WordTrip 30.11.-0001, 00:00 Uhr 29 28

Das bunte Grau der Nacht - Eine kleine Liebeserklärung an die Nacht

"...nur der Disko-Tinnitus hüllt die Stille der Wohnung irgendwie in Zweisamkeit, ist der Abspann des Abends ganz ohne Text, aber mit Melodie."

“Nachts sind alle Katzen grau” -

Wie sehr ich dieses Sprichwort liebe…So schnörkellos, so pur, so passend. Auch wenn meine Nächte manchmal bunt durchtanzt, wild durchdacht oder gedanklich schwer sind, dennoch liegen sie auf mir ganz leicht, wie ein Sommerkleid auf den Schultern. Für mich sind die Katzen meiner Nächte auf Samtpfoten unterwegs und dabei in feinstes Grau gehüllt. Sie sind tatsächlich auf einmal alle gleich, obwohl am Tag doch so verschieden.

Selbst wenn die Gedanken manchmal bleiern über mir kreisen, so sind sie niemals so klar wie in der Nacht. Ich liebe den Deckmantel der Stille, die Lichter in der Dunkelheit, wenn alles um mich herum langsam verstummt und der Suff der Stadt glücklich beseelt unter dem Sternenzelt nach Hause torkelt – am besten barfuß. Und ich mitten drin: Wach im Kopf, elektrisiert, ohne Schuhwerk, ohne Ballast.

Dann, wenn die Heiterkeit in Reinform eskaliert, die Streits des Abends ihren Höhepunkt erreichen und das Gestern vom Heute lautlos abgelöst wird, alles wieder auf Null gesetzt wird. Wenn dann der Tag von neuem beginnt, obwohl der letzte noch nicht verabschiedet ist, sich beide nicht voneinander zu trennen vermögen und man ihnen dabei zusehen kann, zusehen darf, dann entfacht der wahre Zauber als Zuschauer in der ersten Reihe, ganz ohne Popcorn. Alles ist so echt und trotzdem unwirklich.

Nichts lenkt ab von den Bildern des Tages, Gefühle sind laut und Gedanken wirklich, während alles Rationale leise verstummt. Nur in der Dunkelheit lässt sich der Kontrast zum Licht und den Lichtern wahrhaftig spüren und die Sonne wird sehnsüchtig vermisst. Nur dann leuchten die Fenster der Stadt wirklich hell, lassen die Silhouetten dahinter scharfe Umrisse zeichnen, in der Dämmerung wird der einsame Fremde plötzlich irgendwie auffällig, besonders, interessant. Obgleich er am Tage in der Masse wohl kaum Beachtung gefunden hätte und dennoch streift er das eigene Leben schemenhaft als Schatten.

Auf dem Nachhauseweg sorgt die streunende Katze mit einem Satz vor die Füße für rauschendes Adrenalin, obwohl der Rechner eigentlich schon im Schlummermodus scheint. Das Knarren der Tür und das Knarzen des Dielenbodens werden auf einmal zum Donnergrollen, das die eigenen Füße zum Schleichen verführt. Auch wenn die Augen nicht alles mitschneiden können, jeder Reiz sorgt für einen Synapsentanz deluxe und nur der Disko-Tinnitus hüllt die Stille der Wohnung irgendwie in Zweisamkeit, ist der Abspann des Abends ganz ohne Text, aber mit Melodie.

Ob allein oder von Gesellschaft beseelt, unter der Decke dieses Schattenspiels werden seicht getränkt in feinstem Fusel meist die dümmsten und gleichzeitig schönsten Gedanken geboren. Vor allem sind es aber immer die ehrlichsten Spaziergänge durch die Hirnwindungen. Die, die keine Masken kennen, nur erkennt dann häufig niemand ihnen gegenüber die Vaterschaft an.

Ich liebe diesen charmanten Schleier der Nacht, seine graue Katzenarmee und den Moment, wenn dann plötzlich alles von Totenstille erschlagen wird und das Ende des Tages wie ein guter Freund seine Arme um mich schlingt, um mich liebevoll in den Schlaf zu wiegen, ganz leise, ganz sanft – einfach perfekt. Dieses satte Grau der Nacht ist doch irgendwie immer ein bisschen bunt und immer ein bisschen laut…


Tags: Nachts sind alle Katzen grau, Kleine Nachtmusik, Nacht, Gedanken
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29 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich bin schrecklich begeistert! Poetisch und doch so einfach. Ich habe lange nicht mehr so etwas feines gelesen, vielen lieben Dank!

    20.06.2015, 21:26 von weltentdeckerin.
    • 1

      Danke für den tollen Kommentar und freut mich wirklich sehr, dass der Text bei dir so gut ankommt!

