d.stegerinski 28.05.2006, 02:55 Uhr 0 0

blue turning grey.

'What happens when love meets day-to-day life?' Lara legte die Zeitschrift zur Seite. 'Diese Schreiber sind wahrhaftige Philosophen!'

'Halt den Mund. Enjoy the view for heaven's sake!' In den letzten zwei Stunden hatte sie von ihrem Gegenüber kein Wort zu hören bekommen und war jetzt froh, dass überhaupt etwas gesagt wurde. Nikolai runzelte die Stirn und tat mit einer fragenden Geste seinen Unmut über den Gesprächston kund. 'Wie redest du denn mit deiner Freundin?', polterte er. 'Ich kann es eben nicht ausstehen, wenn sie so auf mich einredet. Und überhaupt kann sie den Mund nie halten, it drives me nuts!'

Lara war eigentlich froh, dass Neil sich in Gegenwart von Nikolai sprachlich noch zurücknahm. Aufgrund des lückenhaften Wortschatzes griff er sonst oft auf ganz andere Redewendungen zurück. Nikolai war ihr bester Freund so lange sie zurückdenken konnte. Dass er fast sechs Jahre älter war als sie, hatte zufolge, dass er sich oft als ihr Beschützer gab und Lara genoss das. Sie ließ auch jetzt wieder zu, dass er sich vorbehaltlos fü sie einsetzte. Wie ein großer Bruder, dachte sie. Wie ein liebestoller Kämpfer, wusste Nikolai. Die beiden Männer starrten nun wieder in entgegengesetzte Richtungen. Lara wollte nicht, dass der Rest der Bahnfahrt von dieser beklemmenden Stille dominiert wüde. Sie liebte es, kleine Schnipsel von ihrer Zeitschrift abzureißen, um sie dann mit Zeigefinger und Daumen zu festen Kugeln zu rollen. Eine der Kugeln entglitt ihren Händen und rollte von ihrem Tischende gefährlich nah an das von Neil heran. Dieser löste seinen Blick von der vorbeiziehenden Landschaft, sah die Kugel und rieb sich dann die Stirn als hatte das kleine Ding einen plötzlichen Migräneanfall zu verschulden. 'Ist ja gut, mach hier nicht gleich wieder 'nen Aufstand!' zischte Lara. Sie nahm ihre Tasche und sagte, sie müsse zur Toilette.

Das war doch verrückt! Vor ein paar Monaten hatte Neil sich vor Höflichkeit noch überschlagen. Er hatte ihr jeden Tag gesagt, wie wunderschön sie sei, und dass er sich kaum vorstellen könne je wieder ohne sie zu sein. Dabei hatte er immer einen Freudensprung auf sie zu gemacht und sein quietschendes Opfer über die Schulter genommen, um es anschließend auf's Sofa fallen zu lassen und von oben bis unten abzuküssen. Und sie liebte das, verdammtnochmal. Sie liebte auch wie er Gitarre spielte, sein Haar nicht kämmte oder Bilder malte und die Wohnung tagelang nach Ölfarben und Lösungsmitteln roch. Diese Dinge waren schleichend dem Alltag entkommen. Sie konnte die Oberflächlichkeit und das aufgesetzte Grinsen der Engländer nie ausstehen und plötzlich war sie selbst jemandem verfallen, der genau diese Eigenschaften aufzuweisen schien. Romantik war fü sie schon immer bloß ein orangener Fleck am Abendhimmel gewesen und einem Picknick bei Mondschein am Strand der Themse konnte sie auch nichts abringen. Neil hatte sie zu einem naiven, willenlosen Vollblutromantiker der Neuzeit gemacht und jetzt ließ er sie mit ihrem neuen Ich im Regen stehen. Lara schlenderte durch den Zug und fragte sich, ob Nikolai wohl in der Zwischenzeit ebenfalls das Weite suchte. Aber wo konnte er schon sein? Schließlich waren sie jetzt fü mehrere Stunden in diesem scheinbar schleichenden Schnellzug gefangen. Nikolai ohne sie. Sie ohne Halt. Neil ohne große Erwartungen an ihre Zukunft?

