Richtung. Sie wendete ihren Blick vom Fenster ab und sah ihn an.
Seine Augen waren geschlossen, sein Mund leicht geöffnet und sein dunkelbraunes Haar fiel ihm in wilden Strähnen in sein Gesicht.
Unwillkürlich musste sie lächeln und das starke Bedürfnis, sein Haar zu berühren, unterdrücken. Sie wollte ihn nicht wecken.
In genau diesem Moment wachte er auf.
Sie sahen einander an.
Ihr erschien dieser Moment ewig.
Seine Augen waren noch ganz klein von der Müdigkeit, aber trotzdem strahlten sie so wie immer.
Er lächelte auch.
Ihr Herz schlug inzwischen so laut, dass sie befürchtete, er könnte es hören.
Er schloss ihre Hand in seine und hielt sie fest.
Hätte sie es gekonnt, sie hätte ihm gesagt, was sie empfand. Aber es war, wie so vieles in dieser Nacht, zu früh. Zu starke Gefühle für einen zu schwachen Moment.
Stattdessen streichelte sie seine Hand, hielt sie fest, flehte ihn in Gedanken an, sie nie, nie wieder loszulassen.
Es bedurfte keiner Worte.
Er schloss sie in seine Arme und zog sie ganz nah an dich heran. Er küsste ihren Hals, sie küsste seine Hand, die sie fest umschloss.
Hätte sie die Zeit in diesem Moment anhalten können, sie hätte es getan.
Aber sie konnte nicht.
"Wir müssen noch unsere Uhren umstellen." sagte er plötzlich und grinste sie an.
Erstmal müssen wir unsere Leben umstellen, dachte sie und grinste zurück.

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Kommentare

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    haaaa...heimatgefühle....wilhelmshaven is 24 km entfernt (:
    wunderschöner text! ein kleiner ausblick wäre schön, der text macht neugierig auf mehr (:

    lg

    05.04.2007, 16:17 von Seaside
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    Süß beschrieben, ich frag mich was passiert ist!

    01.03.2007, 11:34 von Klara84
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    Nett geschrieben. Schöne Geschichte!
    Gruß

    28.02.2007, 23:36 von Don-negro
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    Das geht jetzt nicht an die Autorin, sondern ist ganz allgemein: Wenn ich noch einmal irgendwo "realisieren" lese, krieg ich dir Krise. Nicht dass man mich falsch versteht, ich bin kein fanatsicher Bewahrer der deutschen Sprache, ganz bestimmt nicht, einige Anglismen, wie zum Beispiel "nicht wirklich" finde ich ganz nett, weil sie neue Facetten im Gegensatz zu "eigentlich nicht" aufweisen und deshalb, im richtigen Kontext und vorsichtig dosiert und mit dem Wissen, dass es eigentlich ein Anglizismus ist, versteht sich, eine weitere Bedeutungsebene einbringen können. Aber bei "realisieren" ist das nicht so, es gibt adäquate deutsche Wörter dafür und der einzige Grund, weshalb man das deutsche Wort verwenden sollte, ist nicht, weil es deutsch ist, sondern weil es besser, schöner, harmonischer klingt. Vor allem bei einem, ich nenne es mal diplomatisch, gefühlsbetonten Text wie oben, ist das ein fürchterlicher Stilbruch.

    28.02.2007, 23:36 von odradek
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