dispokugel 19.04.2011, 23:25 Uhr 15 33

Bis es weh tut

Opa ist tot, sagst du am Telefon. Du bist kein Stück traurig, aber du tust so. Vor allem tust du so, als müsste ich wissen, dass dein Opa tot ist.

Das hat eben gerade sehr weh getan. Und du weißt das. Du wusstest es aber auch schon vorher. Du weißt es jetzt genau, dann tat es dir plötzlich leid, mir war es egal und dann war es zu spät. Opa ist tot, sagt du am Telefon. Du bist kein Stück traurig, aber du tust so. Vor allem tust du so, als müsste ich wissen, dass dein Opa tot ist. Das kann ich nicht wissen, wenn du Tage nicht an dein Telefon gehst und dich Tage lang nicht bei mir meldest. »Ich liebe dich« flüstere ich in den Hörer, das ist momentan das einzige was mir einfällt und ich meint es ehrlich und aufrichtig. »Ja« sagst du bestimmend, so wie du oft mit mir redest, wenn dir etwas zu heartcore ist. Dann legst du den Hörer auf.

Im Supermarkt gehe ich durch die Regale. Am Nudelregal frage ich mich ernsthaft was ich hier tue. Einkaufen. Genau. Einkaufen für eine schon längst beendete Beziehung, in der in den jeweiligen Köpfen eigentlich alles gesagt, nur noch nicht ausgesprochen ist. Basics. Die kann ich kochen. Bloß nichts aufwendiges. Wenn es zu lange dauert, könnten die Momente des peinlichen Schweigens unangenehm werden. Draußen ist es nur unwesentlich wärmer als hier drinnen, also gehe ich in Richtung Kühlregal und überlege kurz, ob ich dir dein Lieblingseis kaufe. In diesem Laden kaufen nur die letzten Asis ein. Das sage ich laut vor mich hin und eine ältere Dame auf der anderen Seite der riesigen Kühltruhe zieht in Zeitlupe und kopfschüttelnd an mir vorbei. Ich kaufe das Eis nicht. Aber ich schließe die Kühltruhe, die irgendein Vollidiot sperrangelweit aufgelassen hat. Genau, dieses Engagement, diesen Einsatz für Natur und Umwelt habe ich von dir gelernt.

»Ich bin sogar gestern zum ersten Mal in meinem Leben in einen McDonalds gegangen und habe Pommes gegessen. Weil ich so einen Hunger hatte. Mir geht es gerade nicht so gut. Hier.«

An der Kasse zähle ich nach. Nicht das Geld, ich zahle mit Karte, sondern die Tage die wir uns schon nicht mehr gesehen haben. Elf. Ob ich dich überhaupt wiedererkenne? Bestimmt. Wir sind jetzt 1 1/2 Jahre zusammen. Da weiß man, wie man aussieht.

Auf dem Weg nach draußen weiß ich, was eventuell gleich passieren wird. Ob du wohl vor dem Essen mit mir Schluss machst? Oder solltest du mich am Ende doch noch damit verschonen und dir einen andern, nicht ganz so sonnigen und heißen Tag aussuchen? Gibt es noch irgendetwas, was du von mir brauchst, weshalb du diese unerträgliche Gewissheit, dass es mit uns beiden nicht mehr so recht funktioniert, hinauszögern willst? Einen Gefallen? Eine Selbstverständlichkeit, wie du es wohl eher nennen würdest? Ich gehe am ehemaligen Getränkemarkt vorbei, dort wo mittlerweile das fünfundvierzigste billig Spielecasino der Stadt eingezogen ist, während mir durch den Kopf geht, dass ich dir das mit uns gleich alles vor die Füße kotzen werde, als du mich lautlos von hinten mit dem Fahrrad überholst und mir mit deiner Hand, die mich seit gefühlten 2 Monaten nicht mehr berührt hat auf die Schulter fasst, um dich abzustützen. »Naaa«, sagst du. »Hallo« erwidere ich, als du dich von mir mit den Worten, ich fahre schon mal vor, ich muss noch Duschen, abstößt und nach Hause radelst. Begossener Pudel. So nennt man das glaube ich.