'Would you like a biscuit?' Neil schüttelte den Kopf ohne seinem bemühten Rivalen einen Blick zu schenken. Er starrte weiterhin aus dem Fenster und hoffte auf einen abrupten Hagelschlag, irgendwas Brutales, something rather striking. Er hatte sich nach den langen Jahren abgewöhnt immer Bitte, Danke oder Entschuldigung zu sagen, wenn es ihm unnötig erschien. Die Mehrheit der Deutschen erwiderte seine Höflichkeit schlichtweg nicht und das machte ihn müde. Nikolai war ihm egal, aber er mochte Lara und wie sie ihn mit ihren Vorträgen über Mathematik oder Physik zu quälen wusste. Er hatte kein Wort verstanden, wenn sie ihm abends stolz wie Oskar von irgendwelchen Quanten und Teilchen berichtete. Dabei bekam sie rote Wangen und große Augen- sie war so schön, er wollte sie am liebsten auffressen. Meistens kniff sie ihm in den Oberarm und sagte: 'Du hörst mir gar nicht zu, Blödmann.' Unbeeindruckt von der gescheiterten Konversation zogen sie sich aus und machten Liebe. War das richtig? War das echt? Es fehlte etwas und er war sich sicher, dass es Gemeinsamkeiten waren. Vielleicht fehlte auch eine Ausnahmesituation. Etwas, das ihnen beiden zu verstehen gab, dass sie einander brauchten. A fucking cheat. Draußen verwandelte sich blau in grau und grün in schwarz. Es regnete.

Nikolai war nun auch aufgestanden und kämpfte sich durch die zugestiegenen Menschenmassen. Er mochte Menschen nicht sonderlich und konnte sich nur mit Überwindung an schweißigen Rücken und dicken Bäuchen vorbeischieben. Lara hatte ihm einmal gesagt, dass ihre körperliche und geistige Beschaffenheit die Menschen dazu zwingt einander ständig anzufassen. Man verliere den Realitätsbezug, wenn man lange niemanden berührt und sei es der Kontakt vom Mittelfinger des einen und dem großen Zeh des anderen. Er mochte das Mittelfinger-großer-Zeh-Beispiel und musste immer schmunzeln, wenn er sich diese Berührung bildlich vorstellte. Lara hingegen blieb broternst, wenn sie solche Theorien aufstellte. Er sah ihr helles Gesicht vor sich, als eine alte Dame ihm auf die Schulter tippte. Er zuckte zusammen und musste ein Schaudern unterdrücken. 'Junger Mann, entschuldigen Sie, könnten Sie mir bitte mit meinem Koffer behilflich sein?' Sie zeigte auf die ca. eineinhalb Meter über ihr befindliche Gepäckablage. Nikolai hob den Koffer auf die Ablage und lächelte. Sie lächelte zurück, umgriff seinen Unterarm fest und schüttelte diesen zum Dank. Warum machten alte Leute das bloß immer? Trotz des innigen Körperkontaktes, der ihm zuwider war, musste Nikolai anerkennen, dass viele dieser alten Damen in der Lage waren das im Zweiten Weltkrieg erfahrene Leid heute in unendliche Kraft und Dankbarkeit umzusetzen. Er war beeindruckt und zugleich belebt. Sie war die erste Person, die heute sein Lächeln erwidert hatte. Sie war die Erste, die ihm heute überhaupt in die Augen gesehen hatte. Er dachte sofort an Lara. Er wusste, dass er zu weit von ihr entfernt war, als dass er sie in diesem Leben noch erreichen könnte. Das Fenster im Gang war geöffnet. Nikolai steckte seinen Kopf heraus und lies sich von Regentropfen und Wind den Atmen nehmen. Er liebte das. Es gab ihm neue Energie.

Lara schob sich indes wieder in die Sitzbank zurück. Es hatte angefangen heftig zu regnen und man konnte durch die regenverschleierten Fenster nur noch Schatten und Umrisse erkennen. Neil hatte sich seinem Buch zugewandt und blickte kurz auf als Lara sich räusperte. Sie wischte den Beschlag vom Fenster und versuchte draußen etwas zu erkennen.

'Sieht nach Gewitter aus..'
'Ja, das ist gut. Diese Trockenheit ist nicht auszuhalten.'
'In einer Stunde sind wir da.'
'Ich weiß. Next stop is Hampstead.'
'Deine Verwandten werden sich vor Freude überschlagen.'
'Ja? Ich weiß nicht. Ja, maybe.'
'Natülich, denn schließlich gibt es eine Angelegenheit fü die es sich lohnt den Whiskey aus dem Schrank zu holen.'
'Ja?'
Lara biss sich auf die Lippen und zögerte.
'Ja.'

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