BalkonMoment
Kann ein Moment wirklich ein Leben im Griff haben? Und wenn ja, deins oder meins?
Es regnet einen warmen Sommerregen und ich schaue den Blitzen am Himmel zu. Ich steh auf einem Wohnheimbalkon, in einer fremden Stadt und frage mich: „Heule ich vor Freude oder aus Verzweiflung?“
Ich war jetzt schon 5mal oder so auf der Toilette. Um mich abzuregen, nicht um zu pinkeln. Um wieder zu Trost zu gelangen, wie meine Oma sagen würde. Jedes Mal, wenn ich mein Gesicht in diesem Spiegel anschaue, erschrecke ich. Von außen seh ich noch normal aus. Aber in mir geht ordentlich was ab: "Was machst du da nur? Bist du total übergeschnappt? Das kannst du echt nicht bringen!" Betrunken bin ich nicht, nein, wirklich nicht. Zumindest nicht mehr, nachdem ich mich mit dir unterhalten habe. Vorausgesetzt man hält halbe Sätze, die in der Luft hängenbleiben um dort vor sich hin zu schweben wie Seifenblasen, für ein Gespräch.
Schätze ich hab‘ angefangen. Im Zug war mir schon klar, ich sollte lieber keinen Schluck trinken und nicht das schicke Top anziehen, dass ich mitgebracht habe. Vermutlich hätte ich nicht mal ausgiebig duschen und mich zurechtmachen sollen, als ginge es ums Überleben (nicht aufgedonnert, wie man bei uns sagen würde, sondern alles schön natürlich –hat ne‘ halbe Stunde gedauert um so auszusehen, als hätte ich keine Zeit verschwendet). Aber ich hab schon zuhause gewusst, dass du da sein wirst. Mein Unterbewusstsein hat mir die heiße Unterwäsche eingepackt und auch das gute Parfüm. Mist!
Jetzt sitze ich hier auf dem Klodeckel und sammle meine Gedanken. Gehen? Bleiben? Vergessen und einfach weiterleben? Warum gehöre ich auch zu dem Typ Frau, der nicht denkt sondern nur fühlt. Ich fang an zu flennen. Scheiße! Mein Leben ist am Arsch! Ok, vielleicht nicht ganz. Jetzt werd mal nicht theatralisch! Ich kann das ja noch retten, noch hab ich keine Scheiße gebaut. Wenn ich jetzt einfach gehe, dann kann ich ja morgen behaupten: „Du, t’schuldigung, ich hab‘ gestern bissle viel getrunken. Das is‘ mir da so rausgerutscht, du ich bin wirklich total froh, dass ich dich getroffen habe, aber lass es und doch einfach vergessen, ja?“
„Du hast mir gar nicht gesagt, dass du eine Freundin hast…“ –„Du hast auch nicht gesagt, dass du vergeben bist...“ Peinliches Schweigen, tiefe Blicke. Oh Gott. „Wir wissen beide, dass wir nicht mehr hier wären, wenn wir nicht vergeben wären.“ Dann: „Als du vor 4 Wochen in unsere Wohnung gekommen bist…ich hab dich nicht vergessen…ich weiß, ich hab dir nur die Hand gegeben, als ich dich wiedergesehen habe…ich fand das danach auch total dämlich von mir…“ „Man, was machen wir hier! Du hast doch sie. Ich hab doch ihn. Das ist so surreal…wann passiert es einem schon mal, dass man jemanden trifft, der in so einer Situation genau dasselbe fühlt.“
Tada! Mein Herz tanzt und der Rest von mir dreht hohl. Irgendwie musste nicht mehr gesagt werden, als diese paar Sätze. Ab hier war klar, dass einer von uns beiden lieber gehen sollte.
Ich fühl‘ die Schmetterlinge. Darum sitze ich ja auch lieber hier auf dem Klodeckel, als nochmal in dein Gesicht zu sehen. Ich will dich küssen, dich riechen, ich will dich mehr als alles andere. Ich analysiere mich mit dem bisschen Restalkohol im Blut und bin geschockt, dass ich feststellen muss, was mir da so gefehlt hat, in letzter Zeit. Natürlich du… Ich fühle mich wie bei einer Mathe Arbeit, bei der ich keine Frage beantworten kann, weil mich der Blackout fest im Griff hat. Dann gebe ich die Arbeit ab und dann, genau dann erscheint mir die Lösung, die nicht auf dem Papier steht ganz logisch und greifbar vor Augen. Zu spät, schon abgegeben.
„Ich hab mir ne‘ Wohnung mit ihr angeschaut.“ - „Er will mich heiraten.“
Ich sitze hier und weine. Vielleicht sollte ich mal lieber Eine rauchen gehen, dass macht ja wenigstens nicht willenlos und betrunken. Ich schau mich ein letztes Mal für diesen Abend im Spiegel an und wische die Spuren der Tränen aus den Augenwinkeln. Dann gehe ich über den Flur, rüber zum Balkon. Es ist allen zu kalt und ich werde alleine sein. Alleine im Regen stehen und den Blitzen zusehen. Da lehne ich mich alleine ans kalte Geländer, die Höhenangst gibt mir noch den letzten Kick.
Die Balkontür öffnet sich, schnappt wieder zu. Ich muss mich nicht umdrehen, um in deine Augen zu sehen. Ich kann einfach nur hier stehen und deinen Blick für immer auf meinem Herzen fühlen.
auch heute noch.




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