zzebra 25.05.2010, 09:19 Uhr 0 0

Betty Eliza

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Die Nachbarin lugte vorbei, eine altersgerecht aufgequollene üppig robbenhafte Erscheinung, mit der diesbezüglichen Nonchalance und Attitüde frühgroßmütterlich gebremster Betriebsamkeit, und aus ihren Achselbeugen kringelte sich sexuelle Inkompetenz als olfaktorisch zahnlose Waffe, die flugs übertüncht wie übersehen sein wollte, pudrig, cremig, lustbetäubend, schwer. Zu allem Überfluss gekrönt von einem Charme abstrahlen wollenden Zahnzwischenraumgrinsen, eingefangen von rot gefärbtem Haar, dessen Ansätze silbergrau glänzten. Betty lacht dazu, es wären ihre Worte gewesen. Sie lacht in mir. Als stünde sie dabei, von einer Mauernische verborgen, einen Fingernagel hinter den oberen Schneidezähnen, breites Grinsen mit tänzelnden Schultern.

Die Wohnungstür. Ihre Schusseligkeit. Eine Armbanduhr statt des Schlüssels. Selbstverständlich grunzte ich mich räuspernd, eine längere Stummheit, nicht Verstimmtheit (oder vielleicht doch) abrechnend, zog mir die Shorts ungeschickt über die Halbbedecktheit, kleidete mich ungesehen minutenkurz treppenhausgerecht, erklärte dann beiläufig, dass Schlüsseldienste ihrem ach so leidenden Stand mit einer horrenden Rechnung dafür üblicherweise einen schmaldienstleistenden Bärendienst erwiesen. (Stummes Augenaufreißen.) Wohlwollend lächelnd gurrte ich das, der Wirkung bewusst, des nicht nennenswerten Sinns oder Erfolgs, der sich dahinter verbarg, ebenso, und der nur ein unwilliges Augenverdrehen in Richtung rosa prallwürstiges Altrobbchen war. Gut, dass sie gegangen ist, drängte es sich für einen Augenblick auf. Nein, auch dies wäre ertragenswert sein. Das gemeinsame Altern, Verzerren, Verleiden, die gemeinsame Übung in der Lüge, als Strafe, die gemeinsame Sehnsucht nach Ausbruch. Zahnlos. Nicht auszudenken: Betty mit dem Chic einer Matrone. Es sind nur Äußerlichkeiten, die uns beflecken, wenn wir urteilen, nichts weiter. Die Einsamkeit allein ist unbesiegbar, wenn sie als solche ohne Leiden so oberflächenseicht leidenschaftslos erduldet sein will. Synkopisches Ballett eines Denksports, das unausgedacht sein will, verletzende Downbeats des Ungewohnten, Unerträglichen, Unvorstellbaren.

Es mag im ersten Moment lächerlich erscheinen, mit halbnacktem Körper in der wärmenden Sonne zu liegen, doch spätestens wenn sich die erlangte rückwärtige Bräune in den Armen einer bebenden Frau vor einem in willig lustvolles Stöhnen verwandelt, wird sich der Sinn dieses oberflächlich gesehen so zeitverschwenderischen wie ungesunden Unterfangens genügend erschließen. Hinzugefügt sei: Als ob das Weltgeschehen nur auf den sinnlichen Teil sinnvollen Handelns Wert legte oder ausgelegt wäre. Als ob wir alle jederzeit Philosophen, Genies, Hochintellektuelle wären, nie etwas Törichtes, Seichtes, Sinnloses tun, wenn uns der Alltag zu Staub zerrieseln lässt. Armseliges Menschlein, in das man sich zuweilen kleidet. Man redet sich so manches ein und vieles noch schöner. Mehr davon hilft einen, den Tag zu besiegen. Eine Stunde. Einen Verlust. Betty hätte die Szene genossen. Liza hätte sie verurteilt. Zusammen waren sie das, was mich verlassen hatte: ein nicht abebben wollender Widerspruch, der verzweifeln ließ, aber nicht die Wärme einer Sommersonne erlangte, unter der man davon träumt, dass doch alles wieder ins Reine geraten könne, was nie im Reinen gewesen war. So sehr sich meine Gedanken auch Mühe gaben, derart zu empfinden, dieses unablässig nagende besserwisserische Privatkino, alles erklären und ergründen zu wollen, es würde niemals enden, und ebenso wenig aufhören, mich mit lauen Hoffnungsschimmern zu quälen. Einer uralten Medizin, der man sich hingibt, obwohl man von ihrer Wirkungslosigkeit auf gewisse Mechanismen überzeugt ist.

