hib 06.02.2013, 21:04 Uhr 7 7

Bruchstücke

Episoden auf dem Weg von dir zu mir.

Auf einer Brücke über die Spree in Treptow. Da sitzen wir auf dem Geländer hoch oben mit Zigaretten zwischen den Lippen und angespannten Zungenmuskeln. Und schweigen uns laut an. Unter uns fließt ein Fluss in die eine Richtung, starrsinnig. Und über ihm bewegen wir uns in die andere Richtung, leichtfüßig. Bewegen uns aufeinander zu, ohne einen Schritt zu tun oder die Schultern zu neigen. Wie kranke Glühwürmchen fliegt das Feuer von unseren Mündern weg in kleinen Fetzen in den dunklen Himmel. Die Funken verlieren sich. In deinen Augen kann ich kein Feuer sehen. Aber als du einen Kaugummi aus deiner Tasche holst, höre ich Streichhölzer klappern. Das Stroh dafür liegt bereit in meiner Brust, aber das weißt du nicht. Eine beleuchtete S-Bahn fährt wie ein Aquarium mit stummen Fischaugen hinter unseren Rücken vorbei. Ein bewegender Moment, auch, weil die Brücke das Geländer unter uns zum Schwingen bringt. Niemand in den beheizten Waggons würde auf die Idee kommen, dass es hier gerade wärmer ist, als in der Bahn. Wahrscheinlich haben sie uns sogar bemitleidet. Aber dafür gibt es wirklich keinen Grund. Vor uns liegt heute Abend ein ganzes Leben im Nieselregen. Wenig später werde ich dich fragen, was wir da eigentlich machen. Und du wirst es nicht wissen.

An einer Steilküste steht eine Bank. Daneben ein Schild, das vor Absturz warnt. Wahrscheinlich versuchen viele hier, ihre Flügel zum ersten Mal zu benutzen. Und landen dabei im Kies der Brandung zwischen den Muscheln und den Algen auf dem Zahnfleisch. Wir haben keine Flügel, wir haben nur ein Auto, das eine halbe Stunde Fußmarsch von hier entfernt steht. Und wir haben Zeit, was das wichtigste ist. Wir stehen vor der grünen Holzbank. Der Wind bricht sich an unseren Kapuzen, wir verstehen einander nicht, nur blind. Du schlägst die Warnungen in den Nordwind, lässt das Unglück auf dich zukommen, setzt dich damit auseinander. Ich gehe auf Distanz, ein paar Schritte weg von dir. Du läufst durch den Matsch, vorsichtig, du hinterlässt tiefen Eindruck beim Boden, setzt dich auf die Bank. Vor dir nichts als das Meer, hinter dir nichts als mein Gefühl. Und weil kein Schild davor warnt, das man jemanden damit erschlagen kann, laufe ich in die Hügel, weit nach hinten, bis deine Bank so klein ist, dass ich nur noch von ihr wissen kann. Und sehe dich trotzdem noch, groß und klar da sitzen. Zwei Dinge ohne die es nicht mehr geht, meine große Liebe das Meer, und du.  

Vor meiner Couch sitzen wir. Auf dem Tisch stehen die Reste vom Frühstück, eine Orange schält sich vor Gram, weil wir sie nicht aufgegessen haben. Der Vormittag hat sich langsam verkrümelt, unsere Bäuche sind voller Schmetterlingsragout. Musik läuft. Radiohead spielen im Keller und draußen regnet es Schnee, der nicht liegen bleibt, nicht mal eine Sekunde. Nur wir bleiben hier, erst mal. Niemand sagt einen Ton, dafür haben wir heute jemand anderen. Du lehnst deinen Kopf an meine Schulter, meine Schulter drückt zurück, so leicht, das es dir nicht weh tut und mir nichts einschläft. This is one/for the good days/and i have it all here/in red blue green singt Thom Yorke. Ich weiß nicht, ob er traurig ist. Ich weiß nicht, ob wir traurig sind. Wir haben eigentlich keinen Grund dazu. Außer, dass wir sicher irgendwann Abschied nehmen müssen, früher oder später. Und ich denke, dass jemanden so gern zu haben immer auch eine Bürde ist. Ein Risiko, nein, mehr noch, eher eine sichere Katastrophe. Und dass es Wahnsinn ist, sich darauf einzulassen. Und dann spüre ich deinen Herzschlag in deinem kleinen Finger, weiß, dass es gut so ist, wie es jetzt ist, kein Wahnsinn, doch, guter Wahnsinn. You are my center/when i spin away. Du auf meinem Teppich mitten in meinem Zimmer. So einfach ist das manchmal. Als ob die Poesie an der Tür klingeln und man sie einfach nur hereinlassen müsste. No matter what/happens now/i wont be afraid singt Thom weiter. Und ich merke, wie meine Angst vor dem Gehen kleiner wird und schließlich ganz verschwindet. Weil uns das hier keiner mehr nimmt. Und während die Heizung knackt, küssen wir uns, bis das Lied vorbei ist. Hier und jetzt sind wir für immer.

