miauzi 27.07.2012, 20:39 Uhr 2 3

Bahnhofshaus

Man trifft manchmal Menschen die man nie vergessen wird! (eine wahre Geschichte)

Ich laufe zum Bahnhof. Keine Ahnung wann der Zug kommt. Um Punkt oder viertel nach? 

Es fängt an zu regnen. Der Regen wird immer stärker. Ich bin klatschnass und stelle mich unter einer Einfahrt unter, warte eine Zeit lang. Der Regen hört nicht auf. Ich entschließe mich weiter zum Bahnhof zu laufen.
Setze mich in das vergammelte Bahnhofshäusschen. Ist ziemlich kühl dadrinn. Na toll meine Kleidung tropft. Ich kann sie sogar ausfringen. 
Da sitzt diese Frau, auf der Bank im Bahnhofshäusschen. Wir unterhalten uns ein bisschen über das Wetter, die schlechte Zugverbindung an Sonntagen, darüber, dass es sich wenn ein Zug vorbeifährt anfühlt wie ein Erdbeben in dem unstabilen Bahnhofshaus.
sie steckt sich eine Zigarette an. Ich überlege das auch zu tun, komme mir aber ziemlich dumm vor, die Frau ist um die vierzig schätze ich, ich bin fünfzehn. Naja ich lasse es.
Plötzlich fängt sie  an zu erzählen, sie sagt, dass sie früher mit ihrem Partner mit dem Auto gefahren sei und sich nicht an irgendwelche Zugverbindungen halten musste. Sie sagt, dass ihr Partner vor vier Wochen gestorben ist, an einem Herzinfakt. Sie sagt, er starb am 7. April 2012 um 8:15 Uhr in ihren Armen. Sie hatten noch so viel vor, wollten zusammenziehen, heiraten, glücklich sein, in Urlaub fahren.
Ich weiß nicht was ich sagen soll. Fühle mich mal wieder wie ein unerfahrenes kleines Kind. 
Sie sagt ihr Vater ist vier Monate davor gestorben. Sie hat den Tod ihres Vaters gerade einigermaßen verdaut, als ihr Freund starb. Ihr laufen die Tränen. Wir sagen uns gegenseitig wie unfair das Leben ist. Die einen wollen sterben, sterben aber einfach nicht und die anderen haben Pläne, wollen Leben und sterben. Die Frau erzählt von ihrer Tochter. Sie ist in meinem Alter sagt sie. Sie versucht sie immer aufzuheitern, aber das ist etwas anderes als einen Mann der stützt, behütet und über alles liebt.
Wir schluchzen beide, versuchen das weinen zu unterdrücken aber die Tränen hören nicht auf zu laufen. Der Zug kommt. Wir steigen ein und setzten uns nebeneinander. Sie fragt was ich noch so vor habe ich sage, dass ich mich mit einem guten Freund treffe, versuche aber als ich sie anschaue das Thema zu wechseln. Uns beiden laufen immernoch die Tränen, sie rinnen herunter als würde gerade ein Gletscher schmelzen. Ich glaube nicht, dass mir jemals jemand so ehrlich seine Geschichte erzählt hat.
Wir halten uns an der Hand, sehen uns an mit unseren verheulten Augen, so wie ich trägt sie kaum Schminke außer einen blauen Lidstrich, sie hat blonde Locken, porige Haut. Sie sieht einerseits aus wie jeder andere, aber andererseits sieht man ihr das Leben an. Man sieht ihr an, dass sie schon viel erlebt und durchgemacht hat. Sie hat Augenringe. Schläft man noch gut wenn man jemanden vermisst?
Sie erzählt, dass sie einen Platz auf dem Campingplatz hat aber eigentlich mit ihrer Tochter eine Wohnung hat. Ihr Exmann schlug sie. In den 80ern fing alles an mit ihrem verstorbenen Partner doch sie kam erst am 7. November 2003 mit ihm zusammen. Sie hatte Angst vor ihrem Exmann, schließlich war er ihr Nachbar auf dem Campingplatz. 
Sie sagt sie hat viele Freunde, ist ein offener, herzlicher Mensch doch jetzt fühlt sich das alles falsch an. Glück ist eben Glückssache, sagt sie.
Der Zug hält. Mainz Hauptbahnhof. Wir tauschen die Nummern, immernoch völlig aufgelöst. Es wird sich jedoch niemals wieder jemand bei dem anderen melden. 

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2 Antworten

Kommentare

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    Lebensbegegnungen. Schön, dass Du davon erzählt hast, auch wenn es traurig ist.

    29.07.2012, 03:10 von Mrs.McH
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    Es gibt immer wieder Begegnungen mit Menschen, die einen sehr berühren. Meist trifft man diese "Fremden" nie wieder, aber die kurze Zeit, die man mit ihnen verbracht hat, läßt einen nicht los. Ich habe so eine Geschichte auch schon erlebt...

    28.07.2012, 19:35 von Ajirad
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