suffee 13.04.2007, 17:32 Uhr 3 0

Bestandsaufnahme einer Beziehung

„Hast du das Obst im Bioladen gekauft? Da sind so komische Aufkleber drauf.“ - „Ja, habe ich. Blöde Kuh. Kauf doch dein Zeug im Bioladen selbst.“

Genau so fängt ein Streit an. Zugegeben mit dummen Äußerungen auf beiden Seiten. Beziehungsaspekt statt Sachaspekt, wie Pädagogikstudierte wissen. Trotzdem will ich nicht, dass dieser Streit eskaliert. Also schweige ich, sage danach so ruhig ich kann, dass er mich nicht blöde Kuh nennen soll.

Dieser Streit eskaliert nicht. Es gab mal so einen. Wir haben uns furchtbar gestritten. Zunächst mit Worten. Dann hat er mich geschubst, ich bin hingeflogen. Ich bin wieder aufgestanden, er hat mich wieder geschubst. Am nächsten Tag tat es ihm furchtbar leid. Natürlich. Wie in schlechten Büchern, dachte ich damals. Wenn so etwas jemals wieder vorkommt, bin ich weg, habe ich damals gesagt. Das kann ich verstehen, sagte er. Es ist nicht wieder vorgekommen. Ich habe mich bemüht, ihm zu verzeihen. Aber ganz vergessen kann ich es nicht.

Eigentlich ist es auch nicht dieser Streit, der mich nachdenken lässt, mich zu trennen. Es ist so vieles. Ich könnte auf beide Seiten einer Waage alles mögliche werfen, die guten und die schlechten Seiten unserer Beziehung, und ich weiß nicht, zu welcher Seite die Waage ausschlagen würde. Was wiegt schwerer?

Gut. Ich fange mit der guten Seite an. Die linke Waagschale. Darin liegt: Wir sind seit 4 Jahren zusammen. Wir kennen uns. Wir haben schon einiges zusammen erlebt und durchgestanden. Wir wohnen zusammen. Es ist okay, mit ihm zusammenzuwohnen. Manchmal macht es sogar Spaß. Wir reden viel. Er liebt es, zu diskutieren. Sein Äußeres gefällt mir im Großen und Ganzen. Er nimmt mich oft mal einfach so in den Arm. Wenn ich reden will, hört er zu und sagt dann eine Menge dazu. Er hat sehr viel Wissen, da er sehr viel liest und sich für fast alles interessiert. Wir haben den gleichen Humor. In Ausstellungen ist er ein richtig guter Begleiter, der mich bisher für fast alles begeistern konnte.

Die rechte Waagschale: Wir wohnen eigentlich mehr nebeneinander her. Sicher liegt das auch an mir, ich brauche meine Freiheit. Unsere Zweizimmerwohnung hat ein Zimmer für ihn und ein Zimmer für mich (gleich groß). In meinem Zimmer steht auch eine Couch, der Fernseher, also es ist Platz für beide. Ich habe ein breites Bett (1,60 m) gehabt und es verkauft, weil es traurig ist darin doch nur allein zu schlafen. Mein Bett jetzt ist 1,40 m breit. Ich schlafe fast immer allein darin. Sein Zimmer ist nur auf ihn ausgerichtet. Für Besuch ist irgendwie kein Platz. Alles ist voll mit Büchern, CDs, Klamotten. Sein Bett ist 1 m breit. Das Zimmer riecht aufgrund der vielen Bücher eher muffig.
Er hat einen starken Drang dazu, zu reden. Sein Redeanteil liegt bei Gesprächen bei gefühlten 80 %. Er ist faul, während ich eher aktiv bin. Mit faul meine ich, er schreibt eine Dissertation und tut sehr wenig dafür. Er geht eher selten aus (wenn, dann zum Essen, in Ausstellungen). An manchen Tagen steht er quasi nicht auf und surft nur im Internet rum. Er besucht dort Pornoseiten. Er will eigentlich keine Kinder (ich schon).

Was wiegt schwerer? Ich weiß es nicht.

3 Antworten

Kommentare

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    Über vier Monate sind seit diesem Text vergangen. In dieser Zeit wurde die rechte Waagschale schwerer und schwerer, während die linke immer leerer wurde. Ich habe mich vor einem Monat getrennt.

    22.08.2007, 14:00 von suffee
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    ich glaube in so einem fall ist es wirklich besser, wenn man geht. es gibt doch so viele männer da draußen!
    da solltest du wirklich an dich denken. ums mit kästner zu sagen: "am schlimmsten ist die einsamkeit zu zweit!"

    04.08.2007, 07:25 von JulePeterson
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    hinschubsen?! mehrmals?!
    ich glaub das kann nix aufwiegen...

    ich mag den text. kann da sehr gut mitfühlen...

    13.04.2007, 18:10 von stephie3170
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