Blind-Date mit der Vergangenheit
Dank unbegrenztem Speicherplatz und neuer Software gerät nichts mehr in VERGESSENHEIT. Das ändert nicht nur den Blick auf unser Leben.
Wie viele Gigabyte hat ein Leben? Wie viel Speicherplatz braucht man für eine Romanze, einen Schritt auf der Karriereleiter, einen Tag am Meer? Der US-Computerwissenschaftler Gordon Bell sucht seit Jahren im Auftrag von Microsoft nach einer Antwort auf diese Frage. Im Projekt MyLifeBits speichert der 74-Jährige sein Leben auf einer Festplatte, hebt E-Mails, Textdokumente und Faxe auf, legt Notizen, Kinokarten und selbst die Steuererklärung auf den Scanner, hält mit einer Kamera und einem Mikrofon, die er an seiner Hornbrille befestigt hat, jede Begegnung, jeden Spaziergang und jede Konversation fest - der Mensch als Lebensrekorder.
Computerwissenschaftler träumen seit langer Zeit von der »Memex«, einer Datenbank, in der alle Ereignisse und Gedanken eines Menschen gespeichert werden. In dem elektronischen Gehirn soll man dann durch seinen Gehirninhalt und die eigene Vergangenheit surfen und könnte, wenn man etwa die Details eines Meetings vergessen hat, einfach die Tonbänder dieses Tages wieder hochladen oder sich in Videoform an die Ferien in Venedig erinnern: Die Bilder vom Sonnenuntergang sind genauso gespeichert wie die Rechnung aus der Pizzeria am Canal Grande.
Gordon Bell ähnelt einer Figur aus einem Science-Fiction-Film. Aber unser digitaler Alltag hat längst mehr mit seinem MyLifeBits- Projekt zu tun, als uns bewusst ist. Auf beiläufige Art und Weise speichern wir mit Digitalkameras, Handys und Multimediacomputern unser Leben. Im Posteingang des E-Mail-Accounts liegen tausende Nachrichten, die von beruflichen Erfolgen und privaten Dramen berichten. Auf Rockkonzerten drücken Menschen öfter auf Auslöser des Fotohandys, als sie in die Hände klatschen. Und wer ein einfaches Zusatzprogramm auf der Festplatte installiert, kann mit der Internet- Telefonsoftware Skype jedes Gespräch automatisch auf der Festplatte aufzeichnen. Unser Leben wird aufgeteilt in tausende Dateien, kleine Erinnerungsfetzen: .jpeg, .wav, .txt. Lässt sich ein ganzes Leben archivieren? Und was passiert, wenn wir unser Gedächtnis auf eine Festplatte outsourcen und nichts mehr vergessen? Lernen wir uns besser kennen? Oder werden uns manche Memory-Files unser ganzes Leben lang verfolgen wie ein böser Traum, der nicht zu Ende geht?
Leitz-Ordner, Eselsbrücken, Fotoalben, Archive, Tagebücher, Zettelkästen - im Laufe der Zeit haben die Menschen viele Techniken für den Kampf gegen das Vergessen entwickelt. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub platzierte die Mutter, ohne Zeit zu verlieren, die Souvenirs in das Einbauregal, den Altar der Familiengeschichte. Und der Vater klebte die Fotos in ein Album und stellte den Band mit feierlicher Geste zu den Muscheln und Porzellankathedralen - der schwere Lederband sah aus wie eine alte Luther-Bibel oder die Erstausgabe von Darwins »Vom Ursprung der Arten« - ein Buch, das etwas über die Welt und das (eigene) Leben erzählt. Wie aussichtslos aber dieses Unterfangen ist, hat Max Frisch in dem Buch »Der Mensch erscheint im Holozän« beschrieben: Ein alter Mann ist vom Wetter in einer Berghütte im Tessin eingeschlossen, kramt in Lexika, Tagebüchern und der Bibel, schneidet Passagen, die nicht vergessen werden sollen, aus, und klebt sie an die Wand - bald ist der Raum bedeckt von Notizen und Skizzen. Eine Tapete des Wissens. Aber der alte Mann findet keine Ruhe, fragt sich, ob nicht die Rückseiten der Lexikonartikel, die er zerschneidet, wo - möglich auch von Bedeutung sind, fragt: »Was gehört wohin?« Und stellt schließlich fest: »Irgendetwas vergisst man immer (?) der Mensch bleibt ein Laie.«
Computerfestplatten sind heute hunderte Gigabyte groß - und die Frage ist längst nicht mehr, ob oder welche Daten man speichert, sondern wie man sie verwaltet und durchsucht. Die Datenmenge, die täglich anfällt - Fotos, Memos, Updates, Videos - ist zu groß, um sie noch manuell in chronologische oder thematische Ordner zu verschieben. Wir wissen alles, uns fällt aber immer weniger ein, wir verlieren den Überblick. Die letzte Nachricht eines Freundes, der bei einem Autounfall gestorben ist, geht beim Wechseln der SIMKarte verloren. Die E-Mail des Chefs, in der dieser eine Gehaltserhöhung nicht ausgeschlossen hatte, ist nicht mehr auffindbar.
