Besser keinen Alltag
Man kennt es ja. Nach circa einem guten halben Jahr "Verliebtheitsphase" trifft einen der Alltag, schleichend und doch mitten ins Gesicht.
Die Abende werden kürzer, der Schlaf länger. Ein unnrealistisches Abendprogramm oder die Vielfalt an "sinnvollen" Unterhaltungssendungen im Fernsehen liefern den einzig möglichen Grund zur Kommunikation. Unter dem Tag passiert natürlich nichts, mit den Kollegen hat man auch nicht wirklich geredet, Partys sind Mangelware und am Abend wartet der Partner ungefähr zur selben Zeit auf einen, um die Langeweile zu teilen. So lief das bei uns und mit dieser Zeit kamen auch die Probleme.
Ich fühlte mich nicht mehr gut genug, überlegte mir einen möglichen Grund für das Desinteresse meines Freundes und knallte ihm den Vorwurf ins Gesicht. Im Gegenzug kramte dieser aus allen Schubladen meine Macken. Geprägt von Verzweiflung, weil wir beide wohl nicht mehr wussten, was denn nun mit uns los war. Früher war alles so unbekümmert, spontan, leicht. Durch Beziehungspausen erhofften wir uns viel, waren aber umso frustrierter, als sich nichts änderte. Mit dem Gedanken "Das wird schon alles wieder" starteten wir in den Sommerurlaub. Und ab hier machte es "Klick", weil wir nicht einmal durch Sonne, Strand und Meer unsere Spontanität fanden.
Tage später war ich bereit für die Offensive. Der Gang zum Dessous-Geschäft. Der Reiz des kleinen Schwarzen war der Anfang. Ich begann wieder regelmäßig Sport zu treiben, sah meinen Freund nicht mehr so oft. Friseurbesuch, Shoppingtouren, mit den Freundinnen feiern gehen. Und dann kam der Geburtstag eines gemeinsamen Freundes.
Wir gingen nicht gemeinsam dorthin, sondern getrennt. Als er mich dann sah, setzte ich das Pokerface auf. Ich klammerte nicht mehr an ihm, küsste ihn nicht, sondern lies ihn einfach stehen sozusagen. Ich genoss die Verwirrung in seinem Gesicht und wie er mir nach sah. Ich wusste, dass ich heute bei ihm schlafen würde. An dem Abend fühlte ich mich seit Langem wieder wie eine begehrte, interessante Frau. Auch das beobachtete mein Freund. Später liefen wir zusammen nach Hause. Vor der Haustür, sah ich ihm tief in seine rehbraunen Augen, streichelte seine Wange und ging nach oben. Wieder das Erstaunen in seinem Gesicht. Schon lange hatte er mich nicht mehr so angesehen. In seinem Zimmer streifte ich mir dann, ganz selbstverständlich, meine Bluse vom BH, zog die Jeans aus und meine kleine Errungenschaft kam zum Vorschein. Natürlich bemerkte ich, dass er mich beobachtete. Ich musste grinsen und sah ihn an. Seine Mundwinkel gingen sichtbar nach oben und er flüsterte mir zu "Du spinnst doch". Von da an gab es kein Halten mehr, wir hatten uns lange nicht mehr so geliebt. Ich verlor mich in seinen Armen und wir waren uns so unfassbar nahe. Ich wollte ihn und er mich.
Lange Zeit lagen wir noch so da, wir sagten beide nichts, wir genossen uns. Und dann kam ein "Ich liebe dich". Von ihm. Noch nie taten mir diese 3 Wörter so gut wie in dieser Nacht. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, lachten, ärgerten uns gegenseitig. Und dann schliefen wir ein, Arm in Arm. Seine Beine, die meine Füße umschlossen, damit mir nicht kalt ist. Seine Hände, fest verankert in meinen.
Wie weit es sich zu kämpfen lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Einfach aufzugeben ist schwach.
Alles ist besser als Alltag.






Kommentare
Schön. Ob es ein paar Stofffetzen (der "f") sein müssen um die Spannung wieder herzustellen, sei dahingestellt.
Worauf es ankommt, ist das: bei aller Routine, aller Nähe, aller genauer Kenntnis des anderen doch ein Hin und Her von dicht beieinander und wieder weiter auseinander, ein ständiges Hin und Her, ein Haben und ein Begehren. Wer hat, begehrt nicht mehr.
Finde ich. Und das hast Du mit dem Bild der schwarzen Stofffetzen schön verbalisiert.
26.10.2012, 19:12 von schmonzVielen Dank!
29.10.2012, 16:44 von jolie.roeAll-tag. Schwebend, im All. Also Sex in Schwerelosigkeit?
Alltag ist sehr schön. Voller emotionaler Sicherheit.
16.10.2012, 15:58 von miss_melUnd Routine ist sehr angenehm.
Es geht ja auch ein bisschen darum, wie Alltag aussieht, und was Teil der Routine ist. Und da sind ja immer noch BEIDE Beziehungsbeteiligten dran beteiligt.
Nichts spricht gegen Alltag und Routine. Man muss nur zwischen einem Guten und einem Trostlosen unterscheiden ;-)
16.10.2012, 16:10 von jolie.roeDas ist paradox. Da unterschreibst du mit "Alles ist besser als Alltag" und plötzlich gibt es "guten" und "schlechten" Alltag. Stell dir mal vor ihr habt noch so zwanzig Jahre miteinander... Irgendwann ist auch das kleine schwarze Alltag. Vielleicht seid ihr´s einfach nicht. Vielleicht stehst du noch nicht auf Alltag. Vielleicht vielleicht vielleicht... ;)
16.10.2012, 17:13 von Inselregen"Alles ist besser als Alltag". Der Text spricht vom Hier und Jetzt, die Art von Alltag, die ich erlebt habe. Den Trostlosen. Nicht vom Guten. Mag sein, vielleicht hätte ich noch näher differenzieren sollen, aber das ist wie immer - Ansichtssache.
16.10.2012, 17:28 von jolie.roeIch werd's beim nächsten Mal berücksichtigen ;-)
16.10.2012, 17:30 von jolie.roeGanz ehrlich, selbst dein Nichtalltag klingt verdammt trostlos. Aber auch das ist subjektiv.
16.10.2012, 17:31 von InselregenMomentan würde mich brennend dein sogenannter "Nichtalltag" interessieren, so wie du hier urteilst. Muss ja überwältigend sein und nicht von dieser Welt. Jeder Lebensalltag ist anders. Stell doch mal ' selbst nen Artikel rein ;-)
16.10.2012, 18:03 von jolie.roeIch hab mir grad auch ein kleines Schwarzes gekauft :D mal gucken, was heute so läuft
16.10.2012, 15:37 von EliasRafaelIch brauch mal neue Stilettos...
16.10.2012, 18:20 von sailorBrauchen und Bekommen sind ja zwei Paar Schuhe
16.10.2012, 18:24 von EliasRafaelEvery day is like sunday...
16.10.2012, 18:31 von sailorHach...
16.10.2012, 20:59 von cosmokatzeIch dachte, du zeigst uns jetzt deine Stilettos...
16.10.2012, 22:50 von EliasRafaelNech...
17.10.2012, 08:04 von sailorHach....
17.10.2012, 09:43 von cosmokatzeAber HALLO!
17.10.2012, 10:19 von sailor