Comeback der Liebe
Kommt ein getrenntes Paar wieder zusammen, sind alle anderen skeptisch. Dabei könnten WIEDERHOLUNGSTÄTER Vorbild sein. Weil sie aus Fehlern lernen. Und an große Gefühle glauben.
ass Wendelin heute eine glückliche Beziehung führt, verdankt er seinem Jähzorn und dem Antwortbutton von GMX. Wendelin war schon klar, dass ihm seine Freundin Johanna nicht gerade eine glühende Liebeserklärung per E-Mail zusenden würde, an diesem Sommertag vor fünf Jahren. Das Wochenende davor war schlecht gelaufen, sie hatten sich eigentlich nur angeschrien und die Pausen zwischen den Streits mit stoischem Schweigen überbrückt. Aber warum schrieb Johanna jetzt schon wieder von »Zweifel« und »Problemen«? Wendelin dachte nicht lang nach, tippte »Dann lassen wir es doch einfach ganz« in die Maske und drückte auf Senden. Dann sagte er seinem Chef, dass es ihm nicht so gut gehe, und lief nach Hause.
Vier Mal hatte Johanna, seine große Liebe, seine ewige Ex, ihn schon verlassen. Diesmal hatte er Schluss gemacht. Und diesmal würde es für immer sein. Dachte er.
Die E-Mail ist ihm heute noch peinlich, weil sie ihn auf eine Stufe stellt mit vermeintlichen oder tatsächlichen SMS-Schlussmachern wie Sandy Meyer-Wölden oder Naddel. Aber die Stil losigkeit war effektiv. »Johanna war so erschrocken «, erinnert sich Wendelin. »Sie wollte unbedingt, dass wir es noch einmal probieren. Und das hat sich gelohnt.«
Vieles spricht dagegen, einen neuen Anlauf zu wagen. Will man nur deshalb zum Partner zurück, weil man es alleine gar nicht aushält? Warum ein Experiment wiederholen, das mit der Sicherheit erlittener Erfahrung schon einmal gescheitert ist? Wie soll man sich neu in die zweifelhaften Eigenschaften des Partners verlieben, die man sich nach der Trennung systematisch schlechtgeredet hat (»Zum Glück bin ich nicht mehr mit dem zusammen«)? Und trotzdem. Trotzdem gibt es da draußen Menschen, die das Unmögliche probieren. Die Rosen kaufen, Entschuldigungsbriefe schreiben und schmalzige Liebeslieber für ihre Expartner komponieren. Die in fremde Städte ziehen, neue Freunde finden, Telefonnummern löschen und dann doch Herzklopfen kriegen, wenn eine Massenmail vom Ex im Posteingang liegt.
Warum sich Johanna und Wendelin fünf Mal voneinander trennten und fünf Mal wieder zusammenkamen, können sie heute selbst nicht mehr so recht erklären. »Vielleicht waren wir zu jung, zu unerfahren«, meint Wendelin. Es war, als hätten sie schon im ersten Jahr die Be ziehungsschablone ausgeschnitten, die sie in den nächsten fünf Jahren immer wieder benutzten.
Als sie sich kennen lernten, studierte Wendelin in Hamburg Soziologie, schlief auch wochentags gerne mal länger und wusste noch nicht, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Johanna ging in Heidelberg zur Schule, eine Power-Organisatorin, die an der Tankstelle jobbte und Jugendfreizeiten bei der katholischen Kirche leitete. Nach dem Abitur arbeitete sie in einem Jugendgefängnis in Uganda. Und ging dann nicht zu Wendelin nach Hamburg, sondern nach Berlin, um Psychologie zu studieren. Als Wendelin nachkam, zog sie weiter nach Stendal, für ein FH-Studium. Er war anhänglich, sie genervt. Sie machte Schluss, machte Schluss, machte Schluss. Es wurde erst anders, als Wendelin anfing, als Journalist zu arbeiten. Auf einmal war er derjenige, der Erfolg hatte, Geld verdiente. Dem das Leben gelang. Er trennte sich von Johanna. Und markierte damit die Wende in der Beziehung: »Auf einmal hat sie um mich gekämpft«, sagt er.