      23.06.2015, 14:40 von WordTrip
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  • 1

    Madonna!!!

    ... hier sind so viele Talente verborgen.

    Poeten, Dichter, Träumer, Dramaturgen, Reporter...

    Möchte mal wissen, was die »später« werden
    wollen oder sollen ...

    Hoffe, NEON.DE macht dann in
    der fernen
    Zukunft ein
    »Klassentreffen«


    AR./Berlin.

    04.06.2015, 12:08 von Alexander13
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  • 1

    Guter Artikel. Voller Poesie & Kraft. Bravo !!!

    ... aber gewagte Wort-Neuschöpfungen muss man erst mal verarbeiten wie z.B.:

    »Synapsentanz deluxe« / »Disko-Tinnitus« usw.

    Starker Tobak --- und das meine ich als Kompliment.


    AR./Berlin.

    03.06.2015, 09:53 von Alexander13
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  • 1

    Schöne Bilder, wunderbar!

    22.05.2015, 09:57 von Talent_Borrows
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  • 3

    Auch wenn ich manche der Formulierungen nicht mag, kann ich gar nicht anders, als bei der Thematik ein Herz zu vergeben. Tjaha.

    20.05.2015, 21:45 von nyx_nyx
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    • 0

      20.05.2015, 13:51 von WordTrip
    • 1

      Ist das nun Absicht, oder ein technischer Fehler, dass da nichts steht?

      20.05.2015, 22:05 von yuhi
    • 0

      Teeeechniiiiik! :-/

      20.05.2015, 22:28 von WordTrip
    • 0

      Aber nun gehts ja.
      Was wolltest du denn nun dazu sagen?

      20.05.2015, 22:30 von yuhi
    • 0

      Dass es wohl anscheinend so sein sollte mit den verschollenen Kommentaren, ich das einfach mal alles so stehen lasse und mich nun für heute von allen fleißigen Kommentatoren verabschiede, die Koje ruft - over and out!

      20.05.2015, 22:44 von WordTrip
  • 2

    Großartig! Wirklich ein wunderbarer Text. Ich liebe deine Art zu Schreiben, diese tolle Bildsprache, Vegleiche, Wortkunst. Und ich verstehe sooo gut was du beschreibst. Bin verliebt <3

    20.05.2015, 00:56 von Naleli
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  • 2

    Wunderschöner Text! 

    Hab mich in deinen Worten verloren und konnte, als ich die Augen geschlossen habe, alles genau vor mir sehen und nachempfinden. 
    Literatur, Poesie - wie man es auch nennen mag, du hast es wirklich schön gemacht! 

    19.05.2015, 21:12 von shotgun-lovesongs
    • 0

      Vielen lieben Dank, das freut mich wirklich sehr!

      19.05.2015, 22:25 von WordTrip
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  • 0

    erst ohrenbetäubende stille und dann buntes grau. jetzt reichts!


    katzen sind vielleicht im dunkeln farblich schwer zu unterscheiden, allerdings ist die nacht nicht grau und schon garnicht bunt-grau. das kann jeder sehen, der nicht komplett beim farbensehen versagt.

    deine schreibe ist nicht meins, allerdings weiß ich, welchen zustand du hier auch ansprichst und gebe dir damit recht. wenn man die anfangsmüdigkeit überwindet, kommen oft gute sachen im hirn zustande. die man dann auch manchmal und direkt gut umsetzen kann. das ist bei mir auch so.

    19.05.2015, 17:12 von YOLK
    • 1

      RAL 7004 »Signalgrau«

      Fandsch immer super...

      19.05.2015, 17:27 von sailor
    • 1

      Männer! ;)
      Hier solls doch um POESIE gehen, nicht um schöndes Designer-Grau mit Farbcode ^^.

      19.05.2015, 20:39 von yuhi
    • 0

      Exakt yuhi und danke dafür! ;-)

      19.05.2015, 22:24 von WordTrip
    • 4

      jaja, ein frisches steingrau...


      @ worldtrip: pösie? ernsthaft?

      20.05.2015, 07:47 von YOLK
    • 2

      DEM Morgen...

      20.05.2015, 09:11 von sailor
    • 1

      das ist einer meiner liebsten von den beiden!

      20.05.2015, 09:55 von YOLK
    • 0

      20.05.2015, 13:43 von WordTrip
    • 0

      20.05.2015, 13:44 von WordTrip
    • 1

      Ich bin auch sprachlos...

      20.05.2015, 15:28 von sailor
    • 4

      Kannste selbst ausfüllen, mit Edding am besten...

      20.05.2015, 15:37 von WordTrip
    • 0


      :)

      20.05.2015, 15:42 von sailor
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