hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 20 90

Beim Betreten der Baustelle

Ein Hotelzimmer, irgendwo auf der Welt. Sie und Er.

Die Klimaanlage rauscht, als hätte man einen Schwarm Schmetterlinge darin eingesperrt. Schmetterlinge mit Metallflügeln. Die Luft ist trotzdem so warm, dass sie an den Wänden herunterzulaufen scheint, direkt ins Herz hinein, wo sie dicke Schlieren bildet mit der Hitze darin. Vielleicht brennen die Schmetterlinge, vielleicht fühlt es sich im Bauch genau so an, wenn man hier liegt.  Vielleicht ist aber auch einfach der Thermostat kaputt.

Draußen vor dem Fenster ist es dunkel. Sternenlos, das rote Licht der Stadt schluckt am Himmel alles, was sie überstrahlen will. Es ist ein großes Panoramafenster, mit zwei Lagen Gardinen, weiße und dunkle, und einer dicken Scheibe. Alles dafür gedacht, nichts hereinzulassen, wenn man für sich sein will. Der Nachteil dabei: Es kommt dann auch nichts raus, alles staut sich unter der Decke, hinter dem Fenster. Die Dunkelheit allerdings, die kommt überall durch. Durch Glas, durch Stein, durch Haut.

Gegenüber ist eine Baustelle. Sie renovieren ein altes Haus, machen es hübsch für die Touristen. Die Stadt soll schöner werden. An einigen Stellen sieht man, dass es schon sehr alt ist, da ist noch keine Farbe drauf. Wenn man Häuser baut, ist vor allem die Fassade wichtig für die, die darin einziehen wollen. Wenn dort ein paar Stücke fehlen oder Farbe abplatzt, zieht man lieber eine Straße weiter. Ein großer Kran dreht sich bedächtig mit dem warmen Nachtwind, ein wenig langsamer, als die Wolken darüber. Am Kran hängt ein Licht, das einzige, woran sich Augen um die Uhrzeit hier festhalten können.

Sie schläft. Wie immer nach links gedreht, auf der linken Seite des Bettes. Er ist wach, wie immer, liegt auf dem Rücken und starrt auf das dunkle Haus gegenüber mit dem leuchtenden Kran davor. Sie ist eingeschlafen, da waren die Gardinen noch zu, hat wohl der Zimmerservice so gemacht, damit die Gäste als ersten Eindruck nicht die Baustelle mitnehmen. Niemand mag Dinge, die unfertig sind, erst recht nicht, wenn sie Krach machen und Staub aufwirbeln. Er hat die Gardinen aufgezogen, nachdem sie eingeschlafen war, und dann die Baustelle gesehen. Seitdem ist das Zimmer selbst eine Baustelle.

Sie haben viel geredet in den letzten Tagen. Das erste Mal ganz offen. Sätze mit Punkten dahinter und Sätze mit schwarzen Löchern dahinter, in denen man verschwindet und nie wieder auftaucht, die selbst das Kranlicht schlucken. Schon seltsam, manchmal muss man erst um die halbe Welt reisen, um die Wahrheit zu finden. Als wäre sie manchmal nicht verfügbar, als hätte sie sich verzogen dahin wo es wärmer ist, weil auch die Wahrheit manchmal genug hat davon, dass man dauernd nach ihr sucht. Und dann versteckt sie sich in den alten Straßen dieser Stadt, unter den bunten Fliesen der Häuserfassaden, am Ufer des Flusses zwischen den Flutbrechern, und macht keinen Mucks.  