Die Boston-Couples-Studie, für die 25 Jahre lang junge Erwachsene und ihr Paarungsverhalten untersucht wurden, zeigt, dass die meisten Frauen und Männer der Ansicht sind, ihre Beziehungen seien an fehlenden gemeinsamen Interessen gescheitert. »Gerade bei jüngeren Menschen, deren Leben in schnellem Tempo fluktuiert, passiert das leicht«, sagt der Paartherapeut Friedhelm Schwiderski. »Der eine hat schon genaue Pläne für sein Leben, der andere träumt noch. Einer zieht weg, in eine andere Stadt, ein neues Umfeld, orientiertsich neu, entwickelt sich weiter. Das führt zu Problemen, weil Liebe auf gemeinsamen Überzeugungen und einer geteilten Weltsicht beruht und man von seinem Partner erwartet, dass er so denkt und handelt wie man selbst.«
Schwiderski, 56 Jahre alt, arbeitet seit dreißig Jahren als Paartherapeut. Auf dem Sofa in seiner Praxis in Bönnigstedt bei Hamburg saßen weit über tausend keifende, weinende, schweigende Paare mit tausend unterschiedlichen Problemen. Doch ein gemeinsames Muster erkennt Schwiderski - und darüber hat er sein Ratgeberbuch »Beziehungsweise glücklich« geschrieben: »Als geübte Konsumenten bewerten wir auch unseren Partner nach einem Preis-Leistungs- Verhältnis: ?Was bringt er mir, was kann er, finde ich woanders noch was Besseres.? Schon bei leichter Unzufriedenheit rufen wir: ?Reklamation!? Wir geben zu früh auf, nur weil wir glauben, irgendwo da draußen wäre jemand, der besser, reifer, interessanter ist als der derzeitige Partner.« Schwiderski hält die Wiederholungstäter der Liebe nicht für Feiglinge, die von der Traufe des Alleineseins zurück in den Regen einer schlechten Beziehung flüchten. Der Therapeut hat große Sympathien für jeden, der genügend Geduld und Mut hat für die zweite Runde: »Es mag banal klingen, aber an Problemen kann man wachsen. Und gerade unterschiedliche Überzeugungen und Lebensweisen können eine Beziehung interessant und vielfältig machen.«
Laut einer Studie von elitepartner.de will jeder zehnte Mann seine Expartnerin zurück. Im Internet wimmelt es von spezialisierten Foren, in denen von Liebeskummer gebeutelte Männer und Frauen Strategien diskutieren, Erfolgsmeldungen posten und Trauerreden. Für 29,90 Euro gibt es E-Books wie »So gewinnen Sie Ihren oder Ihre Ex zurück« mit einer Schritt-für- Schritt-Anleitung und Geld-zurück-Garantie per Download. Die Strategie, mit der in solchen Werken Erfolg versprochen wird, basiert meist auf dem Prinzip der Distanz: Willst du gelten, mach dich selten.
Conny Mürle hatte kein E-Book. Sie hatte ein gebrochenes Herz und heulte die Kissen voll. Tobias Schmid, der Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte, hatte sie nach zwei Jahren verlassen. Wenn man ihn nach den Gründen fragt, sagt er: »Wir haben uns zu viel gestritten.« Conny ist konkreter: »Ich bin mit Männern befreundet, ich kann mit denen einfach besser, das hat Tobias nicht verstanden. Er war sehr eifersüchtig.« Irgendwann hielt Tobias es nicht mehr aus. Er ging.