Können digitale Technologien das Information- Overload-Problem lösen, das sie selbst geschaffen haben? Nokia hat zum Beispiel die Software »Lifeblog 2.0« entwickelt, mit der alle SMS, Fotos, Termine und andere Medieninhalte vom Handy auf die Festplatte geladen werden können und dort auf einer Timeline angeordnet werden - dem roten Faden des Lebens. Der »Lifeblog« ist ein Instantnachlass, der upgedatet wird, sobald man das Mobiltelefon an den Computer anschließt. In Zukunft wird die Vergangenheit eine große Präsenz in der Gegenwart haben. Das Lifeblog- Icon auf dem Desktop ist eine Zeitmaschine, die einen in die eigene Vergangenheit katapultiert. Ein Doppelklick auf den 24. November 2004 zum Beispiel öffnet einen medialen Erinnerungsraum, in dem man den Tag noch einmal en détail durchleben kann: »Um 8:30 war ich in der Vorlesung, habe später bei H&M ein neues T-Shirt gekauft, abends scheine ich getrunken zu haben: verschwommene Gesichter von lachenden Freunden.«
Im 18. Jahrhundert war das Tagebuch noch mehr als ein Teenagerhobby. Benjamin Franklin, Goethe und andere Denker kritzelten unzählige Kladden mit Erlebnissen und Gedanken voll, erforschten im Prozess der Ego-Dokumentation ihre Charakterzüge und erfanden sie dadurch auch erst. Ein Tagebuch war im analogen Zeitalter eine mühsame und zeitaufwendige Arbeit, das Privileg einer geistigen Elite. Dank der neuen Lifeblog-Software kann sich nun jeder permanent mit der eigenen Geschichte und damit auch der eigenen Persönlichkeit beschäftigen, mit den Fragen »Wer bin ich, wer war ich, wer will ich sein?« War das eine gute Zeit? Kann ich über eine Recherche im digitalen Archiv herausfinden, warum die Beziehung mit Maria nicht geklappt hat? Ließe sich in einer ihrer Mails ein Missverständnis identifizieren, ein emotionaler Virus, der irgendwann die gesamte Liebe infizierte? Kann ich aus den Fehlern lernen, die der Computer mit Einsen und Nullen neutral und gnadenlos dokumentiert? Mit der Memory-Software schreiben wir an unserer multimedialen Autobiografie, Pixel und Textzeilen, die sich zu einem Selbstporträt zusammensetzen. Und verwandeln uns gleichzeitig in einen Auto- Psychoanalytiker, der sich immer besser auf die Schliche kommt. Wir leben unser Leben vorwärts, hat der Philosoph Søren Kierkegaard gesagt, verstehen können wir es aber nur rückwärts.
Irgendwann wird man das Ego-Datenpaket vielleicht ganz selbstverständlich auf die Facebook- Seite hochladen. Jeder, der seine Version des eigenen Lebens veröffentlicht, sollte sich aber bewusst sein, dass im digitalen Zeitalter die Dinge nicht in Vergessenheit geraten. Anders als einst die Stasioffiziere kann man die modernen Aktennotizen, Fotos und Tonbänder nicht einfach vernichten. Denn auch andere Menschen machen tausende Bilder, speichern die Skype-Gespräche und Korrespondenzen - und archivieren so einen Teil unseres Lebens. Am besten sehen kann man das an den E-Mails mit den endlosen Betreffzeilen »AW:... AW: Besuch: AW: kein Betreff AW: AW: ... AW: AW: Hallo«. Jede neue Nachricht beinhaltet den kompletten Briefwechsel. Es hilft nichts zu behaupten, dass man »das so ja nie geschrieben « habe. Fotos, Videos und Texte sind ein Backupsystem, mit dem ein zwischenmenschlicher Videobeweis eingeführt wird. »Schau, auf dem Foto bist du ja eindeutig am Flirten!«, könnte man seiner Partnerin vorwerfen. Und die kramt in ihrer Database und kontert mit dem Film und der Frage: »Was macht deine Hand auf dem Po von Michelle?«
