liahfly 30.12.2012, 19:02 Uhr 2 5

Bitte Klingeln ...

... An der Tür zum abschließen, solange die Zeit noch heilt

Wie soll ich abschließen? Ich frage es mich immer und immer wieder: Wie soll ich nur abschließen? Wenn es doch kein Schloss gibt, ja nicht mal eine Tür! Es gibt keine Klingel und keinen Fußabtreter. 

Du kannst jederzeit und immer einfach so eintreten. Manchmal tust du es noch. Deine physischen Besuche sind nicht von langer Dauer und immer belanglos. Danach sind es die Erinnerungen, die offenen Fragen. Sie sind es, die bleiben, wie ein unwillkommener Gast. Und ich kann einfach nicht abschließen. Ich will jetzt bitte eine Tür, die ich dir vor der Nase zuschlagen kann. Du hast lang genug in meinen heiligen Hallen rumgegeistert. Du bist ein Gespenst - wirklich anwesend warst du nämlich in den seltensten Fällen. Und doch bist du einfach immer da. Du hast zu viel bei mir  vergessen. Sachen liegen lassen. Und ich kann sie nicht wegräumen. Ich würde sie ja vor die Tür stellen, wenn es denn eine geben würde - und ich die Kraft hätte. Stattdessen bleibt alles so, wie du es hinterlassen hast und ich werde immer an dich erinnert. Du musst mittlerweile gar nicht mehr vorbeikommen, um da zu sein. Du bist es sowieso - immer da! Gleich morgens, wenn ich die Augen öffne. Wenn ich zur Arbeit gehe bleibst du, auf der Arbeit lässt du mich manchmal in Ruhe, aber nur der kleinste Anstoß reicht und ich weiß es wieder - da war noch was. Genau: Du. Immer und immer wieder. Beim Essen, beim Zähneputzen, beim Tanzen, beim Spazieren, wenn ich nachts Träume. Immer. Manchmal frage ich mich, ob ich mich vielleicht einfach schon so an den Gedanken deiner stetigen Präsenz gewöhnt habe, dass ich dir deswegen gleich noch häufiger bei mir Asyl gewähre. Als wäre es zu einem Ritual geworden. Mehr darf es wirklich nicht sein. Asyl. Irgendwie muss ich es ja vor mir rechtfertigen. Also sagen wir Asyl! Ich weiß, vielleicht hätte ich dich von Anfang an doch gar nicht erst über die Schwelle in mein Leben treten lassen sollen. Doch ich habe es getan. Ich habe dich zu herzlich Willkommen geheißen - mehr als es einem Gast gebührt. Dabei wolltest du das vielleicht gar nicht? Zur Strafe spukst du jetzt einfach wie ein Geist bei mir rum. Und du blockierst den Eingang. Und seitdem du da warst, zieht es. Du wolltest ja auf jeden Fall, dass ich die Tür offen lasse. Und jetzt ist sie irgendwie weg. Die Tür zum abschließen. Und ohne anwesend zu sein, spielst du den unsichtbaren Türsteher! Den unsichtbaren Türsteher, vor der nicht vorhandenen Tür. Welch Ironie! 

Ich muss aufräumen. Deine Sachen wegräumen! Drumherum blitzt alles - alles, was nicht von dir vergessen wurde, ist an Ort und Stelle. Aber das, was du mir dagelassen hast - vergessen, abgeladen, geschenkt, ja sogar das, was du bei mir kaputtgemacht hast, das habe ich nicht angerührt. Nur drumrum geputzt. Vielleicht ein weißes Tuch drüber gelegt - damit ich es nicht sehen muss. Nicht dran erinnert werde. Hat am Anfang super funktioniert! Bis ich manchmal kurz vergessen habe, dass es immer noch da ist. Das Tuch es nur verdeckt. Dann habe ich mich augenblicklich daran gestoßen. Autsch. Irgendwann habe ich beschlossen, die Tücher wegzunehmen. Mich daran zu gewöhnen und damit zu leben. Doch langsam reichts mir einfach! Ich brauche den Platz und meine blauen Flecken nerven mich. Das sieht doch nicht schön aus. Meine Freunde haben schon so oft versucht, mir beim Tragen zu helfen. Ein bisschen von deinem Kram bin ich schon los geworden. Ich wollte dich so oft fragen, ob du die Sachen nicht selbst abholen kannst. Aber ich bin mir sicher, es bliebe dann nur wieder was Neues von dir bei mir. Da hab ich keine Lust mehr drauf. Das muss alles weg. 

