dergrossepagliacci 13.02.2013, 21:26 Uhr 1 1

Bullet for my Valentine

Mein erster Valentinstag als Single nach annähernd einer Dekade stand bevor. Nicht das mich dieser Tag jemals sehr interessiert hätte.

Der 14. Februar 2010 hat mich stärker geprägt als jeder Valentinstag zuvor. Da es Sonntag war, und ich ohnehin keine Lust hatte dem Datum irgend eine Bedeutung einzuräumen, kam mir meine Couch nur allzu bequem vor. Als mich Dirk, ein alter Schulfreund, gegen Mittag anrief hatte ich gerade erst gefrühstückt. Da wir einige Tage zuvor bereits gechattet hatten wusste ich das Dirk seit kurzem auch wieder Single war, wir verabredeten uns kurzer Hand gegen 14 Uhr einen Kaffee trinken zu gehen. Grund genug endlich aufzustehen und mit dem Reinigungsprogramm zu starten.

Gerade als ich mich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt machen wollte klingelte mein Handy erneut. Dirk wirkte aufgelöst er meinte nur "bleib zuhause ich bin gleich da und hol dich ab". Keine 10 Minuten später stand er vor meiner Haustüre. "Was is passiert?" wollte ich wissen. Er forderte mich auf einzusteigen er würde mir unterwegs erklären was los sei. Ich hatte ja ohnehin nichts besseres vor und stieg also in seinen kupferfarbenen BMW.

Nach einigen Minuten Smalltalk der sich überwiegend um sein neues Auto drehte konnte ich mich nicht länger zurückhalten. "Warum die Plan Änderung?" wollte ich wissen. "Kurz nach unserem Telefonat hat mich Sergio, ein Arbeitskollege angerufen" klärte Dirk mich auf. "Er ist total fertig weil seine Alte mit ihm Schluss gemacht hat. Sie haben sich ordentlich gefetzt und sie ist mal wieder handgreiflich geworden". "Mal wieder" grinste ich "Und du sollst jetzt die Beziehung retten oder was?" Dirk sah, dass mich das ganze offensichtlich sehr erheiterte und ergänzte "Ganz so einfach ist es nicht, der Bruder seiner Freundin ist wohl auch noch auf ihn losgegangen. Sergio hat die Bullen gerufen." In diesem Moment spielte ich diverse Szenarien in meinem Kopf ab. Welche alle weit von der harten Realität in den Schatten gestellt werden sollten.

Nachdem ich mich einer Weile meinen Fantasien hingegeben hatte wollte ich wissen wohin die Reise eigentlich ginge. "Fürstenfeldbruck" antwortete Dirk kurz. Wir waren inzwischen auf der Autobahn angekommen und mussten etwa die halbe Strecke hinter uns gebracht haben. Mir war immer noch nicht ganz klar wie ich das "mal wieder" mit den Handgreiflichkeiten von Sergios Freundin in Einklang bringen sollte. Als ich Dirk fragte wie gut er Sergios Freundin kenne meinte er nur "Gar nicht, ich kenne ja Sergio kaum. Hab auch keinen Plan warum er grade mich anruft."

Gegen 15 Uhr kamen wir am Haus von Sergios Freundin an. Wir entschieden jedoch vorerst als Zaungäste an Selbigem stehen zu bleiben. In der Einfahrt standen zwei Polizeiautos, Drei Polizisten gingen gerade zur Haustür. Ich setzte mich auf die Motorhaube des BMW und bemühte mich nicht zu begeistert von der sich mir bietenden Szenerie auszusehen. Kurz bevor der erste Cop die Türklingel erreichte ging die Haustüre auf und ein verdutzt dreinschauender junger Kerl mit einem Wäschekorb in den Händen stand darin. "Abstellen und die Hände dahin wo ich sie sehen kann" Keifte der Polizeibeamte den inzwischen Bleich gewordenen Burschen an. "Das ist Sergio" klärte Dirk mich auf. Mein Grinsen war mir zu diesem Zeitpunkt schon fest ins Gesicht gemeißelt.

