Freulein_Locke 23.10.2012, 13:01 Uhr 1 4

Aufgewacht

Es sind die Begenungen der Nacht, die zu Tagträumen führen. Zauberhaft. Es sind die Begegnungen der Nacht, die im Morgengrauen zerplatzen.

Pst, ganz still, kein Wort. Sag nichts, nur nimm mich unter deine weiten Flügel, beschützend, behütend vor der Dunkelheit. Biete mir Unterschlupf, ein letztes Mal, bevor ich dir auch deine letzten Federn entreiße, deine Seele stehle, um sie an den meistbietenden zu verkaufen.

Zeitsprung, zurück an den Anfang. Erinnerst Du dich? Eine dieser Nächte. Spürst du es noch? Das Kribbeln? Diese Leichtigkeit, wenn wir uns sehen, voreinander stehen, wie Schulkinder, wortlos und ohne einen Plan von nichts.

Du streckst deine weiten Arme aus, ziehst mich zu dir, tust alles damit ich mich geborgen fühle. Alles damit ich nicht weiter fliege. Doch die Zeit rennt und ich tue es ihr gleich.

Ich denke zurück an das erste Mal, als ich an dir hängen blieb und sehe noch immer den Ausdruck deiner gewitterblauen Augen vor mir. Gewitterblau, irgendwie eine seltsame Beschreibung, doch so kamen sie mir vor, so schön, so traurig, erfüllt von tausend Fragen, an mich, an die Welt, zu jeder einzelnen ich keine Antwort wusste und noch immer nicht weiß.

Noch kennen wir uns nicht. Wissen nichts von den Fehlern des anderen, den Narben vergangener Stunden, erkennen nur die gutmütigen Masken des nächtlichen Alltags. Es gibt nur das Kribbeln in der Magengegend, die tollwütigen Schmetterlinge auf Freigang, versteckte, verzückte Blicke, ein schüchternes Lächeln, manchmal nur ein kurzes Zucken in den Mundwickeln.

Es ist so seltsam irritierend, wie du mir meine Worte nimmst. Kitsch, Klischees und nichtssagende Metaphern sind die einzigen Ergüsse meiner verklärten Gehirnbahnen. Zeilen, die einem schlecht geschriebenen Skript eines C-Movies nahe kommen und trotzdem nicht im Geringsten die Essenz des Gefühlten auffangen können.

Es sind diese Begegnungen der Nacht, die zu Tagträumen führen. Endlos und zauberhaft.

Es sind diese Begegnungen der Nacht, die in einem Nichts resultieren, zerplatzen, sobald personalisierte Grenzen mutig übersprungen werden, bereit alles zu geben, um noch mehr zu verlieren.

Wir lernen uns kennen, ich zähle deine Sommersprossen, immer wieder, 87 um genau zu sein. Ich weiß, dass Du kein Frühstück isst, Couscous dafür umso lieber. Ich erkenne deine Lügen in einer Nanosekunde, deine nervösen Ticks, das Knacken mit deinen Fingern, wenn du so sauer bist, dass du mich am liebsten laut anschreien möchtest, es dann doch nicht tust. Und ich liebe dich, mit jeder Sommersprosse, mit jedem Knacken, mit jedem Tag mehr.

Doch wie weit geht mehr? Bis zu einer neuen Nacht, die in einem neuen Tagtraum resultiert. Einer der den alten ersetzt, noch ehe er zu Ende geträumt wurde.

Zeitsprung Ende.

Hättest Du fester gehalten, vielleicht wäre ich geblieben. Hättest Du gekämpft, für etwas, dass nie zu gewinnen war. Unfair, ich weiß, wieder einmal. Denn du hast es versucht, nichts unversucht gelassen, meine Tränen aufgefangen, mein Lächeln gezündet und trotzdem verloren.

Ich kann deine Wärme spüren, sie strömt mir entgegen, pulsierend, energiegeladen, und ich fühle mich sicher, geborgen, angekommen. Ein Schritt und ich stehe ganz nah bei Dir. Ich nehme deine Arme und lege Sie um mich, so wie damals, flehe dich wortlos an, mich weiter zu lieben. Den Träumen zu trotzen. Alle Albträume zu vergessen, die ich dir brachte.

Deine Augen sind ergraut, das Gewitter verzogen. Nur die Fragen sind geblieben. Die Flucht vor den Antworten ergreifend verstecke ich mein Gesicht in deinen Flügeln.

Und erschrecke.

Löcher, zahlreiche, kleine, große, haben deine Flügel zerfetzt. Für jeden meiner Tagträume, jede meiner Nächte, hast du kostbare Federn gezahlt.

Es ist die lange Geschichte einer kurzen Begegnung. Ein Treffen in der Nacht, das Kribbeln im Bauch, die vertane Chance auf den perfekten Traum. Und die Entscheidung aufzuwachen.

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Kommentare

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  • 1

    Wow, ich finde es wunderschön geschrieben!

    23.10.2012, 15:39 von Wintersonne22
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