In einer Bushaltestelle in einer Stadt am Meer. Der graue Himmel kotzt sich in schweren Hagelschauern aus über uns. Die Eiskugeln machen Dadäng mit dem Blechdach der Haltestelle, sie rollen über die Straße, lassen sich von den Autos herumschubsen und schmelzen elendig im Rinnstein. Wir sitzen nebeneinander auf kalten Metallstühlen, wir fassen uns nicht an. Wir sind uns nah, weil jemand die Stühle so nah aneinander geschraubt hat. Keine Wahl hat man manchmal, das ist manchmal die beste Wahl. Die Scheinwerfer der Autos, die vorbeifahren, jagen Lichtblicke durch unsere Augen. Ich schaue nach vorne, du zurück. Hinter uns liegt ein Stück vom Hafen, verlassen ohne ein einziges Schiff. Nur die dicken Metallpoller ragen aus dem Boden und bieten sich an für Bodenständigkeit. Sie sagen: bindet euch. Wir lachen uns dafür aus. Das Wasser ist aufgewühlt, deine Haare tun so, als gäbe es den kräftigen Wind nicht. Ich schaue zu dir hinüber, hinter dir in der Scheibe ist der Regen in tausend Glasperlen zersprungen und rieselt in kleinen Stücken zu Boden. Da biegt ein Auto mit hellen Lichtern vorn vom Hafenparkplatz auf die Straße und in deinen Augen ist für einen Moment die Sonne. Da weiß ich, dass ich so schnell nicht mehr ohne dich sein möchte. Du merkst von alldem nichts. Und als ich dich später unter der Brücke umarme, da ahnst du vielleicht etwas.

In einer Kneipe in Berlin, wahrscheinlich an einer dunklen Straßenecke. Da sitzt du mir gegenüber, das eine Bein über das andere geschlagen. Dein T-Shirt gelb oder orange, wer weiß das schon. Wir haben gerade so noch einen Platz bekommen, scheinbar ist heute ein Tag, an dem das Bier sich leicht trinkt und die Zigaretten schnell verrauchen. Die großen Fenster nach draußen sind frisch geputzt, man kann jeden Regentropfen sehen, der auf die Straße fällt. Wir reden über etwas, ich weiß nicht, was es ist. Aber während ich erzähle, schaust du auf meine Lippen und deine Knöchel an der linken Hand spannen sich leicht an. Es ist nur eine Sekunde, aber sie zieht sich bis in den nächsten Morgen. An dem ich dann aufwache, mich frage, was das da war, und an deine Knöchel denken muss. Deine weißen Knöchel an der linken Hand, aus denen dein Blut wasweißichwohin geflohen ist. Und ich nehme mir vor, weniger zu rauchen heute und dich zu fragen, was deine Hand greifen wollte in dem Moment. Dann stehe ich auf und schreibe dir. Natürlich etwas anderes. Denn du weißt ja nicht, dass ich dich auf frischer Tat ertappt habe, als du mich verliebt in dich gemacht hast.

In einem dunklen Zimmer irgendwo in meinem Leben. Sitz ich mit dem Rücken gelehnt an irgendwas und schau dich an im Licht einer Straßenlaterne, die es gut mit uns meint. Du kniest, machst große Dellen mit deinen Beinen in die Matratze. Du schaust mich an, so wie du das öfter machst, ein wenig fragend, das eine Auge zugekniffen, als ob du nicht genau wüsstest. Dann legst du deine Hand auf mein Gesicht. Sie ist warm, so wie dein Blick warm ist und mir fangen die kalten Füße an zu kribbeln. Ich weiß nicht, ob das Liebe ist, aber das hier, so wie der Moment gerade ist, werde ich am Ende meines Lebens zur letzten Erinnerung in einer eigenen, langen Szene sehen. In High Definition, denn die beste Auflösung kommt zum Schluss. So gut aufgelöst, dass ich deine Leberflecke zählen kann. Wenn man sie miteinander verbindet, kommt ein flacher Witz dabei heraus, über den du trotzdem lachen musst. Du legst deine Stirn an meine, vielleicht fällt sie auch dagegen. Dann sagst du, dass es ein schöner Gedanke ist, zu mir zu gehören. Eigentlich sagst du es nicht, du flüsterst es, und ich verstehe es nicht wirklich und frage noch mal nach. Du sagst es schweren Herzens noch einmal, ich weiß ja, dass du lieber Hände auf Gesichter legst, als dein Herz auf deine Zunge. Und als ich es höre möchte ich es nicht mehr vergessen mein Leben lang. Als es dann Morgen ist, frage ich dich, ob du es noch mal sagen kannst. Um sicher zu gehen. Ich Idiot. Als ob man so etwas jemals sicher haben könnte.

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Kommentare

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    Zwischendurch bin ich abgedriftet und irgendwann war ich mir auch nicht mehr sicher, ob ich im Rückwärts- oder Vorwärtsgang las, aber immer wenn ich dachte, gleich gefällt es mir nicht mehr, kam wieder der ein oder andere gute Satz, der mich wieder reingerissen hat. Hat mir gefallen.

    15.02.2013, 23:26 von topfbluemchen
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    Hm. Also ... äh... das war irgendwie... Floskel an Floskel an Floskel an Floskel... so sehr dass man dir zum Verliebtsein gratulieren will. Anders kann ich mir das nicht erklären.
    Sag Bescheid wenn es verflogen ist, dann les ich wieder.

    07.02.2013, 17:10 von nyx_nyx
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      http://www.youtube.com/watch?v=G_-Spe_Oz3c

      07.02.2013, 17:17 von hib
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      Ich bevorzuge das hier von ihm.

      07.02.2013, 17:21 von nyx_nyx
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      das ganze album ist großartig. ich hab es zur geburt meiner tochter laufen lassen. was du jetzt bestimmt creepy findest.

      07.02.2013, 17:26 von hib
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      Nö, es is egal wie ich das finde. Von mir aus kann jeder machen was er mag oder für richtig hält, solange ich es nich ungewollterweise mit abbekomme.

      Und bei mir verhält sich das in dem Fall wie mit Jazz... ich hör es ganz gerne mal.. ne halbe Stunde lang.. dann is aber genug, sonst macht mich das Geheule aggressiv.

      07.02.2013, 17:31 von nyx_nyx
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    dein Text: h at  i nnere b randung

    07.02.2013, 01:27 von SteveStitches
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