Steffen macht auf. Ich mag Steffen. Wir haben mal einen großartigen Abend zusammen in Hamburg in der Mutter verbracht, als ich noch nicht dort gelebt habe. Sturtzbetrunken. »Hast du getrunken?« Hast du am Telefon gefragt. »Warum?« »Weil Steffen meinte, ihr wart Saufen.« Ich würde lieber für Steffen kochen, denke ich und fange an die Paprika zu waschen. Du brüllst aus dem Bad nebenan. »Mach das scheiß Wasser aus. Mach es aus, es wird arschkalt.« Ich mache es aus. Dann wird das verfickte Gemüse eben nicht gewaschen. Mir egal. Friss es doch und bekomm Krankheiten.

Du kommst aus der Dusche, deine Haare sind noch ganz nass. Du hast nur ein Handtuch umgewickelt. Du siehst gerade sehr hübsch aus, denke ich. Aber so richtig kann ich es nicht beurteilen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich dich schon so lange nicht gesehen habe und alles wie neu ist. Du küsst mich wortlos. Deine Haare berühren meine Wangen. Das Wasser das auf meine Haut perlt ist angenehm kühl. Dein Mund angenehm warm. Wir werden uns heute nicht trennen. Wir zögern lieber, sprechen nichts aus und quälen uns noch ein wenig. Damit es richtig weh tut.

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15 Antworten

Kommentare

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    Toller Text. Schön geradeaus.Das Ende hätte ich direkter gebaut: "...sprechen nichts aus, warten, bis es richtig tut." Wenn der Vorschlag erlaubt ist.

    22.03.2012, 16:54 von blumenbad
    • 0

      "weh tut", natürlich.


      22.03.2012, 16:55 von blumenbad
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    Endlich mal wieder ein guter Text auf der Startseite.

    27.04.2011, 17:20 von Apple-Pie-Order
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    Hach, ich mag deine Art, zu schreiben (: weiter so

    25.04.2011, 22:05 von VonGruenwald
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    damit es richtig weh tut. der text gefällt mir. sehr.

    24.04.2011, 21:21 von nana-o
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    ich kann nicht sagen, ob einem ein text 'gefallen' kann, wenn es sich um so eine thematik handelt, und man diese zudem noch viel zu gut nachvollziehen kann. aber ich glaube, es spricht für den text, für die umsetzung, wenn man sich beim lesen denkt 'das kenn´ ich doch.' genau das.

    24.04.2011, 17:44 von hirnflimmern.
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    ich versteh aber nich so ganz, ob die erzählung von ner frau ausgeht oder von nem mann ... hab's jetzt mal aus beiden sichtweisen gelesen - ick komm nit druf!

    24.04.2011, 14:56 von honestycomesfirst
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    Schön, man kann die Gefühle genau nachvollziehen. Fragt sich, was euch wohl davon abhält, es auszusprechen. Vielleicht die Hoffnugn auf ein besonders schönes/besonders beschissenes Ereignis um sich für eine Richtung zu entscheiden...

    22.04.2011, 19:03 von EausB
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Irgendwie kam der Text gar nicht bei mir an. Erst haben mich Titel und Teaser getäuscht (was ich per se nicht schlimm finde, hier aber nicht gut passte) Dann dachte ich den ganzen Text hindurch, ob es sich wohl um einen Tagebuchauszug handelt, bei dem diverse zuletzt hier gelesene Themen mit eingefasst sind, und die Aussage kommt auch nur in der Rohversion bei mir an.

    21.04.2011, 21:05 von topfbluemchen
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    Sehr schön geschrieben. Dieses Gefühl jeden Moment den Schlussstrich ziehen zu müssen, oder doch lieber darauf warten, dass der Partner es tut. Man möchte dir in den Arsch treten, oder doch lieber die Hand auf die Schulter legen, kann man nicht genau sagen.

    21.04.2011, 18:39 von Platinfuchs
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