Can't Kick This Feeling When It Hits
Ich hätte das dumme Mist-Handy abstellen und zu dir unter die Dusche springen sollen, stattdessen lese ich deine Kurzmitteilungen.
Du musst noch das geliehene Kamerastativ in der Universität abgeben, sagst du zu mir. Das hast du mir gestern auch schon erzählt. Jetzt schon wieder, kurz vor der Brücke, über die wir am Vorabend gemeinsam gegangen sind, in der Stadt, in der ich gestern zum ersten Mal war. Es ist jetzt kurz vor sechs am frühen Morgen und du rufst mir Dinge, die ich weder akustisch, noch inhaltlich verstehe hinterher, als ich mich schlaftrunken und sichtlich verwirrt von dem was gerade eben geschehen ist, auf die andere Straßenseite begebe.
Seltsamerweise regnet es heute nicht. Gespannt auf das, was mich nun alles erwartet, bin ich nicht und es ist egal, was jetzt alles geschehen wird. Es ist egal. Jedenfalls für diesen einen Moment. Aber es wird auch erstmal so bleiben, da bin ich mir sicher und ganz sicher weiß ich, dass sich das auch wieder ändern wird. Ich sehe dich aus dem Augenwinkel in Bus Nummer 5 steigen, du schaust auch rüber, aber verschwindest dann am vorderen Eingang und zeigst dem Fahrer dein Ticket, mit dem du mich nicht abholen konntest, da es trotz des stolzen Preises gar keine Gültigkeit bis zum Flughafen hat.
Im Dreck und Matsch hinter der Haltestelle liegt das vom Regen zerfledderte Pornoheft, das ich gestern Nacht, nach langem Ringen mit mir selbst auf dem Flughafen gekauft habe. Ein Foto davon mache ich nicht, wie es dort vor sich hin sifft, obwohl ich gestehen muss kurz darüber nachgedacht zu haben. Eigentlich mache ich von jedem Scheiß Fotos. Warum also nicht. Geil, denke ich: Vom gefühlt armseligsten Moment meines Lebens wird es Beweisbilder geben, die meine Familie und meine Freunde finden werden, wenn sie für die Powerpoint-Präsentation beim Leichenschmaus zu meiner Beerdigung recherchieren. Drauf geschissen, denke ich im nächsten Moment und steige in den Bus ein, in die andere Richtung der Stadt. Ein letztes Mal schaue ich rüber zum Drecksheft, ein letztes Mal, das ist das letzte Mal, dass ich in dieser Stadt bin. Ciao Heft, Ciao Stadt, Ciao. Ich steige in den Bus, knall dem Fahrer meine letzten Kronen auf den Tresen und denke an »besser«.
Es steht jetzt 1:1. Es tut mir leid, habe ich dir damals mal gesagt. Du hörst mir nicht zu und jetzt sagst du überhaupt nichts mehr. Es tut mir leid. In den nächsten 2 Stunden wirst du nicht an dein Telefon gehen und es wird mich wahnsinnig machen. Danach wirst du es abschalten und 2 Tage nicht mit mir sprechen, weil du weißt, dass du das machen kannst. Weil du genau weißt, dass du in diesem Moment Recht hast, weil du weißt, dass ich einen Fehler gemacht habe. Weil ich glaube, dass du darauf gewartet hast, dass ich diesen einen Fehler mache. Es fühlt sich gerade alles nicht so gut an und das schlimme daran: Ich kann nichts daran ändern.
Der Handy-Wecker mit der scheußlichen Melodie klingelt nun zum dritten Mal. Drei mal habe ich ihn abgestellt, zwei mal bin ich wieder eingeschlafen. Du stehst unter der Dusche. Ich hätte mitkommen sollen, denke ich später im Auto. Eigentlich denke ich noch viel mehr, doch ich denke so wirr, dass ich eigentlich überhaupt gar nichts denke. Tonbandfetzen. Ich hätte das dumme Mist-Handy abstellen sollen und zu dir unter die Dusche springen sollen, stattdessen lese ich deine Kurzmitteilungen. Mir wird schlecht dabei, nicht weil ich es tue, sondern weil ich scheinbar Recht hatte.
Deine Mutter, dein Vater und deine Freundinnen werden später sagen, dass sich so etwas nicht gehört, dass so etwas unverschämt sei. Ich weiß nicht genau, warum mir ausgerechnet in diesem Zusammenhang das Wort »Kündigungsgrund« einfällt. Alle werden sagen, dass sie das nicht von mir gedacht hätten. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich das auch nicht von mir gedacht. Ich von dir aber auch nicht. Doch das wissen nur wir beide. Und dein neuer Typ.
