GoettinUndHeldin 24.01.2013, 18:45 Uhr 4 13

Beerdigung ist ein scheiß Wort

Für M. Numero 2

Deine Beerdigung. Beerdigung ist ein scheiß Wort, weißt du? Das ist das schlimme. 

Es war Februar. Kalt. Aber mehr Kälte in mir drinnen, als draußen.

Ich war wütend. Wütend auf dich, weil du mich verlassen hast. Einfach so. Ohne was zu sagen.

Verdammt noch mal. So war das.

Aber vor allem war ich wütend auf mich, weil ich wütend auf dich war. 

Ich begriff zum ersten Mal - und begriff für immer - was es bedeutet etwas nicht fassen zu können. 

Du hast immer gesagt, du würdest mir die Welt zu Füßen legen. Und in diesem Moment hattest du es getan.

Meine Welt lag am Boden. In einem Sarg.

Weil du meine Welt warst, weißt du? 

Du bist nicht tot. Das ist alles eine große, große Lüge.

Das habe ich gedacht.

Das war in meinem Kopf.

Sonst war da nichts. Nur Leere. 

Ich kann mich nicht erinnern, etwas gefühlt zu haben. Nur Wut. Eine komische Wut. Keine laute, keine aufbrausende Wut, eine, die sich still und leise in dir ausbreitet und alles ausfüllt.

 

Ich sollte etwas sagen, in der Kirche. Über dich.

Was du warst. Was du für mich warst.

Ich hätte etwas aufschreiben sollen. Aber ich konnte nicht.

Ich konnte einfach nicht. Weil das nicht du warst, da in dem Sarg. Das warst nicht du.

Das konnte nicht sein.

Es tut mir Leid. Dass ich nichts gesagt habe.

Ich bereue es. Aber ich konnte nicht.

Egal was ich gesagt hätte, es wäre nicht wahr gewesen.

Ich konnte überhaupt nicht reden. Nicht über dich. Mit niemandem.

Ich hätte es nicht über die Lippen gebracht, Sätze, die mit "Er war..." beginnen.

Also schwieg ich. Wir alle schwiegen. Cristiano, Geraldo, Moritz. Deine Jungs. Und ich. Meine Jungs.

Du hast auch geschwiegen, deshalb hat es sich richtig angefühlt. Du schweigst - wir schweigen.

Wir sind immer noch ein Team.

Das war unser Halt. 

 

Deine Mutter hat etwas gesagt. Ich konnte es nicht hören.

Alles Lügen, habe ich gedacht.

Ich war unfair.

Auch das tut mir Leid. Sehr sogar.

Ich sah nur dich und sah dabei nicht, dass ich nur mich sah.

In meiner Leere.

Ich hasste die Welt. Und die Menschen.

Schlimmer noch, alles war mir gleichgültig. Gleichgültigkeit ist schlimmer als Hass, sagt man. Ich glaube, das stimmt. 

 

Der Pfarrer hat geredet. Ich hasste ihn. Ich wollte schreien. Aber ich schwieg. Diese Kirche.

Welcher Gott, hm?

Das wollte ich fragen. Das wollte ich den ganzen betretenen Gesichtern zurufen. All denen, die sich von dir abgewandt hatten und nun da standen, und um dich weinten.

Aber ich schwieg. 

 

Ich habe funktioniert. Der Gang zu deinem Grab. Ich wollte nicht laufen, wollte mich auf den Boden legen und sterben. Ich dachte, dass das dass Beste wäre. Das war ein schlimmer Gedanke. Denke ich heute.

Auch das tut mir leid, dass ich das dachte. 

Geraldo neben mir hatte den Blick auf den Boden gerichtet. Später hat er mir erzählt, dass er sich nicht getraut hat, meine Hand zu nehmen. Ich war unnahbar. 

 

Deine Schulklasse hat gesungen. Wir standen in einem Kreis um dein offenes Grab. Ich weiß nicht mal mehr, was sie gesungen haben. Ich wollte weglaufen.

Heute weiß ich, dass es war, weil ich wusste, dass der Moment, in dem dein Sarg in der Erde verschwinden würde, das Ende war.

Die Realität.

Ich wollte das nicht sehen. Aber ich musste. Also schwieg ich, starrte auf die Münder deiner Klassenkameraden, wie sie sich beim Singen bewegten.

In meinem Kopf lief "1973" von James Blunt. Eines unserer Lieder.

"I would call you up every Saturday night, 

And we'd both stay out till the morning light, 

And we sang, Here we go again. " –

Es übertönte den Gesang deiner Schulklasse.

"Simona, I guess it's over.  My memory plays out to the same old song." –

Dann Stille. Irgendjemand hat irgendetwas gesagt, ich weiß nicht mehr, wer und was. Alles ist so verschwommen.

Bis zu dem Moment, als ich mit einer Rose vor deinem Grab stand.

Da war dieser Sarg.

Das warst nicht du.

Aber als ich die Rose hinunterwarf, starb mit dir auch ein Teil von mir. 

Ich stand sehr lange da, und schaute hinab zu der Rose, die fiel und liegenblieb.

Alles herum war weg, in meiner Erinnerung zumindest.

Da waren nur ich und die Rose. Und dein Sarg. Aber du, du warst nicht da.

 

Dann standen wir da. Und es war vorbei. Einfach vorbei. Alles. So fühlt sich der Tod an, für die, die bleiben.