"Abstellen und Hände hoch" wiederholte der Gesetzeshüter lautstark, während er seine Waffe aus dem Holster holte und sie auf Sergio richtete. Der kleinlaute Sergio stammelte nur etwas, was sich wie "ich hab doch angerufen" anhörte und stellte den Wäschekorb welcher mit Klamotten und DVDs gefüllt war vor die Haustüre. Der brüllende Polizist war inzwischen bei Sergio angekommen und nahm diesen zur Seite um seine Personalien zu überprüfen. "Schade, dass wir kein Popcorn mithaben!" grinste ich zu Dirk der von dem Schauspiel schwer beeindruckt schien. Die beiden anderen Cops stürmten in das Haus als hinge Ihr leben davon ab. Ich bot Dirk eine Kippe an und ließ das Schauspiel weiter auf mich wirken.

Nach einigen Minuten kam der Sturmtrupp wieder aus dem Haus, sie führten einen ca. 16 jährigen Emobubi direkt zu einem der Polizeiwagen und setzten ihn auf den Rücksitz. Einer der Cops hatte einen Bananenkarton bei sich welchen er in den Kofferraum des Polizeiwagens stellte. Sergios Befragung schien beendet, er holte seinen Wäschekorb und bewegte sich auf uns zu. Ich war inzwischen so begeistert vom erlebten, ich konnte kaum noch erwarten bis Sergio seine Geschichte erzählte. Sergio bat Dirk ihn erst mal zu sich nach Hause zu fahren damit er sich war anderes anziehen könne. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich mich getäuscht hatte. Die Sweatpants die Sergio trug hatten kein total abscheuliches Muster, sie waren von einer gelblichen Flüssigkeit überzogen die inzwischen getrocknet war. Als wir ins Auto eingestiegen waren wunderte ich mich kurz darüber, dass Sergios Freundin überhaupt nicht zu sehen war. Hatte ich mich etwa getäuscht und der Emojunge war gar kein Junge. Ich beschloss jedoch vorerst meine Fragen für mich zu behalten.

Ich blieb auf dem Rücksitz sitzen und wartete mit Dirk bis Sergio wieder aus dem Reihenhaus kam, er hatte sich eine Jeans und ein frisches T-Shirt angezogen. "Lass uns zum Eiscafe auf die Hauptstraße fahren" sagte er als er wieder ins Auto stieg. Er wirkte leicht apathisch.

Am Eiscafe angekommen, war die Spannung nicht mehr zu ertragen. "Hey Sergio erklär uns doch bitte endlich was da eben abgegangen ist" forderte ich ihn mit bemühter Ernsthaftigkeit auf. "Ja Mann raus damit" ergänzte Dirk der ebenfalls Probleme hatte nicht amüsiert zu wirken. Wir setzten uns in eine Ecke des halb leeren Eiscafes und Sergio begann seinen Monolog.

"Ich bin jetzt 3 Monate mit Katja zusammen, die letzte Woche habe ich jede Nacht bei Ihr verbracht. Ihre Eltern sind in Zürich und wir haben das Haus für uns. Abgesehen von ihrem bescheuerten Japan-Anime-Emo-Mistkind von Bruder." Begann Sergio. "Katja flippt ständig aus wegen jeder Kleinigkeit, bisher haben wir uns aber immer gleich wieder versöhnt" Sein Gesichtsausdruck verzerrte sich zu einem gequälten Lächeln als er "Es gab fast jeden Abend Versöhnungssex!" hinzufügte. Ich übte mich in Contenance. Er fuhr fort "Heute haben wir dann zusammen Mittagessen gekocht, ich habe Würstchen geschnitten und in die Kürbiscremesuppe geworfen. Auf einmal fährt sie mich an. Das sind viel zu viele du Trottel, kannst du denn nie was richtig machen? Passt schon sagte ich, du kannst sie ja rausfischen wenn es dir zu viele sind." Seine Apathie war inzwischen einer art Gebrochenheit gewichen die ich bisher nur aus schlechten Kriegsfilmen kannte. "Dann ist sie ausgetickt und hat mir eine gescheuert" Dirk musste gemerkt haben, dass ich eine Frage auf den Lippen hatte. Er verhinderte nur Knapp, dass ich sie Aussprach indem er fest meinen Oberarm griff. Sergio der nichts von alldem wahrzunehmen schien fuhr fort. "Ich hab mich entschuldigt und gesagt das ich mich verschätzt habe mit den Würstchen. Daraufhin hat sie mir mit voller Wucht das Knie in die Eier gerammt. Mann es tut immer noch weh. Ich hab ein für alle mal genug von dir du jämmerlicher Poser es ist vorbei verschwinde aus meinem Haus. Wenn ich zurückkomme möchte ich dich hier nicht mehr sehen. Dann hat sie mir die heiße Suppe über die Hose geschüttet und ist gegangen, sie hat mich einfach am Boden liegen gelassen."

