Aiden_Corey 29.03.2012, 20:21 Uhr 8 27

August

Immer wieder suche ich ihre Nähe. Setze mich neben sie. Doch sie hat fast nie Zeit für mich. Nur flüchtige Worte, die wir wechseln.

Lange habe ich auf diesen Moment gewartet.
Tage, Wochen, Monate der Sehnsucht.
Doch nun sollte ich sie endlich wieder sehen.
Natürlich war es kein Date. Aber das war mir egal. So lang ich ihr in ihre schönen Augen sehen konnte.

Ich machte mich mich auf den Weg in diese große Stadt, die viele hassen und viele lieben.
Um Freunde, Bekannte und flüchtig Gelesende zu treffen.
Ein großes Ereignis.
Aber ich kenn das ja schon aus der Vergangenheit. Man trifft sich, redet, betrinkt sich, hat Spaß.

Große Freude.
Einige der hier Anwesenden trifft man höchstens ein oder zwei Mal im Jahr.
Schade.

Dann seh ich sie.
Mein Herz macht einen Sprung.
Ich werde nervös.
Wie wird sie reagieren?
Sie lächelt mich an. Ich lächle zurück. Wir umarmen uns.
Die Zeit bleibt einen Augenblick lang stehen.
Ich spüre ihre Wärme.
Es ist schön.
Einen Moment lang bin ich glücklich.

Der Abend verläuft so, wie ich das kenne.
Man redet viel. Man trinkt. Man lacht.

Immer wieder suche ich ihre Nähe.
Setze mich neben sie.
Doch sie hat fast nie Zeit für mich.
Nur flüchtige Worte, die wir wechseln.

Ich trinke viel Bier.
Aus Frust, aus Freude, weil ich es mag.
Ich warte eine günstige Gelegenheit ab.

Dann steht sie scheinbar allein da.
Ich habe mir genug Mut angetrunken, um zu ihr zu gehen.
Ich nehme sie an die Hand.
Ihren fragenden Blick beantworte ich mit einem kleinen Lächeln.

Ihre Hand haltend, führe ich sie, trotz des Alkohols immer noch nervös, nach draußen.
Wir entfliehen den Massen. In eine ruhige, etwas dunkle, schmutzige Ecke.

»Was hast Du vor?« fragt sie.
Ich gebe ihr, mit meinem Zeigefinger auf ihren Lippen zu verstehen, dass sie nicht fragen soll.
Wir halten uns an den Händen.
Noch immer schaut sie mich fragend an. Doch ich schaue nervös umher.

Doch dann nehme ich all meinen Mut zusammen.
Ich lasse ihre Hände los, drücke sie, mit einer Hand an ihrem Rücken, zu mir hin.
Die andere Hand an ihrem Gesicht.
Ich schließe meine Augen.
Unsere Lippen berühren sich.

Diesen Moment habe ich so lang herbei gesehnt.
Ein kleines Feuerwerk zündet in meinem Kopf.
Sternschnuppen regnen auf uns nieder.
Alles um uns herum scheint still zu stehen.
Dieser Kuss scheint endlos.

Doch dann legt sie ihre Hände um meine Schulter und gibt sich mir hin.
Ich kann das Lächeln während des Küssens kaum unterdrücken.
Sie merkt das und flüstert, als unsere Lippen sich noch immer nicht gelöst haben, leise »Hey!«.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort draußen gestanden haben.
Aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Eine Unendlichkeit voller Küsse.
Wunderbar warme und weiche Lippen.
Hallo Wolke 7!

Irgendwann gehen wir wieder rein.
Unter Menschen.
Den ganzen restlichen Abend suchen sich unsere Blicke.
Und wenn sie sich treffen, dann lächeln wir.

So fühlt sich wohl das gefundene Glück an.

Der Abend wird später, der Morgen früher.
Die Zeit rennt.
Ein Jammer, dass wir diesen Abend nicht besser genutzt haben.
Denn die Zeit des Abschieds naht.
Ich kann ihn fühlen. Und Unbehagen überkommt mich.

Da steht sie nun. Vor mir. Zum Gehen bereit.
Sie nimmt mich in den Arm.
Wieder spüre ich diese Wärme.
Wir halten uns eine kleine Ewigkeit.
»Es war wunderschön!« flüstert sie mir ins Ohr.
Sie küsst mich auf die Wange.
Ich lächle.
Doch kann ich mir kleine Tränen des Abschieds nicht verkneifen.
»Ich weiß.« flüstere ich zurück.
Dann lasse ich von ihr ab. Sie schaut mich mit ihren schönen Augen fragend an.
Doch ich winke mit meinem Blick ab und verlasse den Raum fluchtartig.

Ich hasse solche Abschiede.

Draußen zünde ich mir eine Zigarette an.
Einige Leute stehen draußen. Sie lachen laut, trinken, rauchen.

Sie ist noch immer drin und verabschiedet sich.

Als sie auch nach draußen kommt, um zu gehen, treffen sich unsere Blicke noch ein letztes Mal.
Ich schaue traurig.
Sie sieht das, lächelt mir aufmunternd zu.
Dann dreht sie sich um und geht mit ihren Freunden davon.

Rauchend stehe ich da und schaue ihr nach, bis sie nicht mehr zu sehen ist.
Ich lächle kurz in die Nacht und gehe wieder hinein.

»Hey, man! Wo warst Du? Komm, wir gehen noch tanzen!«

Ich lache.

Es ist Sommer.

Es ist August.



[Artikel ebenfalls auf meinem Blog]

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8 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Schön...

    26.06.2014, 10:24 von MeinHerz
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    weckt erinnerungen.

    04.10.2013, 15:33 von mella.noir
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  • 1

    Einfach wunderschön.

    27.09.2013, 21:22 von justcallmecoco
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  • 1

    schöner Kuss. 

    20.06.2013, 01:21 von kaffeegoettin
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  • 1

    wunderbar!

    11.06.2013, 20:37 von Liz--
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  • 1

    Mensch, schade, die Dame, es sollten mehr Menschen den Moment komplett nutzen oder er ist nur so unerfüllt so unglaublich schön ;)

    18.05.2013, 01:13 von yveh
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  • 1

    das leben ist knallhart ... knallhart schön :) ich freu mich drauf... :)

    19.03.2013, 05:21 von LeleSchroeder
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  • Links der Woche #21

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