Zurück von der Pfadfindertat waren mir Sonne wie Traumschemata vergällt. Ein meditativ zubereiteter Espresso. (Hob die Laune um keinen Mikrometer.) Ein weiteres Kapitel im begonnen Buche. (Kein Zugang mehr zur eben noch als genial eingestuften Stilikonenlektüre.) Ein Becher Jogurt. (Schal, zu warm, vermutlich abgelaufen, ich machte mir die Mühe nicht, meine Vermutung müllseits zu bestätigen. Vergesse absichtlich den abschließenden optischen Part der Parenthese, weil das Vergessen oder Verdrängen oder nicht ergründen Wollen manchmal heilsamer sind als notgedrungene Erklärungsversuche, schönrednerische, selbstschmeichelnde Zeitbrückenkrücken. Drei Kreuze nach vorn, zwei überschlagene Finger im Rücken, ein Fluch im Bauch.

Betty, Elisa, B. nähme mich nun in den Arm, halste mich, presste ihre Jugend an mich, die nur Jugend gewesen, weil ich zu alt für sie war. Ein Aufblinzeln. Pupillenliane. Lustmagnetische Körpersprache, mich umgarnend, eine Zeit betrügend, als wäre sie nur dazu da, betrogen zu werden, in ein stumpfsinniges, sprachloses Grunzen zu ebben, immer dann, wenn einem nichts mehr einfiel, um dem schäbigen Rest einen tieferen Sinn zu verleihen. Schuldner waren wir dadurch alle. Dem Leben eine wenn nicht ausgleichende, so doch erklärende Antwort verpflichtet geblieben. Jetzt nicht, hörte ich mich sagen, wissend, dass ich nicht viel später in ihren Armen diese Anspannung mit wildem Gerangel und schwitzendem Leib vergessen haben würde. Betty, manchmal muss man erhobenen Hauptes leiden, um glücklich zu sein, Beth, lass mich deine Verführung betrachten, ihr sicher sein, heute Abend, morgen, irgendwann, nicht um selbst den Zeitpunkt bestimmen zu dürfen, sondern, weil ich es liebe, dich zu begehren, auf dich zu warten, sicher zu wissen, die Begierde in Liebe zu ertränken oder umgekehrt - was spielte das dann schon eine Rolle. Und was man hatte oder leicht haben kann, begehrt man nicht mit der selben Intensität wie das Verfügbare oder Verfügte. Betty, Motor meines Muts, Glut meiner Liebe, Leere meiner Sehnsucht, Fessel meiner Gedankenklarheit. Lass mich. Geh.

Elisa kann kochen, als wollte sie die Zutaten in einer Art Opferzeremonie in göttlichen Zustand versetzen. Ich sehe die Speisen in kleinen Portionen wohl dosiert zwischen ihren vollen spröden Lippen verschwinden, langsame, intensive Kaubewegungen an delikaten Häppchen, die von ein wenig hervorstehenden Backenknochenarbeit gedankenvoll zerkleinert, schließlich mit kaum wahrnehmbaren zappelndem Halsmuskelspiel hinabtransportiert werden. Weiter hinunter mag mein Mut nicht folgen. Nicht heute. Nachschub. Erneutes nachdenkliches Zerkleinern. Dazwischen ein Lächeln, als Garnitur, für mich. Darf ich ein Bissen auf deiner Zunge sein. Elisa. Sei jetzt Betty für mich. Jetzt. Hier. Sofort. Bringen wir unserer aufgestauten Lust ein nach dem Ausbruch genügsam erkaltendes Opfermahl. Jetzt nicht, erklärt Betty-Lizas Stimme, und ich weiß nicht, ob es Taktik ist oder Verletztheit, Spiel oder Rache, Wahrheit oder kontrolliertes Verlangen. Elisabeth eben. Auch so, nein, gerade deshalb, liebe ich.

Sie schmeckten wie immer, die siebeneinhalbminütigen Spagetti, mit Pesto oder Mojo Picón oder Parmesan oder nur mit Pfeffer, wenn ich mich dafür maßregeln wollte, P-Alliterationen schändlich banal aneinander gereiht zu haben, schmeckten, dass ich an mehr glaubte als das, was die Gegenwart mir vorsetzte, jetzt, da keine Betty mit ruhiger, gelassener Gemächlichkeit abspülte, meine Hände genießend ertrug, der kreisenden Fingerkuppe Blutzoll lächelnd hinnahm, das Messer im Spülbecken begutachtete, verklärten Blicks im Universum beziehungstechnischer Liebesspielerei ertrank, sich an mir reibend, nach mehr verlangend als nur nach partieller stoffgebannte Härte, wissenden Händen, Nackenatem, Betty nur, immer wieder Betty mit geschlossenen Augen ersoffen im Liebesbad meiner Handgriffe. Keine Betty und ein einsamer Teller im Spülbecken, eine Gabel darauf, beides beschmutzt, auf banalste Weise befleckt, mehr nicht. Kein Blut. Kein Schnitt. Kein: jetzt nicht.

