MisterGambit 30.11.-0001, 00:00 Uhr 54 66

Bis das vorbei ist

Ich spüre, dass sich alles ändern wird. Da ist dieses Wetter. Und Kerstin sitzt seit drei Tagen schweigend auf dem Balkon.

Es braut sich etwas zusammen: Da ist dieses unruhige Kribbeln unter der Haut, als würde das Blut sprudeln. Die Dinge ändern sich. Die Jahreszeit, die Umstände, die Beziehung. Vorm Fenster biegen sich die Wolken hoch,  in den letzten Wochen war zu spüren, dass der Sommer zu Ende geht. Jetzt wird es still und dunkel. In die Küche fällt kaum noch Licht, da helfen auch nicht die hohen, hellen Wände, die zehntausend bunten Postkarten verschlucken es förmlich. Es ist nicht zu erkennen, was auf ihnen gedruckt steht.

Die kleine silberne Cappuccino Kanne, die Kerstin vor ein paar Wochen stolz vom Flohmarkt mitgebracht hat, gibt auf dem Gasherd Vollgas, das letzte Stück vom Zwetschgenstreusel teile ich auf und reiche es auf die bunt zusammengewürfelten Teller. Jedes Mal, wenn wir Kuchen essen, will ich mir aufschreiben, dass wir neues Geschirr brauchen, aber dann vergesse ich es schnell wieder, kratze mir stattdessen über meinen Viereinhalbtagebart. Das hilft in Momenten wie diesem. 
Ich blicke durchs Fenster auf den Balkon und sehe, wie sie dort alleine sitzt, in ihrer grauen Fleecejacke, nur ein dünnes gelbes T-shirt darunter, der Pony vom Wind zerzaust, eine Strähne fliegt immer wieder auf.

"Kerstin! Komm doch rein, du erkältest dich", rufe ich, aber ich merke, dass mein Ruf den Nachdruck verliert.

Die Kanne fiept, eine Böe fährt durch ihr Haar, pfeift durch das gekippte Oberlicht zu uns rein, lässt das Fenster in den Rahmen knallen, die Küchentür fällt ebenso hart zu, aber sie schwingt direkt wieder auf. Aus dem Flur schreit es "Boah, macht die Küchentür zu, ich telefoniere".
"Kerstin?", rufe ich jetzt halblaut, "komm endlich rein."

"Sag noch mal, wie lange macht sie das schon?", fragt Armin.
"Seit Mittwoch". Während Discount-Teelichte angezündet werden, weil niemand frische Glühbirne gekauft hat, klimpern die Löffel in den Tassen.
 
"Ich hab echt keine Ahnung, was da genau los ist" seufze ich. Dies scheint nicht bloß wieder so eine von Kerstins abgeschmackten Ideen  zu sein, nicht irgendeine Meditationsübung, keine dieser Charakterprüfung, die sie manchmal versucht. Ich erinnere mich, wie sie drei Wochen lang jeden Abend um sieben scheinbar grundlos für sieben Minuten auf einen Stuhl stieg. "Zur Willensstärkung", erklärte sie. Aber nein. Das hier ist ernst.
 

Die beiden schmatzen, nicken anerkennend zu mir herüber. Zumindest der Kuchen scheint zu schmecken. 
"Und sie redet gar nicht?"
Nein.
 
"Also noch mal. Mittwochmorgen steht sie vor mir auf, weil der Postbote klingelt, anstatt alles wie sonst durch den Schlitz zu schieben, nein, geklingelt hat er. Darum war sie gleich verwundert und wollte schauen gehen, was los ist. Als sie nicht wieder ins Bett kam, ging ich raus auf den Flur, um nach ihr zu sehen. Aber da saß sie schon auf dem Balkon, nur in Schlafzeug und Hausjacke.
"Krass!"
"Ja, guck dir ihre Haare mal an. Die sind ganz verweht und filzig. Außerdem wird sie sich erkälten, sie hat ja kaum etwas auf den Knochen und... scheiße! Sie redet einfach nicht. Ich habe nach dem Brief gefragt - ob was passiert ist. Habe versucht, sie zum Lachen zu bringen. Keine Ahnung, es hat alles nicht geholfen. Dann rief ich bei ihren Eltern an, das würde ich sonst nie tun, und fragte die, ob sie in letzter Zeit irgendwas von ihr gehört hätten, aber die sagten, dass sie nichts wüssten. Die sprechen ja auch kaum miteinander. Was genau los ist, hab ich ihnen darum gar nicht erzählt. Mich mögen die ja eh nicht."
Armin legt die Hand auf Brittas Knie. Hält ihr Knie fest, hält sich an ihr fest und Brittas Knie verkriecht sich in den Furchen seiner Hände. Sie glauben, dass ich das nicht merke. Ich sehe es an ihren Blicken. Ich weiß ja, was sie denken. Sie denken, dass ich nicht der Richtige für Kerstin bin, keiner bin, der sie hält und trägt. Keiner, der für eine Frau sorgen kann. Dass ich imm Grunde genau so bin wie ihre Eltern. "Sie ist doch so schwach, sie brauch nicht so eine Lusche", hat Britta wohl gesagt, als sie vor einem Jahr erfuhr, dass wir zusammen ziehen. Auch das weiß ich, und trotzdem, jetzt gerade, hatte ich gehofft, sie können mir helfen. Ihre tollen Freunde.
 
"Der Kaffee schmeckt aber gut", sagt Britta und quält ein Lächeln hervor.

"Du kennst sie doch schon so lange, weißt du gar nicht, was wir tun können? Kannst du nicht helfen? Kannst du bitte helfen?", hatte ich am Telefon gesagt. Dann kamen sie. Aber geholfen hat es nicht.