Als du aus der Dusche kommst, um dich noch einmal zu mir ins Bett zu legen, springe ich auf und renne an dir vorbei ins Bad. Für einen kurzen Moment bekomme ich keine Luft mehr. Das ist schlecht, wenn man kotzen muss. Mein Körper sagt jetzt »isn?t« und ich weiß nicht was schlimmer ist, die Erkenntnis, das Zittern an den Beinen oder dieses dumpfe Geräusch in meinem linken Ohr, was sich unter der Dusche langsam mit dem Rauschen des Wassers mischt und ein und dieselbe Frequenz ergibt. Der Warmwasserhahn ist jetzt fast komplett zugedreht, man sagt ja, dass so eine kalte Dusche einen klaren Kopf schafft. So ein Quatsch. Wenn eine kalte Dusche für alles die Lösung wäre, würden wir vermutlich alle mit kalten Duschen durch die Straße rennen. Was für eine Wasserverschwendung das wäre.
Beim Abtrocknen frage ich mich, wie ich die Fahrt zu meiner Mutter überstehen soll, finde aber trotz kalter Dusche keine geistreiche Lösung, außer uns gemeinsam mit hundertvierzig vor einen Baum zu setzen. Deine kleine Schrottkiste würde uns vermutlich sofort in hundert grobe Stückchen teilen, so dass der Rettungsdienst große Mühe hätte, uns für die Leichenidentifikation zusammen zu puzzeln. In der Zeitung würde nichts von dem stehen was im Vorfeld passiert ist. Alle wären ratlos und würden von einem tragischen Unglück sprechen, das dem Traumpärchen an einem sonnigen Sonntagmorgen auf der Landstraße widerfahren ist. Gemeinsam würden wir beerdigt werden, unsere Familien würden sich endlich mal kennenlernen, sich anfreunden, zusammen in den Urlaub fahren und um ihre verstorbene Tochter und ihren verstorbenen Sohn trauern. Du hast Glück, dass heute der Geburtstag meiner Mutter ist. Kinder bringen sich an Geburtstagen von Eltern oder Freunden nicht um. Das gehört sich einfach nicht. Was du anziehen sollst, fragst du mich. Ich frage mich, ob du ihn das eigentlich auch fragst.
Wir sitzen im Zug von Oslo nach Bergen. Bergensbanen. Warum mir diese Geschichte gerade jetzt durch den Kopf geht, nur wenige Stunden bevor du dich von mir trennen wirst, weiß ich nicht. Ich bin glücklich denke ich. Ich bin froh, dass du mir das alles verziehen hast. Das wir uns wieder gemeinsam Dinge versprechen, uns in die Augen schauen können und wortlos wissen was wir denken und fühlen. Du blickst zu mir und wir sehen uns an. Keine Spur von Lieblichkeit, denke ich heute, danke, dachte ich vor 2 Tagen. Aus Verlegenheit erzählen wir und zum wiederholten Male, wie schön die Strecke doch sei. Ich schaue aus dem Fenster und denke: Geilo. Nicht der tausendste Tunnel, sondern der Ort. Was für ein beschissener Name für einen Ort. Aber wir sprechen zur gleichen Zeit diesen beschissenen Namen aus und müssen lachen wie zwei kleine Kinder.
Dein Zimmer im Wohnheim ist klein und eng. Dein Bett erst recht. Das haben die extra gemacht. So schmale Betten gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Das sind Sonderanfertigungen. Keine Meterware. Hier soll niemand auf dumme Gedanken kommen und wenn, dann nur auf die Assoziation Kindersarg. Der totale Abturn. Vor allem aber auch der Gedanke sich mit jemandem in ein kleines Bett zu legen, ihn zu umarmen und zu küssen, um ihm dann kurze Zeit später zu gestehen, dass das alles ab sofort nun nicht mehr so sein soll. Sich bewusst werden, dass man von einem Moment auf den nächsten, nach einem kurzen gestotterten Satz wieder alleine ist. Oder wahlweise Single. Wenn einer dabei noch im gemeinsamen Plural ist, kann das fürchterlich weh tun.
Vor 3 Monaten hast du besser gekocht, aber das liegt nicht an dir. Armselig, schlappe Zucchini und einen Becher Sahne. Ich wusste nicht in was für ein exotisches Feinkostland ich geraten war, tausend Euro dafür zu bezahlen. Die Zucchini und die Sahne kommen mir jetzt wieder hoch. Schade drum. Und dieses mal liegt es an dir und nicht am Essen.
