smn_ 28.01.2013, 22:21 Uhr 35 66

Augenblick

Wie eine Melodie sitzt sie dort und flüstert leise in mein Ohr.

Von den 128 Stufen, nehme ich nur jede Zweite. Endlich daheim, endlich die vertraute und vermisste Tür. Ein letzter Atemzug zum Beruhigen. Beinahe ein Monat ist es her, als ich aufbrach. Genaugenommen 3 Wochen, 6 Tage, 21 Stunden, 34 Minuten und ein Bruchteil an Sekunden.

Ich schließe die Augen.

... ihr Gesicht vor dem geistigen Auge. Ihre grüne Iris, umrandet von einem goldenen Schimmer - wie ein Smaragd, von hinten beleuchtet. Mandelförmige Augen. Leicht verdunkelte Ränder darunter. Schmale Lippen, mit denen sie hervorragend küsst. Ein minimaler Ansatz eines Damenbartes über der Oberlippe. Kaum zu erkennen, ohne sie Jahre lang gemustert zu haben. Eine spitz-zulaufende Nase, auf der sich oft ein schulterlanges, braunes Haar, leicht wellig, verirrt und sie kitzelt. Hohe Wangenknochen prägen die Konturen ihres Gesichtes.

Ich klingel. Einen Tag früher als angekündigt.
Sie läuft zur Tür. Ich höre ihre kurzen Schritte. Ein kleiner Spalt öffnet sich. Sie schielt knapp zwischen Tür und Türrahmen, mit dem Kopf fast auf der Schulter liegend, hervor. Ihre Augen treffen Meine. Mehr verwundert, als vor Freude ausrastend, schaut sie meine Wenigkeit an und braucht einen Moment zum Realisieren. Ich lächel ihr entgegen.
Die Tür schlägt mit einem lauten Knall auf. Mir um den Hals springend, umschlingt sie mich fest mit ihren Armen und Beinen und wirft uns dabei fast zu Boden. Wir küssen, umarmen und küssen uns wiedermals. Meine Hand fest umklammert, zerrt sie mich in die Wohnung. 

Meckernd darüber, warum ich ihr nicht Bescheid gegeben hätte, dass ich einen Tag früher komme, macht sie mir einen Kaffee; schwarz, sie weiß wie ich ihn mag. Sie setzt sich mir gegenüber, an unseren alten Küchentisch, und verlangt noch einmal alles zu hören, was ich ihr täglich, in den 27 Tagen, am Telefon erzählte: Die ewig langen Zug-, Fähr- und trampenden Autofahrten. Wie ich eine alte Dame in Finnland kennen lernte, die mich für eine Nacht bei sich aufnahm. Wie ich in Spanien, betrunken, beinahe in einer Ausnüchterungszelle gelandet bin. Wie ich es satt hatte auf unbequemen Matratzen zu schlafen. Wie ich sie mehr vermisst habe, als das ich die Reise wirklich hätte genießen können. (...)
Während ich erzähle, greift sie immer wieder nach meiner Hand. Mit dem Daumen streiche ich sanft über Ihre. Ich unterbreche meine Erzählstunde, um ihr das Wort zu überlassen. Um den Klang ihrer Stimme folgen zu können. Um die Worte von ihren zarten Lippen zu lesen. Wie eine Melodie sitzt sie dort und flüstert leise in mein Ohr. Als wir uns einen kurzen Moment nichts zu erzählen haben, nutze ich die Chance und erkläre, dass ich glücklich sei. Glücklich daheim zu sein, glücklich bei ihr zu sein - glücklich mit ihr zu sein.
      Sie kocht mir etwas zu Abend und schenkt mir Wein ein. Heute dürfte ich es mir gut gehen lassen, meint sie. Wir reden noch lange, bis tief in die Nacht - bevor uns die Müdigkeit packt. 
Die Spuren zum Bett sind von Kleidungsstücken übersät...

Ich öffne die Augen.

- stecke den Schlüssel in das Schloss und öffne die Tür. 
Kein Licht. Kein Ton. Kein Du.

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35 Antworten

Kommentare

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  • 0

    wunderschön geschrieben und unglaublich traurig. hat mich sehr berührt.

    27.02.2014, 21:59 von strichpunkt.
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  • 0

    schön.

    17.07.2013, 01:27 von schnitzelchen
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    sehr schön geschrieben! vorallem sehr bildhaft, habe vor meinem gesitigen auge deine geschichte gesehen. wirklich sehr schön ! :)

    23.05.2013, 15:04 von Rehntiere
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  • 0

    So gut nachvollziehbar. Wahnsinn..

    15.02.2013, 01:55 von nirgendsueberall
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  • 0

    Erinnert mich ein klein wenig an meinen eigenen Text "Du". Aber nur ein klein wenig (:
    Mir gefällt deiner auf jeden Fall, auf seine ganz eigene Weise!

    10.02.2013, 12:44 von VulpesSilva
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  • 0

    Ich bin beeindruckt und berührt.

    02.02.2013, 19:18 von music_and_coffee
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  • 2

    warumgibtes nie ein happy end? warum? so unfair kann doch das leben gar nicht mit uns spielen..

    01.02.2013, 23:09 von ilanz
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  • 1

    och, nö. ich mag dieses bemüht wirkende sätzeaneinandergereihe nicht. das zum sprachlichen.

    ansonsten: tut halt meistens weh, sowas. jaja. das leben.

    31.01.2013, 13:58 von YOLK
    • 1

      Sprachlich bin ich auch eine Niete.

      31.01.2013, 15:52 von smn_
    • 1

      naja. das ist ja schonmal was. zumindest biste keiner von denen, die dann mordsaggressiv werden, wenn man sie nicht für den nächsten nobelpreisträger hält.

      31.01.2013, 15:56 von YOLK
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  • 1

    wunderbar..

    31.01.2013, 13:20 von CurlyKatha
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  • 1

    Stopped reading at Damenbart, aus purer Angst vor weiteren bizarren Perversionen.

    30.01.2013, 23:31 von treefiddy
    • 0

      Ich musste stark schmunzeln.

      30.01.2013, 23:35 von smn_
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