Im Zimmer wird es kälter, das Tageslicht ist mittlerweile völlig verschwunden. In sinnlosen Diskussionen, Schuldzuweisungen, Hinweisen auf meine angebliche Unfähigkeit, Kerstin glücklich zu machen, ihr eine Stütze zu sein, verfangen wir uns in Nebensätzen und Kleinigkeiten. "Wärst du mal ab und zu mit auf den Flohmarkt gegangen! "... "Hättest du dich mal etwas mehr für ihre Musik interessiert!".  So geht das immer weiter. Scheinbar war ich der Einzige, der überhaupt geglaubt hat, dass Kerstin selbstständig ist, dass sie Dinge alleine schafft, mich nicht als Vater braucht, sondern als Freund. 
"Partnerschaft ist mehr, als ficken und nebeneinander her leben", muss ich mir anhören. Als ob ich das nicht wüsste. Aber wenn man alles teilt, wo bleiben die Freiräume? Wenn man schon so wenig Geld für seine Träume hat, sollte man wenigstens atmen können.
 
"Du hättest sie ja mal zwingen sollen, etwas zu essen"... "Hast du ihre Eltern angerufen?"... "Wieso sitzt du nur herum?"... "Kauf ihr mal etwas Anständiges, dann lächelt sie auch wieder!"

Es wird hitzig, während die scheiß Heizung auch mal wieder nicht läuft.

"Wisst ihr", sage ich, "Worte haben nicht geholfen. Frühstück hat sie nicht angerührt. Auch nicht den Kuchen, den ich ihr gebacken habe.“ Der Kuchen, den ihr Wichser jetzt esst, denke ich. Dann pieksen die Gabeln in den Teig, Tassen klimpern, Hände suchen, Schuhsohlen reiben auf dem Parkett, gesprochen wird nicht. Blicke gehen auf die Uhr, durch das Fenster.

"So, wir müssen dann. Du kriegst das noch hin?"
Ich nicke lange, "Klar“, bringe die beiden Goldstücke zur Tür.
Als diese dann zu fällt, geh ich zurück in die Küche, die Kerzen sind aus, das Fenster klappert. Die Pappteller kommen in den gelben Sack, die Gabeln ins Spülbecken, den Geruch der Zwei möchte ich ausspucken, aber er steht in der Luft. Luft.

Ich will es noch ein Mal versuchen, greife nach der Decke, die auf der Holzbank in der Ecke liegt, öffne die Balkontür, gehe nach draußen. Kerstin würdigt mich keines Blickes, also lege ich die Decke über ihre Knie, lege meinen Arm um ihre Schultern, streichele die kalten, blassen Hände.
"Ich bleibe. Dann kannst du überlegen, ob du mit mir redest."

Als ich beschließe, den Glauben zu verlieren, dreht sie sich zu mir um, sieht mir in die Augen. Ich kann aus diesem Blick Nichts lesen, schlucke, warte.

"Du..."
"Ja?", frage ich.
"Kennst du das? Die Tage, an denen du nur aufwachst, aufstehst, zur Tür gehst, weil du den Postboten wegbomben willst?"

Ich nicke, muss plötzlich lachen, laut lachen.

"Und deine Freunde auch..."

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54 Antworten

Kommentare

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  • 0

    so wunderbar, dass ich allen meinen Freunden schreibe, dass sie diesen Text lesen müssen.

    12.02.2012, 12:49 von KathrinSonnentomate
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  • 0

    Wirklich ein toller Text. Und man spürt die Antipathie den Freunden gegenüber nur allzu deutlich! Herrliches Ende auch!

    02.02.2012, 18:06 von Aerosmiths-Fan
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  • 0

    Top Ende! :D

    30.01.2012, 17:40 von schnutopard
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  • 1

    "Partnerschaft ist mehr, als ficken und nebeneinander her leben",
    muss ich mir anhören.
    Hehehe!

    30.01.2012, 08:08 von Steifschulz
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  • 0

    "so, wir müssen dann..." dieses plakative nichts von blöden nichtsnutzen:-)) einer meiner lieblings-hass-sätze!

    29.01.2012, 00:37 von lavish
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  • 0

    Wann hast du denn diesen Text hochgeladen. Die Zeit da oben kann ja wohl nicht stimmen. Ich habe bei meinem Artikel die gleichen kyrillischen Zeichen. Über den "Lotsen" bekommt man leider keine Antwort. 

    28.01.2012, 16:58 von limpstone
    • 0

      Der Maya-Kalender!!! :O

      30.01.2012, 17:42 von schnutopard
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  • 4

    wie jetzt? hat die magersüchtige kerstin durch das wachklingeln des postboten so dermaßen schlechte laune bekommen, dass sie sich zum beruhigen auf den balkon setzen musste? für ganze drei tage?
    ich mag den text, weil du es geschafft hast, dass ich die protagonistin absolut nicht ausstehen kann.
    nein nein nein

    28.01.2012, 10:15 von Faraduna
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  • 0

    ja, doch. gefällt mir.

    28.01.2012, 07:16 von Santsche
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  • 0

    So isses!

    27.01.2012, 23:33 von woah
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  • 0

    das ende ist so komisch. ich weiß nich recht... es ist so unspektakulär, obwohl bedeutungsschwanger...oder so.

    bis dahin liest sich aber alles so schön! die rat- und verständnislosigkeit, die angst und hilfesuchung des protagonisten, seine tausend offenen fragen- das passt nicht zum ende!

    27.01.2012, 20:45 von MiZa.
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