Die Deutungshoheit über unsere Vergangenheit werden wir nicht nur mit Partnern und Freunden teilen müssen, sondern auch mit dem Computer selbst. »Wir werden in Zukunft intelligente Software haben, die das Einordnen der audiovisuellen Daten für uns übernimmt«, glaubt der IT-Forscher Christian Dittmar vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie. Die Memory-Datenbank der Zukunft ist keine lineare Erzählung, durch die sich ein roter Faden zieht, sondern ein schimmerndes Netz aus Fotos, Text und Sound. Mit Kollegen arbeitet Christian Dittmar an einer Foto- und Videosoftware, die einer Datenmenge nicht nur eine Nummer zuweist, sondern sie an - hand von automatisierten »Tags« und »Labeln« ordnet. Die ersten Beispiele der intelligenten Software gibt es schon auf dem Markt: zum Beispiel das Programm »Magix Digital Foto Maker«. Ein Fotoapparat, erklärt Dittmar, speichert neben den Bilddaten auch sogenannte Metadaten wie Zeit, Brennweite und GPSPosition. »Wir können daraus Klassifizierungssysteme wie Motiv oder Lichtstimmung er - rechnen«, sagt Dittmar, »der Computer speichert das Bild dann unter "Stillleben" oder "romantische Stimmung".« Die Fotosoftware ist sogar in der Lage zu erkennen, wenn eine Person abgebildet ist. Sie fragt dann: »Wer ist das?« Gibt man dann »Tante Erna« ein, versieht der Computer alle Bilder, auf denen Tante Erna zu sehen ist, mit dem entsprechenden Label. Wenn man später nach Tante Erna bei ihrem sechzigsten Geburtstag sucht, bringt der Computer auch andere Ereignisse ans Licht: die eigene Diplomfeier, bei der die Tante am Rand des Bildes steht und man selbst im Mittelpunkt, den Blick Richtung Kamera und Zukunft gerichtet. Vielleicht findet sich aber auch eine Audiodatei mit einer ihrer Nachrichten auf dem virtuellen Anrufbeantworter: »Melde dich doch mal!« Natürlich hat man nie zurückgerufen. Die »intelligente« Software stellt zwischen Dateien eine Verbindung her, die unser Kopf nie gefunden hätte. Ein Blind Date mit der Vergangenheit. Manchmal macht das Spaß. Manchmal zeigt uns der Computer aber auch Dinge, die wir lieber vergessen hätten.
Ein Gehirn, das alles speichert, das klingt im ersten Moment wie eine kugelsichere Haut oder wie versteckte Flügel - eine übermenschliche Eigenschaft, die nur ein Superheld besitzt. Normalsterbliche brauchen aber neuronale Fehlleistungen, um leben zu können - erst das Verdrängen, Verschwitzen, Vergessen des Vergangenen erlaubt es uns, uns auf den Moment zu konzentrieren und den Alltag zu meistern. »Es gibt Patienten, die nicht vergessen können«, berichtet Hirnforscher Ernst Pöppel, »die sind auf sich allein gestellt praktisch nicht lebensfähig.« Niemand kann die Präsentation rechtzeitig fertig bekommen, wenn er immer nur an Tante Erna (und sein schlechtes Gewissen) denkt. Und wer die süße SMS der neuen Freundin sofort mit den gesammelten Liebeserklärungen ihrer Vorgängerinnen vergleicht, relativiert auch seine Begeisterung. Ob uns der Computer in Zukunft mit unserer Vergangenheit die Gegenwart verbaut?
Sudoku, Memotechnik, Gehirnjogging - die Menschen verwenden viel Mühe darauf, ihr Gedächtnis zu trainieren. Vielleicht müssen wir bald einen ähnlichen Aufwand betreiben, um Großhirn und Zentralrechner das gezielte Vergessen beizubringen. Hilfreich wäre etwa eine Software, die schädliche Erinnerungen erkennt und löscht. Oder genügt von Zeit zu Zeit ein kleiner Systemabsturz?
INFO
Multimediale Autobiografie
Neue Software hilft beim Management der Erinnerung
Vielleicht erlebt das Tagebuchschreiben schon bald eine Renaissance - in einer neuen Form: Seine Geschichten schreibt man nicht mehr mit Stift auf Papier, sondern mit einer Collage aus Fotos, Filmen, SMS und Audiodateien. Diese Dokumente der persönlichen Vergangenheit werden etwa vom Mobiltelefon per USB - Kabel auf den Laptop geladen, dort übersichtlich auf einem Zeitstrahl angeordnet, per Doppelklick kann man sich dann längst Vergangenes vergegenwärtigen: wie schmal das Bett im Paris-Urlaub wirklich war, wie unverschämt der Wortlaut einer SMS vom Kollegen. Seit einiger Zeit bietet Nokia für die Geräte der N-Serie die Software »Lifeblog 2.0« kostenlos zum Download an. Das Prinzip. Der Lifeblog ist per Maus und in bekannter Windows- Optik-Logik zu bedienen. Wer kein Nokia-Handy hat: Die Freeware »MFTagebuch « ist ein Programm mit ähnlichen Funktionen, das man im Internet kostenlos herunterladen kann. Die Software »Diary One« der Softwarefirma Pimone hingegen kostet 29,95 Dollar.






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