Birken zwischen den Gleisen
Ohne seinen Blick von dem Buch abzuwenden, das er las, sagte er: "Hier hat sich gestern eine auf die Gleise gelegt."
Er fuhr aus der Stadt mit dem Fluss in die Stadt ohne Regen. Seine Heimatstadt. Die Stadt in der er Familie hatte - oder besaß -, und in der er die Firma seines Vaters leitete, die er vor 11 Jahren übernommen hatte.
Er fuhr mit dem Zug. Morgens, um 8.07Uhr erhielt der Zug Einfahrt in der Stadt mit dem Fluss und der Mann betrat einen der Wagons, suchte sich seinen reservierten Sitzplatz, verstaute seine neue Aktentasche - die aus feinstem braunen, Kalbsleder war und noch einen Duft verströmte, wie man ihn sich in alten, englischen Hörsäalen vorstellt - unter dem Sitz, und lies sich auf dem Fensterplatz nieder.
Es stiegen nicht viel andere Passagiere in den Zug, da die Hauptverkehrszeit bereits vorüber war. Nur ein älteres Ehepaar, welches sich gegenseitig die Stufen hoch half und eine junge, attraktive Frau, die viel zu dünn, für dieses nasskalte Wetter, angezogen war. Die Sonne schien zwar so kräftig wie sie nur konnte, doch gelang es ihr noch nicht die vergangenen Wintermonate komplett in Vergessenheit geraten zu lassen. Es lag noch ein frischer Nebel über der Stadt, der früh Morgens vom Fluss ausging um sich die Hänge hinaufzuschleppen, und manch einem, wenn er denn wollte, eines reines Gewissen und einen Funken Hoffnung bescheren konnte.
Ansonsten war der Zug komplett leer. Nur der Schaffner - der gleich zu Beginn der Fahrt die Tickets kontrollierte und dann nicht wieder auftauchte -, störte kurzzeitig dieses Bild der vier Fremden, wie sie dasaßen und atmeten, und dachten, und lebten um nichts zu tun außer atmen, denken und leben.
Der Mann beachtete die anderen Fahrgäste und den Schaffner nicht mehr, sobald er bemerkte das der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte. Er blickte aus dem Fenster und beobachtete wie die gegenüberliegenden Birken, die zwischen den stillgelegten Gleisen sprossen, sich immer schneller und hastiger in Bewegung setzten, bis sie nur noch wie weiße Schatten vorbei huschten und beinahe einen undurchdringlichen Schleier bildeten. Seine Augen verloren sich in dieser Raserei und er starrte kurze Zeit später nur noch in die Leere die nicht da war.
Drei Stunden vergingen und der Mann blickte noch immer apathisch durch das Glas auf die Wand aus Geistern. Weder bemerkte er das der Zug zwischendurch schon mehrere Haltestellen angefahren hatte und Leute ein- und ausgestiegen waren, noch bekam er mit das sich mittlerweile eine Person ihm gegenüber gesetzt hatte. Auf den Platz am Gang. Er bemerkte ihn erst, als ein Räuspern des Neuankömmlings, ihn zurück in den Zug holte.
Es war ein junger Mann, vielleicht Anfang Zwanzig, der so sonderlich unscheinbar aussah, dass der Mann das Gesicht und die Statur des jungen Kerls sofort wieder vergessen würde, wenn er seinen Blick von ihm abgewendet hätte. Doch das tat er nicht, da der Junge ihn aus seiner fast schon spirituellen Verfassung gerissen hatte, indem er, ohne seinen Blick von dem Buch abzuwenden, das er las, seinem Räuspern hinzufügte: "Hier hat sich gestern eine auf die Gleise gelegt."
Der Mann war so verdutzt von dieser Bemerkung, dass er nichts anderes machen konnte als den sehr viel jüngeren Mann von oben bis unten zu mustern. Er fing bei seinem ordentlichen Linkscheitel an, und wanderte langsam hinunter, bis er an den Füßen angelangt war. Doch als seine Augen dort ankamen, wusste er schon nicht mehr wie sein Gesicht aussah. Also riss er den Kopf plötzlich nach hinten um die Ausdrucklosigkeit seines Gegenübers beurteilen zu können. Das alles während eines Wimpernschlags.
Der Mann wurde unruhig und war nun völlig von seinem tranceähnlichen Zustand, in eine Nervosität gerutscht, wie er sie, als erfahrener Geschäftsmann, kaum noch kannte. Er rutschte auf dem Sitz hin und her, wie ein ungeduldiger Schuljunge vor einer Prüfung, und fuhr sich mit den Händen durch die Haare, bis er sich dazu durchrang dem Mann, auf dem Platz am Gang, etwas auf seine merkwürdige Aussage zu entgegnen. Da er, der aus der Stadt in der es nie regnete, sich für deutlich erfahrener und reifer hielt, wollte er den Jungspund, für seine unmögliche Gesprächseröffnung, gewählt zurechtstutzen:
"Beginnen Sie mit einem solchen Thema immer eine Konversation mit Wildfremden!?" fragte er ihn mit strengem Tonfall, so wie er auch in der Firma mit seinen Angestellten redete, da sie ja schließlich unter ihm standen. Jedes S zischte er mehr, als das er es über seine Zunge summen lies, und jedes R rollte er so hart wie es die Rollen des Zuges auf den Schienen unter ihnen taten.
Der Gefragte jedoch, las unbeirrt sein Buch weiter und blätterte, mit einem viel zu feuchten Finger, die Seite um, sodass sich Speichelfäden daran absetzten und das Papier verklebte. Als er darauf genauer hinsah, viel ihm auf das das komplette Buch, welches aus bestimmt 500Seiten engst bedrucktem Papier bestand, von Spucke getränkt war.