Du sitzt am anderen Ende des Zimmers und wärst theoretisch noch nah genug an mir dran, um dir gehörig eine zu knallen. Abgesehen davon, dass ich nie auf den Gedanken käme das zu tun, könnte ich es momentan auch gar nicht. Ich bin gelähmt. Das dumpfe Geräusch in meinem Ohr macht sich nach einem Jahr wieder bemerkbar. Dieses Mal verschmilzt es mit dem Regen der an deine dünnen Fenster prasselt. Du hast mein T-Shirt an, das du dir vor 3 Monaten einfach mitgenommen hast. Du sitzt in diesem Sessel, der verdammt noch mal nach Ikea der 70er Jahre aussieht, hast mein T-Shirt an und sagst mir, dass dir klar geworden sei, dass du wieder Zeit für dich alleine brauchst. Übersprungshandlung. Einen kurzen Moment muss ich ernsthaft überlegen, ob du von ein paar Tagen sprichst oder ob du gerade im Begriff bist unsere Beziehung zu beenden. Meine Mundwinkel zucken kurz, weil ich ehrlich gesagt ein wenig darüber schmunzeln muss, da es ja nun mal nicht sein kann, dass du mich nachdem ich zu dir gekommen bin, innerhalb von 2 Tagen vor die Tür setzt, weil mich dein Blick an Ilona Christen und ihre Talkshow erinnert, in der ich aber scheinbar gerade sitze. Nur leider Eintausend und Neunzig Kilometer von zu Hause entfernt.
Wie genau ich der Frau von der norwegischen Fluggesellschaft am Telefon erklärt habe, dass ich meinen Flug in 2 Wochen stornieren möchte und lieber einen Flug für den nächsten Morgen buchen möchte, weiß ich nicht mehr. Aber ich saß 22 Stunden später in der Bahn von Berlin Ostbahnhof nach Hamburg. Die Strecke ist bei weitem nicht so schön wie die der Bergensbanen. Aber zum Glück 5 Stunden kürzer.




Kommentare
wunderbarer text. weckt erinnerungen, die man eigentlich längst verdrängt hatte. empfehlung :)
24.08.2010, 02:18 von miss_PetticoatWAS is passiert?
22.08.2010, 21:50 von LenulitschkaGefällt mir nich so.
Da wurden aber mächtig brutal Erinnerungen geweckt.
20.08.2010, 00:03 von atzepengWunderbarer Text, super geschrieben, herrlisch.
@Caro74 der herrlichste satz ist ja dieser:
19.08.2010, 23:49 von Gluecksaktivistin*Das haben die extra gemacht. So schmale Betten gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Das sind Sonderanfertigungen. Keine Meterware. Hier soll niemand auf dumme Gedanken kommen und wenn, dann nur auf die Assoziation Kindersarg.*
ich musste soo lachen
@Gluecksaktivistin Echt? Ich musst überhaupt nich lachen. Kein bisschen.
22.08.2010, 21:49 von LenulitschkaMag das Tönchen, mit dem ein uraltes, vor sich hingammelndes und unendlich wiedergekautes Themengewölle hier erzählt wird.
19.08.2010, 22:42 von frl_smillaMal kein stumpf runter geschriebener Text. Mir gefällt der Stil.
19.08.2010, 19:55 von schneekuchenschön.
19.08.2010, 19:48 von misspringleich würde gerne mehr lesen. gefällt mir.
19.08.2010, 19:17 von Katiiia@Katiiia merci.
19.08.2010, 19:19 von dispokugelEs gab kürzlich wieder so einen Fall, wo ein hintergangener Typ sich und seine Freundin mit Absicht vorn Baum geballert hat. Beide ham überlebt. Damit neben dem körperlichen und seelischen Schaden auch noch anständig gesellschaftlicher entsteht, hat sich das noble Mädel erstma ausladend der Klatschpresse anvertraut. Ich finde es meist reichlich flach, wenn sich dann in Allgemeinplätzen a la: „Liebe kann gefährlich sein“ erschöpft wird. Gesundheitsschädlich sind vielmehr die zwischenmenschlichen Folgen einer üblen Melange aus Selbstsucht, Kleinmut und Falschheit. Wieviel das mit Liebe zu tun hat, kann jeder selbst entscheiden.
19.08.2010, 16:23 von schaubyKein überragender aber auch kein schlechter Text übrigens.