Drei Monate lang wartete Conny darauf, dass Tobias zurückkam. Dann reichte es ihr. »Ich habe ihm das Leben zur Hölle gemacht«, sagt Conny. »Ich wollte ihn nur noch zurückhaben, stand vor seiner Tür, habe vierzig Mal am Tag angerufen.« Wer kümmert sich schon um Stolz, wenn es um die große Liebe geht? Tobias aber reagierte nicht. Er hatte einfach keine Lust, sich noch einmal verletzen zu lassen. Schließlich machte Conny einen letzten Versuch. Setzte sich vor den Computer und bastelte in sechs Stunden Kleinarbeit mit dem Windows Movie Maker einen Videoclip zusammen. Fotos aus glücklichen Zeiten, Kerzen auf dem Boden, die »I love you« buchstabieren, Conny, die sich im Kreis um Tobias dreht, Tobias, wie er Conny an einem Strand in Italien umarmt, die beiden in der Badewanne. »Ich habe gemerkt, was ich für einen Riesenfehler gemacht habe«, sagt Tobias. Als Conny das nächste Mal kam, setzte er sie vor den Fernseher und schaltete ein Video ein, dass Connys Clip sehr ähnlich sah. Nur dass Tobias es gemacht hatte. Conny fing schon wieder an zu weinen, aber diesmal vor Freude.
Klar, man kann über die Videos lächeln. Man kann aber auch den Mut von Tobias und Conny bewundern, selbst dann noch an die Liebe zu glauben, wenn sie schon einmal gescheitert ist. Viele Paare geben auf, wenn nach ein paar Mona ten oder zwei Jahren die erste Verliebtheit schwindet, streichen den anderen aus Herz und Zukunftsplänen. Die Comeback paare nehmen sich nur ein Beziehungssabbatical, ignorieren souverän die Kritik und die gut gemeinten Ratschläge aus dem Freundeskreis (»Lass dich bloß nicht noch mal mit der ein!«), arbeiten dann weiter am Gesamtkunstwerk Liebe, nehmen kleinere Schönheitsfehler und Arbeitsunfälle in Kauf: romantischer Realismus.
Wenn Connys und Tobias Geschichte ein Hollywoodfilm wäre, wären mit dem glücklichen Videoabend alle Probleme erledigt. Im echten Leben aber ist Tobias immer noch sauer, wenn Conny einem Mann seiner Meinung nach zu tief in die Augen schaut. Conny dagegen nervt, dass Tobias ihr nicht genug vertraut: »Natürlich streiten wir noch«, sagt Conny. »Aber wir machen das besser, respektvoller, liebevoller. Für uns bricht dann nicht jedes Mal eine Welt zusammen.« Der Paartherapeut Friedhelm Schwiderski glaubt, dass viele Paare manche Probleme niemals lösen, ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben niemals harmo nisieren werden: »Es kommt also darauf an, mit diesen Konflikten zu leben, sie zu akzeptie ren, mit ihnen sinnvoll umzugehen, in einer Art und Weise, die für beide nicht verletzend ist.«
Auch geliebte Menschen können schrecklich nerven. Der eine fängt noch vor dem Morgenkaffee politische Diskussionen an, die andere ordnet nervtötend langsam die Steakmesser im rechten Winkel zu den Weingläsern. Oder zieht sich gleich nach dem Nachhausekommen eine ausgeleierte Jogginghose an. Wenn man das nicht erträgt, kann man das Handtuch werfen und das Ganze mit dem Nächstbesten noch einmal probieren. Der dann, wenn der Hormonnebel sich gelichtet hat, wahrscheinlich wieder Probleme macht. Oder man atmet tief durch und wirft einen Blick in den Spiegel. Ist dort ein perfekter Mensch? Die Antwort darauf sollte man sich merken. »Man ärgert sich oft über die Dinge, die man an sich selbst nicht mag oder vermeiden will«, sagt Paartherapeut Friedhelm Schwiderski. »Wer sich über seinen unordentlichen Partner ereifert, ärgert sich in Wahrheit über die eigene Verplantheit, auch wenn er das gar nicht zugeben mag. Vielleicht ist ja der Schreibtisch säuberlich aufgeräumt, dafür schickt das Finanzamt schon das dritte Mahnschreiben.« Wahrscheinlich ist der perfekte Mensch für uns nicht derjenige, der keine Fehler hat, sondern der, dessen Fehler wir akzeptieren.