Ein Windstoß fängt sich in einer großen Plane, die gegenüber am Gerüst hängt. Die Plane klatscht ein paar Mal an die Fassade, und in seinen Gedanken schwingt sich ein großer Vogel mit riesigen Flügeln auf. Aber nur so lange, bis sich das Kranlicht daran vorbeidreht. Dann wird die Plane zu einem zerrissenen Vorhang aus Plastik, der versucht, die Risse zu verdecken, und die Löcher zu stopfen. Bis heute spät am Abend wurde noch gearbeitet gegenüber. Das Hämmern und das Klopfen und das Schlagen der Bohrmaschinen hatte immer wieder ihr Gespräch zerschnitten, zerschlagen, zerrissen. Jetzt lag alles ganz still da, unfertig, im Dunkeln. So wie er unfertig lag neben ihr, so wie sie beide unvollendet unter einem Laken lagen, ohne Dach, mit Rissen in der Fassade und schiefen Wänden.

Im Gespräch war irgendwann das Wort „Fundament“ gefallen. Auch so eine Sache. Wenn man neben einem unfertigen Haus die Liebe diskutiert, was an sich schon viel bedeutet, fallen plötzlich solche Wörter, fließen ein in das Gespräch, als hätten sie niemals woanders hingehört. Sie hatten keins. Das war das Problem. Wenn man gemeinsam einen Weg gehen will, dann braucht man was Festes unter den Füßen, das dem Druck stand hält, dem Stampfen, dem Scharren von oben. Man sollte zusammen darauf stehen können, wenigstens für ein paar Stunden, bevor man sich wieder in den Treibsand stürzt. Aber sie hatten keins. Sie hatten einfach keins. Und sie bekamen auch keins fertig. Sie steckten bis zum Hals im Sand, die Herzen schlugen wild um sich und doch blieben sie nach außen ganz still. Man soll nicht zappeln im Treibsand, sonst geht es noch schneller.

Es war eine schöne Reise gewesen. Eigentlich. Die Stadt in der sie waren, war aufregend, roch anders, man konnte überall billig Bier trinken, die Sonne stand hoch und jeder war auf der Straße, um etwas davon abzubekommen. Sie hatten große Pläne gehabt. Das erste Mal zusammen die Welt erkunden und es würde nun das letzte Mal bleiben. Er fragte sich, ob die Bezeichnungen „erstes“ und „letztes“ dann überhaupt noch stimmten. Oder ob man dafür nicht ein neues Wort erfinden musste. „Einziges“ war so ein hässliches Wort. Es klang so nach Scheitern, als ob man es hätte wissen müssen. Aber das muss man vielleicht gar nicht. Er blickte zu ihr hinüber, hörte sie ruhig atmen und dachte daran, wie sie sich das erste Mal gesehen hatten. Wenn man da schon gewusst hätte, dass eine Baustelle gegenüber ist, wenn man beschließt, dass man nichts mehr gemeinsam hat, wer weiß, ob das „erste“ Mal überhaupt stattgefunden hätte. Vielleicht wäre „bestes“ ganz passend. Denn Schönheit liegt auch im Scheitern. Und manchmal liegt die Schönheit auf der linken Seite des Bettes. Und manchmal ist es das Beste, was einem passieren kann.

Auf dem Hotelflur draußen kamen lachend Gäste auf ihr Zimmer. Absurd, dachte er. Wie nah wir uns alle sind, und wie wenig wir sehen von den anderen. So ähnlich war es ja auch bei ihr und ihm. Sie hatten so viel geredet, so viel versucht. Und nichts hatte funktioniert, da konnten sie noch so eng zusammen rücken. Dann liegt man irgendwann nachts am Äquator im Bett und alles was bleibt, ist ein Kran und das Lachen, das unter der Tür durchkommt. Das Mädchen neben ihm seufzte im Schlaf, der Kran drehte sich an ihnen vorbei wie ein Leuchtturm, dem das Licht ausgegangen war. Wieder so eine Parallele, es war nicht mehr zum Aushalten. Das hier war das Ende eines Weges. Aber es war gut, dass sie überhaupt losgegangen waren. Und sei es nur um im achten Stock die Wahrheit zu finden, irgendwo zwischen Minibar und Kranlicht.

