maritschka 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 25

Berühr mich mal wieder

Ich habe verlernt, die Sonne zu spüren.

Ich sitze auf dem Boden, in der Mitte meines Zimmers und blicke aus dem Fenster. Es ist kalt, der Boden hart und ich frage mich, ob sich die Sonne wohl gut anfühlen, mich aufwärmen und berühren könnte, würde ich rausgehen. 


Meine Finger gleiten übereinander, ich höre Musik und rieche den Kaffee aus der Küche. Meine Sinne fühlen sich geschärft an und doch fühle ich mich unendlich weit weg vom Hier, denn meine Gedanken kreisen, spinnen, wirbeln durcheinander. Zwischen dem, was ich denken soll und dem was ich fühlen will und allem, was wirklich in mir vorgeht, liegt ein großer See. Vom einen Ufer kann man kaum ans andere blicken, dazwischen tiefes Wasser, das unten eisig ist, an der Oberfläche fast angenehm warm. Jeder Mensch weiß, wie gefährlich diese Temperaturunterschiede sind, sie können das Leben kosten. Herzinfarkt.

Während ich hier sitze, mich zwischen den Ufern nicht entscheiden kann, wird mir heiß und kalt. Ich tauche in die Tiefen, wo es verdammt kalt ist und denke an Synapsen, Aktionspotential und an dich. Meine Synapsen brennen nämlich, seitdem ich dich kenne. Du bist dauerhaftes Aktionspotential, eine dauerhafte Depolarisation. Und wo wir schon bei Polen sind: Seit dem ersten Händedruck ziehst du mich magnetisch an, bist der Nordpol zu meinem Südpol. Gleichzeitig habe ich das Gefühl meine magnetische Kraft zu verlieren, will zum Nordpol verschmelzen und werde dabei weniger anziehend. 

Ich habe das Gefühl, ich kann die Sonne nicht mehr spüren, bin abgestumpft für äußere Einflüsse, nur noch reizbar durch dich. Du hast meine Synapsen eingenommen und bist weder gewillt, sie kampflos, noch in naher Zukunft in Ruhe zu lassen. Du raubst mir meine magnetische Kraft, stumpfst mich ab für die Außenwelt, dabei möchte ich gerade die endlich wieder erfahren. 

Ich würde dich gerne anschreien und dir sagen, dass du doch glücklich sein kannst, du hast dich doch entschieden. Du willst eine Andere. Du würdest lachen und sagen, dass es dir darum ja gar nicht gehe. Ich ruiniere dir dein Leben, deinen Traum, deine Firma, weil ich kündige. 

Es ist so lächerlich. Wir wären verdammt gut zusammen, wir brauchen uns sogar, aber jeder will den anderen für unterschiedliche Zwecke. Eigennutz. Du brichst mir das Herz, ich mache dich wütend, wir sind hilflos und reden aneinander vorbei. Ich zumindest an dir, denn während ich in deine Augen blicke könnte ich dir nie sagen, warum zurückkommen mich so wahnsinnig unglücklich machen würde. 

Ich stehe lieber auf, meine kalten Hände am kalten Boden, drücke mich hoch, meine Beine schmerzen. Ich stehe in der Mitte meines Zimmers, habe keine Lust den ersten Schritt zu gehen und dann gehe ich ihn doch. Gehe die Treppe runter, die Straße entlang, blinze in die Sonne und frage sie, ob sie mich nicht mal wieder berühren kann.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Einer der Besten Texte, hier!

    14.01.2016, 07:48 von ThekenTina
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 6

    "Und wo wir schon bei Polen sind: "

    da habe ich kurz gedacht, dass als nächstes käme: "du hast mein herz geklaut".

    13.10.2015, 09:26 von libido
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