F. , 32, Arzt, hatte sich jahrelang eingeredet, dass die Fehler seiner ehemals großen Liebe keinesfalls zu akzeptieren seien. Nachdem M. D. mit ihm Schluss gemacht hatte, im Winter 1999, wurde sie zu einer guten Freundin. »Und mehr nicht«, dachte F., »ist ja auch besser so.« M. sah ja ganz nett aus, aber sie war auch unerträglich gebieterisch, eine dieser Frauen, die am liebsten darüber entscheiden, ob die Dinnergäste den Braten nachsalzen dürfen und wenn ja: wie oft. Sieben Jahre kamen sich M. und F. nicht mehr näher als bei der Abschiedsumarmung. Dann, an einem Winterabend in der Kneipe, nach ein paar Bier, erklärte M. auf einmal, dass sie es sich genau überlegt habe und sie F. gerne heiraten wolle. F. sagte: »Du hast wohl einen Vollknall.« Im Taxi zur nächsten Kneipe musste M. kotzen.
Sie haben dann doch begonnen, sich zu treffen und beieinander zu übernachten. Aber F. brauchte Zeit, um sein sorgfältig aufgebautes und gepflegtes Archiv der Anti-M.-Argumente systematisch zu vernichten. Er spürte, dass M. die Frau seines Lebens war, aber er schaffte es zunächst einfach nicht, sich neu in sie zu verlieben. Viele Langzeitpaare kennen das Problem, dass die Flamme der Liebe nurnoch schwach züngelt. F. aber musste aus grauer, kalter Asche ein Feuer entfachen. »Beim ersten Mal mit M., damals, 1999, hat mich die Liebe zu ihr wie ein Blitzschlag getroffen. Das zweite Mal kam nichts von außen. Ich musste mich bemühen, das Positive an ihr zu sehen. Aber je mehr Zeit wir miteinander verbracht haben, desto mehr fielen mir alle ihre liebenswerten Züge auf. Wie fröhlich und warmherzig sie ist, zum Beispiel, und wie laut sie lacht.« Mittlerweile ist F. sogar in genau die Eigenschaften verliebt, die er sich so lange schlechtgeredet hat: »Ich könnte sie küssen, wenn sie mal wieder ohne größere Nachfrage für mich und die Freunde ein Konzert aussucht und Karten reserviert.«
M. hat sich auch schon einmal vor F. an einem Comeback der Liebe probiert - mit schlechtem Ausgang. Und auch Friedhelm Schwiderski würde keinesfalls jedem Paar raten, ihre gescheiterte Beziehung noch einmal neu zu beleben: »Aber wenn da noch Liebe ist, kann sich ein zweiter Versuch lohnen.« Menschen seien nicht dazu verurteilt, die gleichen Dummheiten immer wieder zu machen, sagt Schwiderski: »Man kann aus Fehlern lernen. Wenn man sich anstrengt, wenn man an sich arbeitet und wenn man offen ist für den Partner, dann kann man wirklich eine bessere und glücklichere Beziehung führen.«
Johanna und Wendelin, die sich fünf Mal voneinander trennten, sind mittlerweile seit zwei Jahren verheiratet. Zwei Söhne haben sie auch schon. »Wir kommen besser miteinander klar, weil wir mit uns selbst besser klarkommen«, sagt Johanna. Und Wendelin meint: »Damit ich souveräner und selbstbewusster werden konnte, mussten erst einmal ein paar Erfolgserlebnisse her, der Job zum Beispiel. Jetzt bin ich nicht mehr so leicht zu verunsichern, fasse nicht jede Kritik an mir gleich als grundsätzlichen Zweifel an unserer Beziehung auf.«
Wenn Johanna früher "fettarme Milch" auf den Einkaufszettel schrieb und Wendelin dann normale Milch kaufte, konnte daraus ein Beziehungsstreit entstehen, weil Johanna das als Beweis dafür nahm, dass Wendelin sie nicht genug liebte. Er wiederum interpretierte ihre Vorwürfe als Undank, was wiederum sie noch wütender machte und so weiter. »Wenn Wendelin heute die falsche Windelmarke kauft, zucke ich nur mit den Achseln«, sagt Johanna. Dass Wendelin in der Trennungszeit sein Glück mit einer anderen Frau versucht hat, ist eines der wenigen Dinge, die sie noch aufregen, gibt Johanna zu. »Ich spreche ihn dann drauf an, er stöhnt auf - und dann bekommen wir es wieder hin.«




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