Zum ersten Mal in dieser Nacht fühlte er so etwas wie Glück auf den nassen Kissen. So nett das Bild mit der Baustelle gegenüber auch war, das Leben bleibt doch immer unfertig. Und man zieht darin ein, wenn noch nicht mal eine einzige Wand steht. Und man reißt es nieder, baut wieder auf, streicht die Wände, öffnet Fenster, zerschlägt Fenster, spuckt in den Hof, jedes Mal wieder, zum tausendsten ersten Mal. In ihren Häusern hatten sie jetzt jeder ein schönes Zimmer. Und er legte den Vorschlaghammer in seinem Kopf zur Seite und schaute sich die bunten Wände an. Mit den Bildern, mit der dicken Salzschicht, mit den verklecksten Farben und den Stellen, an denen die Risse waren. Er stand auf und schloss die Vorhänge. So weit, dass nur noch ein kleiner Spalt blieb, durch den das Kranlicht herein kam.

Dann kroch er unter ihr Laken und nahm sie in den Arm. Sie schmiegte sich an ihn, als wäre niemals ein Wort gefallen, als gäbe es diese verdammte Baustelle da draußen nicht. Und dann schloss er sie beide ein, in einem Zimmer, das er genau so lassen würde. Für immer. 

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20 Antworten

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    Eine tröstende Geschichte :') 

    13.05.2015, 19:54 von Renunciation
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    Wunderbar!!
    So reich und vielfältig.
    Und das Ende gibt einem Hoffnung.
    Wunderschön.

    04.01.2014, 17:14 von Limonenkuss
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    Eigentlich mag ich so lange Text nicht und höre beim zweiten Absatz auf zu lesen.
    Aber bei diesem hier: alter Schwede, ich war total abgetaucht in die Baustellenwelt. Und habe erst am Ende des Artikels gemerkt wie lang er ist.
    Respekt.

    28.10.2013, 20:59 von Linda-Erfinder
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  • 1

    Treffer, versenkt! Großartig! Deine verwendeten Symbole, deine Art mit Worten umzugehen... ich liebe es, das Gefühl zu haben, etwas genau zu verstehen und nachspüren zu können. 

    Ich danke dir, denn du hast es geschafft, mir dieses Gefühl zu geben. Ich nehme deinen Text als Geschenk. Hoffentlich bleibt er noch lange hier stehen, damit noch mehr andere ihn auch lesen und du sie mit ihm beschenken kannst. 

    Schlimm: so ein großes Lob klingt oft gleich übertrieben, geschwollen oder gar ironisch. Oder liegt das nur an meiner Wahrnehmung? Manchmal denke ich, in dieser Gesellschaft wird einfach zu viel gemeckert, zu viel Negatives gesagt. Auch oder gerade deshalb lasse ich mich nicht davon abhalten, ein solches Lob auszusprechen, mag es klingen wie es will.

    Fazit: weiter so, dein Text ist gut.

    19.10.2013, 12:07 von kirschgruen
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  • 1

    einen traurigen moment mit guten bildern eingefangen. ich mag deinen text und auch die laenge - ich haette weiter gelesen!

    16.10.2013, 18:06 von Sternseherin
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  • 2

    Hat mich tief getroffen der Text....schön...kenne diese Art Situation, danke, dass du sie so schön in Worte gefasst hast.

    10.10.2013, 18:48 von KleineFreiheit
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  • 0

    Das Ende reißt's raus :)

    08.10.2013, 22:32 von schnutopard
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  • 0

    Arbeiten die auf deine Baustelle nachts? Text ist okay, mag ich ein wenig, aber viel zu lang lese normal nur smstexte, ende ist mega scheisse und verklärte disneyromantik!

    07.10.2013, 16:14 von Vandos
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  • 0

    der vorletzte Absatz is wirklich gut! 

    Klasse text aber wie schon hier erwähnt könnte er etwas kürzer sein

    06.10.2013, 18:05 von Spieldosenprinz
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    Ich steh ja auf so hib-Texte. Aber der hier ist mir zu überladen.

    06.10.2013, 02:35 von justanotherpicture
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