deepershit 09.01.2015, 19:49 Uhr 0 1

Blutsauger

Ruhm, Geld und Macht sind Arschlöcher. Fiese, kleine Männchen, die auf deiner Schulter sitzen und immer nur nach noch mehr schreien.

Im Radio läuft der Song von diesem Benzko. „Muss nur noch kurz die Welt retten. Danach flieg ich zu dir. Noch 148 Mails checken. Muss nur noch kurz die Welt retten, wer weiß was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel. Muss nur noch kurz die Welt retten. Und gleich danach bin ich wieder bei dir.“ Ein Song, dem ich damals keine Aufmerksamkeit geschenkt habe. Doch jetzt, Jahre später, wenn er im Radio läuft weiß ich, dass das der Refrain war, der unserer Liebe das Ende vorausgesagt hat.

Du bist nie zu mir zurückgekommen. Sondern dort geblieben. Bei denen. Den Blutsaugern. Denen, die dir die Welt versprochen haben. Obwohl wir sie uns schon viel früher versprochen hatten.

Sie zeigten dir eine neue, glänzende Welt. Voller Abenteuer, Herausforderungen. Magisch und nicht zu widerstehen. Gaben dir in diesem Augenblick wohl alles was du dir schon immer gewünscht hattest. Anerkennung deiner Leistung, Anerkennung deiner Person, Anerkennung deines Egos. Vermeintliche Freiheit. Selbstverwirklichung.

Doch eigentlich haben sie dir alles genommen was dich einmal als Mensch ausgemacht hat. Weshalb ich dich einmal geliebt habe. Sie haben deinen Stolz, deine Weichheit und deine Zuneigung zu mir schlichtweg eingesackt und gewinnbringend weiterverkauft. 

Ruhm, Geld und Macht sind Arschlöcher. Fiese, kleine Männchen, die auf deiner Schulter sitzen und immer nur nach noch mehr schreien. Dabei fressen sie nach und nach, ganz klammheimlich deine Seele auf. Stück für Stück und ganz genüsslich. Lachen dabei in ihren wohlig gefüllten Bauch. Und denken sich dabei: „ Du Vollidiot! Du merkst es nicht mal.“ 

Und du? Du hast es tatsächlich nicht gemerkt. Das sie dich aussaugen, aussaugen bis es nicht mehr geht. Bis du nicht mehr existierst. Bist du selbst nicht mehr weisst wer du eigentlich bist. Du den Bezug zu dir selbst verloren hast. Und du irgendwann da stehst und dich fragst: „Wer bin ich eigentlich?“

Und die Blutsauger? Denen reicht das noch nicht. Die stehen da und wollen mehr. Wollen dich mit Haut und Haaren. Wollen dich am Boden sehen. Kriechend für den Erfolg. Überbelastung? Kennen die nicht. Am Limit? Gibt es nicht. Ansprüche stellen? Später mal, nicht jetzt. Nein sagen? Bist du etwa schwach?! Schwachsein schadet der Bilanz. Und das können wir uns nicht leisten. Heisst es dann. 

Also hast du weiter gemacht. Die Blutsauger zu deinem Universum gemacht. Zu deinem Mittelpunkt der Erde. Vor denen war ich das, waren wir das einmal. War unser gemeinsames Leben unser Universum. Darin waren wir frei und glücklich. Hatten keinen Erfolgsdruck oder eine Deadline einzuhalten. Da klingelte nicht um 4 Uhr morgens das Handy mit eingehenden Emails aus China oder Indien. Da haben wir unseren Alltag bestimmt. 

Leistungsträger nennt sich sowas. Steile Karriere sagen andere. 

Eine neue Aufgabe? Kein Problem. Sie ist wie ein Geschenk für das du dich auch noch bedankst. Ein positives Feedback, welches du förmlich aufsaugst, weil du sonst keines von Ihnen erhältst. Das du aber gar nicht weisst, wie und vor allem wann du diese neue Aufgabe umsetzen sollst, das behältst du für dich. 

Du kannst erklären was ein „High Performer" ist. Aus dem ff kommt die Erklärung geschossen.
Die Definition von Freundschaft ist dir aber irgendwie, irgendwann auf Weg zum Flughafen abhanden gekommen. Die Familie hast du schon lange nicht mehr gesehen. Ein Sozialleben führst du mit deinem Blackberry und deinem Iphone, beide liegen immer griffbereit vor dir auf dem Tisch.

Du sagtest einmal, fast gegen Ende, dein Hotelzimmer sei dir gerade eigentlich das Liebste. Dort will niemand was von dir. Und du kannst alleine sein. Du, das Hotelzimmer und dein rollendes Leben, in das du jeden Montagmorgen treu deine Zahnbürste einpackst. Sonst nichts. (Er-)füllende Leere. Früher war dein liebster Ort mal unsere gemeinsame Wohnung. Das Nest, das wir uns gebaut hatten. Nach unseren Vorstellungen. Gefüllt mit unseren gemeinsamen Abenteuern.  