Ein Gefühl von Ekel überkam ihn, wie er es erst einmal empfunden hatte, als ihm auf dem Weg zur Arbeit ein betrunkener Obdachloser, ganz unvermittelt, mit der Hand ins Gesicht fasste. Die Hand war völlig wund und jeder Finger aufgerissen und mit Eiter überzogen. Der Schock war zwar immens, jedoch überwog der Ekel und bahnte sich schnurstracks seinen Weg, in Form von einem halbverdauten Tomate-Mozzarella-Bagles und eines überzuckerten, überteuerten, überdurschnittlichcoolbenannten White-Chocolate-Macchiato-mit-Vanilla-Flavour, oder kurz gesagt: in Form von lauwarm Erbrochenem, zurück an die Luft der Stadt in der es nie regnet. Genauso fühlte er sich in diesem Moment, nur das er den Würgreflex unterbinden konnte. Er griff unter seinen Sitz, in der Hoffnung, nur seine Tasche und nichts anderes zu erwischen. Packte sie, sprang auf und ging schnellen Schrittes, ohne sich nochmal nach seinem Sitznachbarn umzusehen, in das nächste Abteil.
Noch nicht ganz dort angekommen, erfasste ihn ein kräftiger Ruck, der ihm das Gleicchgewicht nahm und seine Füße vom Boden riss. Ein lautes Quietschen und Zischen durchdrang den ganzen Zug und er dachte jetzt wäre alles vorbei. Er malte sich aus das der unmotivierte Zugführer, der seinen Job hassen müsse, irgendein Signal übersehen oder die falsche Weiche geschaltet bekommen hätte, und das sie jetzt mit einem anderen Zug frontal kollidieren würden. Oder das sie in einen vollbesetzten Schulbus rasen würden, der gerade den nicht abgesperrten Bahnübergang kreuzte. Mit den Händen über dem Kopf verschrenkt, blieb er schlotternd auf dem dreckigen Boden im Gang liegen, bis er bemerkte das die Geräusche allmählich verklungen und der Zug zum stillstand kam.
Als Stille einkeehrte, richtete er sich langsam auf, drehte sich vorsichtig um und warf einen Blick in Fahrtrichtung, in das Abteil aus dem er gekommen war. Dort, am Ende des Wagons, stand der junge Mann und hatte die Notbremse gezogen. Er stämmte sich nun gegen die Tür und versuchte sie aufzuschieben, was ihm dann auch mit einiger Mühe gelang. Er schien die stillgelegten Gleise auf der anderen Seite zu betrachten, zwischen denen die jungen Birken wuchsen, die nun, da der Frühling Einzug erhielt, bereits in ein sanftes, saftiges Grün gehüllt waren und munter in der angenehm, frischen Frühlingsbrise tanzten, um die Sonnenstrahlen willkommen zu heißen.
Dann sprang er mit einem Satz nach draußen, auf das Gleis direkt neben dem ihrigen, auf dem gerade in diesem Moment der Gegenzug, der um etwa 9.55Uhr in der Stadt ohne Regen losgefahren sein musste, ungebremst vorbeirauschte und ihn frontal erfasste. Die Fensterfront neben der Tür die sich entlang des Abteils erstreckte - durch die der Geschäftsmann das Schauspiel fassungslos mit anschaute -, färbte sich von jetzt auf gleich Blutrot. Eine große rote Fläche, die sich in mehrere Linien aufspaltete und letztendlich nur noch einige größere und kleinere Spritzer auf der Seite des Zuges hinterlies. Der Mann, der aus der Stadt mit dem Fluss kam und in seine Heimatstadt, die Stadt ohne Regen, saß noch einige Minuten mit den Händen abgestützt in dem Abteil auf dem Fußboden und vergaß seine Übelkeit allmählich.
Er wusste das er zu spät zum Abendessen, mit seiner Frau und den Kindern, kommen würde. Das Essen würde kalt sein. Aufbewahrt in eine Tupperdose im Kühlschrank stehen, an deren Deckel sich schon Kondenswasser abgesetzt haben würde. Er müsste sich das Essen in der Mikrowelle erneut warm machen und dann alleine auf der Couch vor dem Fernseher, bei minimaler Lautstärke, weil sonst die Frau und die Kinder wach würden, den aufgewärmten Fraß vertilgen.
Auf dem Tisch im anderen Abteil lag immernoch das Buch des jungen Mannes aufgeschlagen auf dem Tisch. Unter normalen Umständen würde es bestimmt einfach vom Reinigungspersonal entsorgt werden, da es so versifft war. Aber dieses fünfhundert Seiten starke Exemplar würde wohl von der Polizei beschlagnahmt werden, die sich wahrscheinlich davor ekeln und es nur sehr vorsichtig berühren würden.
Der letzte Absatz in dem Buch war handschriftlich hinzugefügt worden. Er stand auf der Innenseite des Buchdeckels, jedoch wurde er von niemandem gelesen, weder von dem Mann aus der Stadt ohne Regen, noch von den Beamten.
"Du hast mir mein Herz gebrochen und es tat mir leid. Du hast es nicht gewollt. Aber so spielt es nunmal, dieses Leben. Wir können uns vielleicht aussuchen wen wir mögen, aber nicht wen wir lieben. Du hast es dir genommen und mich direkt mit. Du hast es bestimmt nicht so gewollt. Aber so spielt es nunmal, dieses Leben."




Kommentare
beklemmend.
01.07.2010, 02:30 von Katiiia