Dann war es wohl Liebe
als du mir gesagt hast, ich wäre der Mann, mit dem du dein restliches Leben verbringen willst.
Und ich habe dir zugestimmt. Ein Jahr später traf ich Vorbereitungen für die Hochzeit. Unsere Familien sind überaus begeistert gewesen, als wir es ihnen nach der Beurkundung mitgeteilt haben.
Und es muss wohl Liebe gewesen sein, als wir uns einander versprochen haben, in guten wie in schlechten Zeiten, gegen jeden Einwand seitens unserer Familien, wenn man doch sein ganzes Leben noch vor sich hat. Alle haben sie uns ein baldiges Ende prophezeit. Wir haben tapfer durchgehalten.
Zwischen uns ist es schon immer anders gewesen. Von dem Tag an als wir uns kennen gelernt haben, waren wir ein Paar. Seit diesem Tag haben wir ständig Gründe erhalten, warum wir nicht zusammen passen würden, und dennoch haben wir uns der öffentlichen Meinung widersetzt. Und wir waren definitiv anders. Denn wir haben uns schließlich geliebt.
Mit uns ist es ja schon immer anders gewesen. Wir haben uns ja von Anfang an geliebt, wussten dass wir heiraten wollen, sind nach drei Monaten zusammengezogen, haben uns sehr gut verstanden, haben uns eigentlich täglich gestritten, aber es war keine Hass-Liebe, wir mussten ja nur die Grundpfeiler unserer Beziehung definieren, wer das sagen hat, wer die Hosen an hat. Wer hat nochmal gewonnen? Du. Du hast immer gewonnen.
Alles was du getan hast wurde von mir hingenommen, kommentarlos, es war Liebe. Oder ist es Gewohnheit geworden? Oder beides?
Und Liebe war es wohl auch, als du mir sagtest, du küsst nicht gerne - schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Es wäre einfach nicht dein Ding! Warum? Was ist so verwerflich daran seine Gefühle zeigen zu wollen. Nicht zu können? Wo bitte ist das Problem gewesen.
Aber es gab keine Erklärung - es war einfach Fakt.
Akzeptier es oder lass es!
Mitziehn oder auf der Strecke bleiben.
Was blieb mir anderes übrig. Ich akzeptierte es. Es war Liebe.
Es muss Liebe gewesen sein. Als du mir erzählt hast, du seist fremdgegangen, ein paar Wochen nach der Hochzeit, ein netter Schlag ins Gesicht. Wir sind gerade ins Bett gegangen. Sagen konnte ich dazu nichts, ich war einfach nur leer. Schlimmer noch, als du es im Anschluss wieder zurückgenommen hast und meintest, du wolltest nur meine Reaktion testen.
Glauben konnte ich dir seitdem nicht mehr wirklich.
Aber du liebtest mich auch weiterhin, die ganzen fünf Jahre.
Auch als du zugeschlagen hast. Ja du liebst mich. Auch wenn du mich schlägst. Es ist ja meine Schuld, sagst du, denn ich habe ja die Fehler begangen, und dafür muss ich eben bezahlen. Mit meinem Körper, dem Herzen, dem seelischen Schmerz. Mit der Angst dich nicht mehr lieben zu können, nicht mehr geliebt zu werden.
Wenn du mich schlägst, bist du nicht du selbst, du blendest mein Gesicht aus, schlägst einen dir unbekannten Menschen, deshalb kannst du es überhaupt. Du sieht dann nicht den Partner in mir, sondern nur einen Schatten einer Person die du nicht kennst. So wolltest du dich aus der Situation herausreden. Du liebst mich doch. Und deshalb schlägst du mich auch, weil du mir zeigen willst wie weit deine Liebe geht.
Du liebtest mich in regelmäßigen Abständen. Du schlugst mich in regelmäßigen Abständen. Alles was du beginnst, machst du mit Liebe und Hingabe, aus tiefster Seele heraus. Wo es endete wusstest du nie.
Auch als du im letzten Jahr einen neuen Freund gefunden, es mir verschwiegen hast, und sowohl mit ihm als auch mit mir eine Beziehung führtest, und auch da liebtest du mich noch. Auch da warst du mit ganzem Herzen und voller Eifer bei der Sache.
Auch als mich der Aschenbecher leicht am Hinterkopf küsste, als dein Arm zuversichtlich meinen Hals umschloss, als mich deine Faust locker im Gesicht streifte, als dein Fuß liebevoll meinen Bauch streichelte, als dein Kopf sanft den meinen berührte. Sehr sanft. Und so voller Liebe.
Das ist es, was mir von dir Bleiben wird.
Die Erinnerung an deine Liebe und eine kleine Narbe auf der Stirn, die ich jeden Morgen im Spiegel sehe."Wichtige Links zu diesem Text"
Schotterblume e.V.




Kommentare
wow, hut ab.
02.04.2011, 19:16 von elefantastischich bin von deiner art zu schreiben einfach begeistert!
sehr gut! (geschrieben)
15.03.2011, 23:10 von nnoaafinde ich..
Uppsi...
29.04.2007, 15:14 von sailorUnd man sich in so einer situation gefangen fühlt, man liebt einen menschen, und man weiß, dass es einem nicht gut tut, aber man hat angst vor dem alleinsein, dem nächsten schritt, vor dem unbekannten, und man schiebt es alles von sich und hofft, dass sich der andere ändert...auch wenn man innerlich weiß, dass dem nicht so ist...und irgendwann kommt es zum großen knall!
29.04.2007, 11:01 von tomieIn diesem text kommt es jetzt nicht rüber, aber sie ist ein er :-) und es soll ein versuch sein, zu beschreiben, wie es ist, wenn man blind ist vor liebe, so grundsätzlich, aber man dennoch auch weiß, dass da etwas völlig schiefläuft! und man nichts dagegen machen kann oder will - ...
29.04.2007, 10:57 von tomie9 x "auch".
29.04.2007, 10:49 von Claud187Und die Textstruktur! Die Ausdrucksweise!
Was wolltest du denn mit dem Text sagen? Dass sie dich liebt? Obwohl sie dich betrügt und schlägt? Oder, dass du dich gegen deine Familie durchsetzen kannst? Dass du dir die Liebe anderer Menschen einreden kannst?
Sprachlos trifft es wohl, ich schliesse mich an..
29.04.2007, 09:40 von mezzanineWundervoll geschrieben - weil zunaechst nur bedingt in einem gewissen Zynismus verfasst, endet es doch umso.. "schallender" in diesem.