Ich lies dich in dein Abenteuer ziehen, bin den Weg sogar mitgegangen. Obwohl sich alles in mir aufgebäumt hat. Mein Bauch geschrien hat, das die Blutsauger dich mir wegnehmen würden. Mit aller Gewalt, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich versuchte dir meine Angst zu schildern, die mich innerlich erschütterte. Du reagiertest mit Vorwürfen, ich würde dich nicht genug unterstützen. Ich sei naiv und wüsste nicht wie die richtige Arbeitswelt tickt. 9 to 5 läuft da eben nicht. Man(n) geht immer die Extrameile. Sonst wird das nichts mit dem Erfolg. Mit dem erfüllten Leben. Mein Verstand unterdrückte den Bauch und sagte: mach dir keine Sorgen. Wir schaffen das schon irgendwie. Sei positiv. Unterstütze ihn. Finde ihn und seine Arbeit toll. Schluck deine Traurigkeit runter, wenn er mal wieder zu spät oder gar nicht kommt. Er kann ja nichts dafür, die neue Aufgabe ist schuld. Und ermahnte mich immer wieder: sei ja nicht zickig. Das kann er gerade gar nicht brauchen. Und stelle schon gar keine Ansprüche. Die muss er schon zu genüge unter der Woche erfüllen. Da kann er nicht auch noch am Wochenende meinen Ansprüchen gerecht werden- der arme Kerl. Erwartungen? Nein, Erwartungen konnten wir uns auch nicht mehr leisten. Die standen auf der Liste der bedrohten Arten. Eigentlich waren sie schon längst ausgestorben. 

Also bin ich gerudert, während du in die Welt hinaus geschwommen bist. Ich unterdrückte das Gefühl, das sich dein Wesen nach und nach veränderte zu etwas, das ich nicht mehr kannte. Ich ruderte einfach weiter. In der Hoffnung, das du zurückkommen würdest. Ich ruderte so lange weiter, wie du brauchtest, um in deiner neuen Welt anzukommen. Ich ruderte sogar noch, als meine Arme schon lange aufgegeben hatten. Als du schon lange weg warst. Rudern war alles wozu ich noch in der Lage war. 

Heute denke ich: Verrückt. Du dachtest du bist auf dem Weg zu einem größeren Etwas. Auf dem Weg, ein perfektes Leben zu leben. Endlich belohnt zu werden für all deine Mühen. Für all deine anstrengenden Jahre, in denen du für Ansehen und Anerkennung förmlich gekämpft hast. Übersehen hast du dabei nur, das du uns beide auf das rote Spielfeld gesetzt hast. Und das du dich, genauso wie mich, bei diesem Spiel verloren hast.

Verrückt, denke ich heute. Ich dachte ich habe den Mann fürs Leben gefunden. Den Mann, den ich bald heiraten und mit dem ich eine Familie gründen werde. Dachte ich. Übersehen habe ich dabei, das ich ebenfalls alles auf rot setzte. Der Einsatz? Mein ich für dein du. Ich habe mich selbst verspielt. Schwierig war das nicht. Das ging ganz leicht. Doch der Verlust wog schwer. Denn letztendlich hatte auch ich den Bezug zu mir selbst verloren. Ich stand auf einmal da und fragte mich: Wer bin ich eigentlich? Ich hatte keinen blassen Schimmer. 

Und die Blutsauger? Die stehen nach wie vor da. Und wollen immer noch mehr. Halten die Hand auf. Fordern. Der Mensch als Mittel. Nicht etwa als Mittelpunkt. Doch jetzt ist es anders. Du kannst nicht mehr. Keinen Schritt mehr tun, ohne das alles weh tut. Dein ganzer Körper schmerzt. Obwohl da eigentlich gar nichts mehr ist, was schwer wiegen, was belasten könnte. Denn du bist leer. So verdammt leer. Doch vielleicht ist das genau das, was so zentnerschwer auf dir liegt. Die Leere. Die, die du dir einst so sehr gewünscht hast. 

Dein Leben ist zu einer schönen Hülle ohne Inhalt mutiert. Und du hast nicht mal mehr die Kraft diesen Prozess zu stoppen. Du hast alles verspielt, alles verlor ´n. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. 

Und ich? Ich habe aufgehört zu rudern. Ich habe anstelle dessen ein neues Hobby angefangen. Ich schwimme jetzt. Und zwar in die Welt hinaus. In meine Welt. Doch der Unterschied zu dir ist, ich schwimme mit dem Leben, nicht an ihm vorbei. 



Tags: Karriere, Schlussstrich
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