lalina 13.04.2012, 00:03 Uhr 28 16

Blaugrau

Ich schaue gen Himmel. Hier ist er mehr blau dann grau.

Vier Stunden und vier Minuten, solange dauert eine Zugfahrt von dir bis zu mir. Das Land ist platt, die Städte dazwischen bekannt. Manche mehr, manche weniger. Vier gemeinsame Tage später sitze ich nun wieder im Zug. Ich denke an dich, deine letzten Worte und deinen letzten Kuss. Mit jedem Kilometer weiter weg von dir werden die Gedanken lauter. Der Teufel in meinem Kopf fängt an zu brüllen, fegt das Lächeln aus meinem Gesicht, lässt Tränen über meine Wangen kullern.

Arm in Arm lagen wir auf deinem Bett. Die Sonne fiel durch deine dreckigen Fenster auf unsere nackten Körper. Der Himmel war so ungewöhnlich blau, keine grauen Wolken vier Tage lang. Ich fragte nach deiner Vergangenheit. Ungeniert erzähltest du von ihr. Ihr, dem ewigen Geist, der dich seit Jahren begleitet, dich verfolgt, dir Chancen nimmt, dein Herz besetzt. Das Glitzern in meinen Augen hast du dem blendenden Sonnenlicht zugeschrieben, dabei war es dieser kleine, feine Stich, nicht größer als der einer Nadel, der sich mit jedem deiner Worte tiefer in mein Herz gebohrt hat. Aber gesagt, gesagt habe ich nichts. Ich setzte mein falsches Lächeln auf und machte gute Miene zum bösen Spiel. Ein Spiel mit Regeln, die ich bis dahin nicht kannte.

Heute Morgen, am Tag des Abschieds, steckte mir ein ganzes Schwert im Herzen. Ihr Name kam dir nicht mehr so leicht über die Lippen, ich musste ihn dir in den Mund legen. In vier Tagen hatten wir es geschafft, uns etwas Kleines, etwas Eigenes aufzubauen. Etwas, was uns morgens früher wach werden ließ und es uns abends schwer machte, die Augen zu schließen. Etwas, das sich gut anfühlt und nicht hinterfragt werden muss. Etwas, was einfach da ist. Auch wenn dein Geist sich nicht vertreiben ließ.

Kurz vor Osnabrück meine ich, den Sand vom Elbstrand wieder zwischen meinen Zehen spüren zu können. Ich sehne mich an deine Hand zurück, sehe uns noch einmal am Kanal entlanglaufen mit grinsenden Augen und wachen Mündern. Die Zeit vergeht. Ich schaue aus dem Fenster. Als der Zug in Essen hält, beobachte ich die Regentropfen, wie sie immer größer werdende Kreise in den Pfützen auf dem unebenen Boden des Bahnsteigs ziehen. Obgleich der grauen Wolken und des starken Regens lächle ich wieder.

Ob es mit uns weitergeht, wissen wir nicht. So vieles, woran wir vorher nicht geglaubt hatten, ist passiert. Wenn wir uns nun wieder schreiben, werden deine Worte eine Stimme haben, ganze Sätze ein Lächeln und geschriebene Küsse ein Gefühl.

Als ich in Köln aus dem Zug steige, habe ich uns noch lange nicht runter gerockt. Ich schaue gen Himmel. Hier ist er mehr blau dann grau.

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28 Antworten

Kommentare

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    • 0

      Den hast du unter MiZas Kommentar geschrieben!

      16.04.2012, 20:36 von lalina
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  • 1

    klingt ein bisschen wie die weibliche sicht von suris text, in dem die die mandarinenschalen und kondome aus dem dachfenster geschmissen haben.

    15.04.2012, 20:40 von frl_smilla
    • 0

      ich frage mich gerade, ob ich diesen text kenne. und, äh, nein, tue ich nicht. oder? ich erinnere mich nicht.

      15.04.2012, 20:42 von lalina
    • 1

      suri, aktivier' mal einen deiner prä-relaunch-texte!

      15.04.2012, 20:44 von frl_smilla
    • 0

      Meinst du, der liest deinen Kommentar hier?

      15.04.2012, 20:45 von lalina
    • 1

      logo!

      15.04.2012, 20:47 von frl_smilla
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    • 1

      Danke, MiZa, dein Herz freut mein Herz sehr.

      15.04.2012, 20:05 von lalina
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  • 1

    verdammt gut. =)

    15.04.2012, 16:08 von einweggedanken
    • 0

      Dankeschön.

      15.04.2012, 17:04 von lalina
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  • 1

    "mit grinsenden Augen und wachen Mündern" - großartig!

    15.04.2012, 13:58 von TrustYourself
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  • 1

    Ich mag diesen Text.

    14.04.2012, 09:12 von topfbluemchen
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  • 0

    "nicht runter gerockt"? Versteh ich nich.

    13.04.2012, 23:39 von nyx_nyx
    • 0

      Ich hätte auch schreiben können: Mit uns bin ich noch lange nicht fertig.

      "Runter gerockt" passt aber besser zu dem Typ, über den ich schreibe.

      14.04.2012, 09:04 von lalina
    • 0

      Kenne den Ausdruck wirklich nicht und fühle mich erneut irgendwie... alt.

      14.04.2012, 16:22 von nyx_nyx
    • 0

      Arme alte Frau ;)

      Der Ausdruck ist ja auch nicht geläufig und - Achtung, ich gebe es zu - aus einem Rainald Grebe Song geborgt.

      14.04.2012, 20:16 von lalina
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    • 0

      Wer wird denn da gleich so hart sein?

      15.04.2012, 19:06 von lalina
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    • 0

      Ein wenig, aber schon okay. Ich sehe den Mann vor mir und deshalb gefällt es mir.

      15.04.2012, 19:17 von lalina
    • 0

      ich kenne abgerockt. für ranziges, schäbiges zeug.

      nyx, kennsu das nich? menschenskind!

      15.04.2012, 21:27 von frl_smilla
    • 0

      Nö, auch das kenn ich nich. Bin ick nich eloquent genug für :) Wird sich nu aber wohl hoffentlich auch nich mehr in meinen Sprachgebrauch einnisten.

      15.04.2012, 21:30 von nyx_nyx
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  • 5

    Ganz von innen heraus geht die Reise zurück in Besagtes.



    Wenn wir uns nun wieder schreiben, werden deine Worte eine Stimme haben, ganze Sätze ein Lächeln und geschriebene Küsse ein Gefühl.

    Reicht für eine ganze Welt. Zauberhaft.

    13.04.2012, 09:31 von Kokomiko
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