Unter Alleebäumen säumt mein gemächlicher Schritt den gespenstischen Hall ihrer Stimme in meinem Kopf, den Umstand der eben schwer zu ertragenen Leere verdauen wollend, aber chancenlos weiter nachgebend. So brandet sie an mich, mit nichts als einem Kleid angetan, das im leichten Wind flattert und das mir bei jeder Beinberührung Schmerzenslaute hervorlocken will. Eben noch nackt bis auf eine Haarspange, sich dieses helle Blau überstreifend, mit Trockenblumen geträufelt und schmalem Saum geziert, ihre Nacktheit mehr betonend als verbergend, stolziert sie mich an der Hand führend, statt ich sie, durch weit ausladende sommerbegrünte schwere Äste, die ein umgekehrtes Dach über uns bilden, uns grün behaubend, und ich müsste lügen, würde ich bekennen, dass ich das nicht weit entfernte Ende der Allee nicht sehen konnte, so war ich voll von ihr an meiner wehenden Seite.

Schließlich die Bank. Die Rast vom Nichtstun eines Verdauungsspaziergangs. Spielende Kinder irgendwo, nur sichtbar durch wilde kreischende Zurufe, stromernde Hunde, weitere nachmittägliche Spaziergänger, weitere Parkbänke, weitere Sinneswahrnehmungen am Rande dessen, was wir waren, sie auf mir sitzend, ihren Unterleib meinem Schoß einen öffentlich schicklichen Besuch abstattend, der mehr war als jede zielgerichtete offensichtliche Berührung, nur der dünne Stoff des Kleides und mein Wissen um das Nichts, das sie darunter trug, mit dem sie kokettierte, weder gekonnt noch verspielt, sondern mit der Ernsthaftigkeit einer liebenden Frau, die den Genuss ihres Liebsten zu genießen verstand, mir zum Geschenk, ein hellblau flatternder Stoff voller Trockenblumen, mir alle Eingetrocknetheit austreibend.

Es ist alles da und doch nicht mehr. Es garniert meine Existenz und fühlt sich dennoch leblos an. Liza füllt die Weingläser, entzündet zwei Kerzen, sie stehen immer noch am gleichen Fleck, nur ihr Licht ist gebrochen. Sie reicht mir den Kelch und aus ihren Mundwinkeln rinnt ein Tropfen, den sie mir mit aufforderndem Augenaufschlag entgegen hält, meine Lippen erwartend. Huch, haucht Betty dazwischen, sieh nur, ich habe auch dort ein paar Tropfen vergossen. Lieb mich, haucht sie, wie hingegossen. Nach Zeit ringende Hände. In Liebeseile herabbrennende Kerzen. Sich mit der Vergangenheit paarende Imagination. Und alles als ob es kein Halten gäbe, als wollte man eine Projektion zur Rede stellen, mit Macht zwingen, sie an sich binden, um nicht der Wahrheit den traurigen Tribut des Scheiterns zollen zu müssen. Betty. Liza. Elisa.

Meine Lippen reichen in die Vergangenheit, aber nicht so kunstvoll, dass ich nicht den Betrug dabei merkte. Sie wölbt sich über mir. Ein Straffen, genießerisch, ich darunter, sie wie immer lassend, unterstützend, einmal nachgebend, dann Widerstand leistend, fordernd. Dann schweigend. Einrahmende Dunkelheit. Nein, Licht. Ganz viel Licht.

Zwei Stockwerke über mir wohnt eine rosarot bestoffte zufriedene Robbe mit der Ersparnis von Zeit, Geld, Nerven und Ehemann. Zwei Stockwerke unter mir schlummert Erde, die Betty trägt, wenn ich hinter die Alleen schlendere, an dieser Mauer vorbei mit dem schmiedeeisernen Tor, deren stachelbesäumte Garnierung mir zwischen Hoffnung und Alpträumen alles beschert, was die Verzweiflung zuweilen einfordert. Zwei Stockwerke in mir wohnt sie, Betty Elisa Liza Elsbeth. Im Souterrain meiner Sehnsucht. Sie ist mir Fundament wie wenig taugliches Glaubensbekenntnis. Lichter Hoffnungsstrahl wie Verderbnis. Schatten und wärmende Sonne, unter der ich manchmal liege, um meine Haut zu schmeicheln, wie Betty sie liebte: sonngebräunt mit Schatten aus helleren Tönen, die im Halbdunkel mit ihrem Verlangen verschwimmen.

Wir hatten nicht die Möglichkeit festzustellen, ob wir es länger miteinander aushalten könnten. Ich habe die Möglichkeit, alle Zweifler und Skeptiker zu widerlegen, indem ich sie mit mir trage, an meinem Leben teilnehmen lasse, Erde zu meinen Füßen. So oft einem Gedanken an sie gestattet wird, sich in den mich verzehrenden Alltag verirren zu dürfen. Jederzeit. Denn sie braucht keinen Platz. Sie hat ihn.

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