Weißt du, auf wen ich mich richtig verlassen konnte? Die Zeit. Sie will mir jetzt eine Tür einbauen - zum abschließen. Aber dazu braucht sie Platz und deine Sachen liegen bekannterweise im Weg. Einen Kammerjäger bringt sie auch mit, da bin ich mir sicher. Einen, der endlich deinen Geist vertreibt. Was du bei mir hinterlassen hast, räume ich dann gemeinsam mit Kammerjäger, Zeit und Freunden Stück für Stück weg. So der Plan. Vielleicht dürfen manche Dinge von dir sogar an einer anderen Stelle doch noch bei mir bleiben. Das werde ich dann sehen. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Tür. Wenn ich die habe, darfst du vielleicht auch mal wieder vorbeikommen - irgendwann - und klingeln. Ja eine Klingel muss ich bis dahin auch haben. Nur für den Fall. Du musst sie benutzen weil du unangekündigt nämlich nicht mehr kommen darfst. Zu meinem Besten. Das hat mir auch die Zeit bewusst gemacht. Ich weiß noch nicht, ob ich dann aufmache. Aber wenn, dann will ich dich vorher hören, solltest du kommen. Vielleicht ist irgendwann ja ein kurzes Pläuschchen an Schwelle drin. Aber das muss ich dann noch mal mit der Zeit besprechen. Sie hat mir von allen am meisten geholfen. Vielleicht klappt das mit ihr und mir besser, als mit dir und mir früher, weil sie einfach eine Konstante ist, auf die man sich verlassen kann. Die einen weiterbringt! Als du damals meine innere Uhr zum stehenbleiben brachtest, wusste ich nicht mehr, wann ich mich mit der guten Zeit verabreden sollte. Durch dich war sie auch auf einmal so unwichtig. Das hat mir die Zeit dann richtig übel genommen. Danach meinte sie es gar nicht so gut mit mir. Jetzt haben wir uns aber wieder geeinigt. Meine innere Uhr habe ich sogar alleine repariert. Darauf bin ich wirklich stolz. Bei allem anderen hilft mir die Zeit jetzt. Ich weiß nicht, wie viel sie und ich noch voneinander haben, deswegen mache ich jetzt alles mit ihr im Einklang. Ich wünsche mir nicht mehr von ihr, dass sie für mich die Zeiger vor- oder zurück dreht. Das habe ich gelernt. Schließlich ist es der Jetlag nicht wert - den ich immer noch habe, durch meine damalige Zeitumstellung deinetwegen. Aber das wird vorbei gehen. Weil ich jetzt weiß: Du und ich, wir ticken einfach anders. Und unser Timing war wirklich schlecht. Wir hatten eine gemeinsame Zeit, aber die ist längst vergangen. Und auch, wenn ich nun immer noch nicht genau weiß, wie ich abschließen soll - eine Tür mit Schloss ist ja schon mal ein Anfang. Dann kann ich wenigstens etwas Abschließen, wenn vielleicht auch noch nicht die Zeit mit dir.


Tags: Abschluss
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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Tolle Worte hast du da gefunden!


    02.01.2013, 01:50 von Mann_vom_Meer
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  • 1

    wunderbar, ganz toll geschrieben-geht mir grad auch so!

    30.12.2012, 19:18 von violett84
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  • Make some noise peeps!

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