Die Bedienung wollte von uns wissen was wir trinken möchten, Dirk und ich orderten Kaffee Sergio eine heiße Schokolade, er hat sie aber auch wirklich nötig der arme Junge. Sergio erzählte weiter. "Als ich wieder aufstehen konnte war sie schon weg, als ich sie anrufen wollte war besetzt. Also habe ich angefangen meine Sachen zu packen. Auf einmal stürmt ihr kleiner Bruder in ihr Zimmer mit einem von seinen japanischen Dolchen in der Hand und brüllt mich an. Was hast du meiner Schwester angetan? Du Drecksau ich stech dich ab! Dann hab ich dem kleinen Wichser eine auf die Zwölf gehauen und er hat losgeheult wie ein kleines Mädchen." "Wegen dem Vogel hast du die Bullen gerufen oder wie" Wollte Dirk wissen. "Ja klar der Freak ist ein totaler Waffennarr der hat ein Katana und so Zeug, ich dachte wirklich der Sticht mich ab." Mehr als ein "Fuck Mann!!" Brachte ich nicht fertig ohne lauthals loszulachen, schließlich hatte ich das Bübchen ja gesehen. Sergio musste gut zwei bis drei mal soviel Masse besitzen wie der Emo. "Ich hab ihn dann ihn Katjas Zimmer eingeschlossen und hab auf die Polizei gewartet."

"Wow krass!" staunte Dirk. Ich meine Geduld war nun endgültig erschöpft. "Das ist ja echt mal ein beschissener Valentinstag, aber eins musst du mir erklären." begann ich. "Was denn?" zischte Sergio in meine Richtung. "Dirk hat erwähnt, dass du gesagt hast, Katja sei 'mal wieder' handgreiflich geworden, wenn ich dich richtig verstanden habe seit ihr erst drei Monate zusammen. Was muss ich mir denn unter 'mal wieder' vorstellen?"  Sergio schwieg "Ich mein versteh mich nicht falsch aber ich möchte mir nur ein Bild von deiner Situation machen, hat sie dich einmal pro Woche verprügelt oder was?" fügte ich grinsend hinzu. Auch hierauf blieb mir Sergio eine Antwort schuldig.

Alles in allem war es für mich persönlich der erwähnenswerteste Valentinstag bisher. Ich bedankte mich gegen Ende bei Sergio für das abschreckende Beispiel und wünschte ihm weiterhin alles Gute. Obwohl ich nicht das Gefühl hatte das ich Sergio irgendwie weitergeholfen hatte, war ich an diesem Abend sehr zufrieden. Nicht weil ich zwischenmenschlich etwas erreicht hatte, nein eher die innere Zufriedenheit eines Menschen dem gerade klar geworden ist, dass er so viel besser dran ist als Single.


Tags: Valentin, 14 Februar
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1 Antworten

Kommentare

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    Zwar ohne großen plot, aber sehr unterhaltsam und angenehm zu lesen.
    Daumen hoch :)

    14.02.2013, 13:57 von Zapp1306
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