Pandamotte 31.10.2011, 14:51 Uhr 0 2

beziehungs- und -weise

Das Damoklesschwert "Beziehung"

Menschen kotzen manchmal wahnsinnig an. Ich bin jetzt kein Misanthrop oder so, mit den meisten komme ich sogar recht gut zurecht. Oder – die meisten mögen mich mehr als ich sie. Aber das macht ja nichts. Menschen... verbringen die meiste Zeit des Tages damit, sich über irgendwas aufzuregen, sich Gedanken zu machen, irgendetwas zu vermissen. Viel gehörter Satz und auch in den Top 10 meines persönlichen Geht-mir-nicht-auf-den-Sack-Rankings: „Irgendwie wäre es ja schon mal wieder Zeit für was Festes.“ Ihr denkt also tatsächlich nach über Dinge, die Ihr nicht habt oder haben wollt, seid Euch dessen aber unsicher, und überhaupt, wisst nicht WAS genau Ihr wollt und wundert euch dann, dass nichts geschieht?

Und WENN dann was geschieht, geht das Wundern und Zetern weiter. Nein, es hat kein Ende. Niemals. So schnell wie möglich muss die Definitionsfrage gestellt werden, was sind wir, wo gehen wir hin? Dein Leben lang hast Du dir die Frage nicht gestellt, und jetzt fängst Du nach einer Woche damit an? Glückwunsch. Und das Wort, das dabei die größte Ehrfurcht    einflößt und scheinbar unausweichlich ist, ist „Beziehung“. Uh. Mir schlottern die Knie.

Total beeindruckend ist es dann, wie Leute es binnen kürzester Zeit ausdifferenzieren und, einem anderen Denken als dem Facebook-Schubladenartigen nicht mächtig, sich in einer befinden. Denn eine andere Option als „in einer Beziehung“, in einer „offenen Beziehung“ oder „Single“, das gibt es in der heutigen Zeit nicht – wenn man das teilen will mit anderen, und offenbar ist das unabdingbar. Selbst wenn man sich fake verlobt, um nochmal eins draufzusetzen und zu zeigen „Der gehört mir!“, sich ob einer Krise trennt für drei Tage und dann aber feststellt „Oh ich kann ohne ihn nicht“ – total wichtig, der Beziehungsstatus geht immer mit.

Was aber sagt die Bezeichnung „in einer Beziehung“ überhaupt aus? Stehen wir doch mit jedem Menschen, mit dem wir zu tun haben, in Beziehung. Zueinander. Welcher Art auch immer. Nennen wir diese Art von Mann-Frau-Beziehung also eine „feste“... Und jetzt? Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass der Begriff sich eigentlich jeglicher Definition entzieht, ein Diskurs bleiben muss, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Und wen soll es auch wundern, wenn die erste Assoziation dazu ein „Wir eiern seit zwei Jahren in unserer Scheiße rum und vertrauen uns nicht und die Luft ist raus“ ist und erst mal in Abwehr mündet? „Beziehung“ ist ein solch schwerer und träger Begriff, für manche rotes Tuch, für Andere Erfüllung, denn: damit setze ich öffentlich meinen Stempel drauf; für wieder Andere das Damoklesschwert.

Ich bin für eine Entmystifizierung des Begriffs. Mehr Offenheit, weniger Angst. Bevor Ihr euch verstrickt in Beziehung-oder-nicht-Debatten, versucht Euch erst mal aufeinander zu beziehen. Lieber Hund oder Katze? Sommer oder Winter? Schwimmen oder Joggen? Bier oder Wein? Hip Hop oder Electro? Tanzen oder nicht? Schlafen links rechts oben unten? Von An-ziehung und Aus-ziehung gar nicht zu sprechen. Und schaut, ob die Freunde da auch mit-ziehen. Wenn sie nicht gerade zu sehr mit sich selbst und ihren Beziehungsproblemen beschäftigt sind und sowieso nichts Konstruktives von sich geben.

Denn, wie auch immer man das am Ende dann nennen möchte, auf ein Festnageln und Vorführen kommt es einfach nicht an. Oder ein Zerreden. Geht euch doch nicht selbst so auf den Nerv! Ein Genießen der Gegenwärtigkeit und Stresslosigkeit impliziert nicht gleich Unverbindlichkeit. Und keine Beziehung ist trotzdem auch immer eine. Und wie man sich bettet, so liegt man.

Außerdem: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals jemand mir seine/n Neue/n vorgestellt hätte mit den Worten „Das ist (...), wir führen eine Beziehung.“ Man sagt... „Das ist mein neuer Freund.“ Viel essentieller, viel schöner, denn Freundschaft: Das ist die Basis für alles. Kümmert Euch also erst mal um das Fundament, bevor Ihr Häuser baut. 

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Kommentare

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  • Satt, aber sexy

    Vergiss die Clubs der Hauptstadt, vergiss die Galerien – die wildeste Party Berlins findet ganz woanders statt: in den Straßen, auf den Tellern.

  • Auffällig unauffällig

    Spezielle Schminktechniken sollen Gesichtserkennungssoftwares überlisten. Doch wie unsichtbar macht dieses sichtbare Make-Up wirklich?

  • Wie siehst du das, Heinrich Holtgreve?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

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