 

Deine Mutter sah verloren aus. Und ich konnte nichts sagen, weil auch ich verloren war. Leute kamen, "Mein Beileid". "Du schaffst das." Händeschütteln. Umarmungen. Eine leichte Berührung an der Schulter. Das war's. Ich ließ es über mich ergehen. Es war alles egal.

Alles war verdammt nochmal egal.

Du warst weg. Und ich wusste nicht, wo du bist.

Da auf dem Friedhof, das Grab. Dort warst du nicht.

Bist für mich heute noch immer nicht dort.

 

Es kam mir alles so verlogen vor, so falsch. Ein Mensch stirbt, Beerdigung, Trauer - und das war alles? Der Lauf der Dinge? 

Wir, Geraldo, Cristiano und Moritz liefen den Weg zurück. Team.

Nur ohne dich.

Vor uns deine Schulklasse. "Die Welt dreht sich weiter", sagte einer. Für dich vielleicht, dachte ich.

Wir liefen schweigend. Bis Cristiano anfing, zu weinen. Wir blieben stehen, alle, irgendwie. Irgendwo.

Geraldo hat hilflos geschaut, Moritz in den grauen Himmel. Ich wollte meine Hand auf Cristianos Schulter legen. Er stieß mich weg.

In diesem Moment wurde mir klar, dass du nicht der einzige Mensch bist, den ich verloren habe.

Auch wir hatten uns verloren. Alle auf einen Schlag.

Kein Team mehr.

Ich hatte nicht die Kraft, Cristiano Kraft zu geben.

Wir alle hatten nicht die Kraft, uns Kraft zu geben.

Deshalb haben wir uns verloren.

Weil jeder von uns dich verloren hatte, aber jeder auf andere Art und Weise.

So standen wir da und wussten nicht,  wohin mit unserer Unfähigkeit, uns gegenseitig Stütze zu sein. Also gingen wir. Gemeinsam, aber jeder für sich. 

Unsere Wege trennten sich an dieser Stelle. Für immer, letztlich.  

Wir sind nicht mehr das, was wir waren. Schon lange nicht mehr. Die Lücke, die du hinterlassen hast, war zu groß, als das wir sie hätten füllen können. Vielleicht waren wir auch einfach zu jung, zu sehr mit uns selbst beschäftigt. 

 

Ich begriff an diesem Tag, dass jeder für sich alleine kämpft. Und trauert.

So bist du an diesem Tag mehr als einmal gestorben, für jeden Menschen, dem du etwas bedeutet hast, einmal.

 

Als ich Zuhause war, war die Leere wieder da. Und das nicht fassen können. 

Ich habe immer behauptet, ich wäre erst ein halbes Jahr nach deiner Beerdigung wieder an deinem Grab gewesen. Aber das stimmt nicht. Ich konnte es nur niemandem erzählen.

Ich war da. Am Tag danach.

Ich dachte, dass ich es vielleicht begreifen kann, wenn ich alleine bin.

Dass du tot bist. Dass du da liegst, unter der Erde.

Es war schrecklich.

Dieses schäbige Holzkreuz mit deinem Namen. Die Zahl der Jahre. Dein kurzes Leben.

Überall nur Gräber, überall nur Tote.

Und du warst immer noch nicht dort. Ich stand vor deinem Grab. Habe einen Zettel hingelegt, einen der vielen von uns. Auf dem ein Haus am Meer zu sehen war. Mit Bleistift gezeichnet. Das war alles, was ich dir zu sagen vermochte. Aber es fühlte sich schrecklich falsch an. 

Ich konnte immer noch nicht weinen. Ich hatte nur Angst. Plötzlich. Furchtbare Angst. Ich dachte, wenn ich dich hier nicht finde, wo denn dann? Verstehst du? Ich dachte, ich hätte dich verloren. Für immer. Dass es keinen Platz geben würde, zu dem ich gehen könnte, um bei dir zu sein. 

 

Die Leere in meinem Kopf hatte sich damit abgefunden, dass du weg bist. Aber ich - ich nicht. Ich war verzweifelt, wie ich da so vor dem Grab stand und dachte, dass mit deinem Tod vielleicht auch alles verschwunden war, das uns ausgemacht hatte.

Dass nichts bleiben würde. Nichts von Bestand.

Ich stand da und wusste, ich würde das nicht können, zu deinem Grab zu gehen und jedes Mal realisieren, dass es keinen Ort gibt.

 

Also bin ich gegangen.

Und habe beschlossen, einfach so zu tun, als wäre das alles nie gewesen, als wären wir nie gewesen.

 

Irgendwann habe ich dich in meinem Herzen gefunden, und verstanden, dass du in mir weiterlebst. Vielleicht. 

 

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    *schnief*

    wunderbar geschriebene Texte ..

    08.02.2013, 12:22 von angelissy
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Irgendwann habe ich dich in meinem
    Herzen gefunden, und verstanden, dass du in mir weiterlebst. Vielleicht.


    Ich wünsche es dir von Herzen! Aber das braucht Zeit.

    24.01.2013, 21:17 von Sultanine
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  • 0

    Bei "ich konnte immer noch nicht weinen.
    Ich hatte nur Angst. Plötzlich. Furchtbare Angst. Ich dachte, wenn ich dich hier
    nicht finde, wo denn dann? Verstehst du? Ich dachte, ich hätte dich verloren.
    Für immer. Dass es keinen Platz geben würde, zu dem ich gehen könnte, um bei
    dir zu sein." hatte ich Gänsehaut.

    24.01.2013, 21:05 von Reveller
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