Jakob_Schrenk 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Berechenbare Liebe

Ein Interview mit dem Soziologen Jan Skopek, der an der Universität Bamberg das digitale Paarungsverhalten untersucht.

Im Internet regieren Chaos und Zufall? Jeder trifft jeden? Von Wegen! Tatsächlich herrscht im WWW ein digitales Kastensystem: Gleich und Gleich gesellt sich gern, und die Doktorandin will nicht den Groß- und Einzelshandelkaufmann daten. Ein Interview mit dem Soziologen Jan Skopek, der an der Universität Bamberg das digitale Paarungsverhalten untersucht.


Suchen Sie selbst eine Partnerin über das Internet?
Nein. Ich habe eine Freundin. Und sogar wenn ich Single wäre, würde ich vermutlich traditionelle Partnerschaftsmärkte bevorzugen. Ich arbeite an der Universität, dort gibt es logischerweise sehr viele Frauen. Ich muss also gar nicht ins Internet ausweichen. Tatsächlich bin ich aber überrascht, wie viele meiner Freunde ihren Partner über das Internet kennen gelernt haben. Und wenn einer wieder Single wird, dann meldet er sich als Erstens auf einer oder sogar mehreren Partnerbörsen an.

Wie viele Menschen nutzen denn Online-Kontaktbörsen?
Konservativ geschätzt: Über fünf Millionen Menschen – mit steigender Tendenz. Es sind zu über 60 Prozent Männer und vor allem jüngere Menschen. Das Durchschnittsalter in Deutschland liegt bei etwa 48 Jahren, der durchschnittliche Internet-User ist etwa 39, der durchschnittliche Nutzer einer Partner-Onlinebörse ist 31 Jahre alt. Natürlich wirkt sich hier auch die digitale Spaltung aus: Niedriggebildete und alte Menschen sind unterrepräsentiert. Und generell lässt sich sagen, dass vor allem die Menschen im Internet nach Partnern suchen, deren Chancen in der analogen Welt restringiert sind.

Also nur die Hässlichen?
Da verstehen sie mich falsch. Ich spreche von Menschen, die im normalen Leben aus vielerlei Gründen weniger Chancen haben, potentielle Partner kennen zu lernen. Wenn Sie zum Beispiel als Mann in einem Entwicklungslabor von Siemens arbeiten, sehen sie den ganzen Tag lang nur andere Männer, der Arbeitsplatz als Partnermarkt fällt somit aus. Umso attraktiver ist dann das Internet.

Wer schon im analogen Leben viele Dating-Möglichkeiten hat, wird also nicht unbedingt das Internet nutzen?
Genau. Männer mit hohen Bildungsabschlüssen haben zum Beispiel ohnehin sehr gute Chancen, eine Partnerin zu finden. In einer ersten Untersuchung war deshalb einer unserer Thesen, dass diese Männer auf Partnerbörsen unterrepräsentiert sind. Diese These hat sich als richtig herausgestellt. Jeder fünfe Mann, der Partnerbörsen nutzt, hat das Abitur, bei den Frauen ist es dagegen jede Dritte.

Das hieße allerdings, dass sich Frauen mit hoher Bildung am Partnermarkt schwer tun.
Genau das ist auch der Fall. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass Frauen einen Partner auf Augenhöhe oder sogar einen statushöheren Partner suchen. Wenn man selbst schon einen hohen Status hat, nehmen wir mal als Beispiel eine promovierte Rechtsanwältin, kommen gar nicht mehr so viele Männer, die gleich oder höher qualifiziert sind in Frage. Das Männer-Sample wird zusätzlich verkleinert, weil es nach wie vor Männer gibt, die nach unten Kontakte schließen und etwa das Aussehen von Frauen über deren sozio-ökonomischen Status stellen.

Setzt sich diese soziale Selektion fort, wenn es dann tatsächlich ums digitale Flirten geht?
Definitiv. Wir haben den Erstkontakt analysiert, also wem eine bestimmte Person eine Nachricht schreibt. Dabei kann man gut sehen, dass sich vor allem Menschen mit gleichem Bildungsabschluss füreinander interessieren. Und der Bildungsabschluss ist ja nicht einfach nur ein Zeugnis, sondern auch ein gesellschaftliches Symbol, das angibt, wie viel Geld ein Mensch potentiell verdient, welche kulturellen Interessen er hat. Je höher der Bildungsabschluss eines Menschen ist, desto wahrscheinlicher ist auch, dass er in der gleichen Bildungsgruppe sucht. Und auch hier ist uns aufgefallen, dass Frauen selektiver sind als Männer. Es gibt nur wenig Abweichungen, und wenn, dann kontaktieren sie eher statushöhere Männer. Männer hingegen kontaktieren häufiger auch einmal statusmäßig nach unten.

Warum sind Frauen denn sozial selektiver?
Eine Erklärung wäre, dass hier ganz traditionelle Rollenmuster wirken: Der Mann als Ernährer.

Überraschen Sie diese Ergebnisse?
Nein, eigentlich nicht. Dass die Partnerwahl stark sozial determiniert ist, ist ausführlich wissenschaftlich dokumentiert. Wir wollten diese Thesen nun für das Internet überprüfen. Wir bekommen von den Partnerbörsen anonymisierte Daten zur Verfügung gestellt, und können so im Nachhinein rekonstruieren, welche Profile am meisten geklickt werden, wer wen kontaktiert und wie oft. Das ist für uns Soziologen eine fantastische Datenquelle, weil wir eben nicht nur zwanzig Personen untersuchen können, sondern Tausende. Ein weiterer Vorteil ist, dass dieses Design im Vergleich zur klassischen Befragung besonders anonym und nicht-reaktiv ist: Wenn Menschen wissen, dass sie von Wissenschaftlern beobachtet werden, verhalten sie sich oft anders als im „normalen“ Alltag. Diese Gefahr ist bei unserem Setting vernachlässigbar.

Eigentlich könnte das Internet ein Ort sein, wo sich unterschiedliche Menschen treffen und eben nicht die Leute, die sich ohnehin schon aus dem Uniseminar oder dem Opel-Laufband kennen.
Prinzipiell wäre natürlich das Internet ein solcher Ort. Aber warum sollten in der digitalen Welt andere Regeln gelten als in der analogen. Und tatsächlich herrschen im Internet nun einmal sehr gute Bedingungen für soziale Selektivität. Erstens präsentieren sich die Menschen ja mit ihren Berufen und Bildungstitel, was beim normalen Kneipengepräch zwischen Fremden ja nicht unbedingt der Fall ist. Man hat also sehr gute Informationen, auf deren Basis man dann auswählen kann. Zweitens ist die Auswahl sehr groß. Und das begünstigt natürlich Selektion. Wenn ich nur eine Frau zur Auswahl habe, nehme ich die oder ich bleibe alleine. Wenn ich zwischen hunderten oder tausenden Frauen auswählen kann, werde ich die nehmen, die am stärksten meinen Vorstellungen entspricht.

1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Also reduziert sich meine Rolle als Mann auf "How much do you make!"

    14.03.2009, 20:35 von crashtestdummie
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @MrsMacmillan Wird wohl in Zukunft öfter mal passieren, dass Frau die Familie zahlt, da viele Frauen ihre dauercomputerzockenden männlichen Altersgenossen beruflich abhängen werden.
      Immerhin habe ich meine xxxx Paar Schuhe und die Jackensammlung selber finanziert.

      18.03.2009, 08:36 von crashtestdummie
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