Auf ein Neues oder : "Wie die Schwalben"
Auf ein neues Jahr. Auf neue Fehler. Auf die guten und die schlechten Momente. Auf die Schwalben.
Die Männerstimme hauchte zum zehnten Mal "One day you´ll dance for me, New York City" aus den Lautsprechern des Küchenradios, als mich mein brummender Schädel aus dem Halbschlaf riss. Es roch nach Alkohol und den alten Holzdielen deiner Wohnung. Ich stierte abwesend auf den Boden, bevor ich begann mich leise anzuziehen. Deine goldenen Locken hoben sich von dem dunkelblauen Laken ab. Inzwischen band ich mir hastig die Schuhe. Du hattest dich umgedreht, als ich die Tür hinter mir schloss.
Es war mein eigenes Abenteuer, durch die wuselnden Gassen zu streifen, in der Masse abzutauchen.
Als ich das letzte Mal ging, gingen die Schwalben mit mir. In den Süden. Jetzt war es kalt geworden. Alles hatte eine gewisse Trägheit angenommen. Die Straßen nicht mehr so überfüllt, der Elbstrand nahezu leer.
Nach dem großen Fest wartete nun alles auf das neue Jahr.
Ich setzte mich auf eine Bank am "Kanal" . Meine Bank und mein Kanal. Hier waren wir uns im Sommer zum ersten Mal begegnet. Die Schwalben hatten tief über dem Wasser ihre Kreise gezogen und dabei ihr unverwechselbares "Kreischen" von sich gegeben. Es hörte sich immer anders an, aber klang trotzdem jedes Mal wie ein Jubeln.
Du gefielst mir. Aus irgendeinem Grund, den ich immer noch nicht nennen könnte. Wir hatten kein einziges Wort gewechselt, du hattest mich nur angesehen und mich mit einem schiefen Lächeln beschenkt.
An diesem Abend war ich durch die Straßen schlawenzelt. Ziellos, setzte ich mich in die nächstbeste schöne Kneipe und ließ mich zu einem Gin Tonic verleiten.
Ich musste nicht mal aufschauen um zu wissen, dass du dich neben mich gesetzt hattest.
"Wir kennen uns doch."
"Tun wir das?"
"Ja, du bist das Mädchen, das die Schwalben beobachtet."
Das erste Mal schaute ich dich richtig an. Ich war weder überrascht, noch außerordentlich euphorisch, dich wieder zu sehen. Du warst nicht ungewöhnlich schön oder mein Typ, aber deine Augen hatten etwas, das mich in deinen Bann zog. Sie waren stahlblau und trotzdem war Wärme in ihnen zu finden.
Dann schmunzeltest du wieder, strichst mit deiner linken Hand über den schwarz verzierten Totenkopf auf deinem Oberarm.
Du warst aufmerksam, folgtest meinen Blicken.
"Ist schon alt. Hab ich mir stechen lassen, als ich 17 war.", erwidertest du verlegen auf meinen fragenden Blick hin.
17...Erst jetzt wurde mit bewusst, dass du mindestens 6 Jahre älter als ich sein musstest.
Der Abend verlief in einer angenehmen Atmosphäre, ohne viele Worte, ohne viel Palavern.
Den ersten Kuss hast du mir in einer Fotozelle gegeben. Er war vorsichtig und trotzdem intensiv und leidenschaftlich gewesen. Ich begleitete dich nicht nach Hause. Ich kannte dich kaum, du wusstest nur, dass ich ein freiheitsliebender Mensch war und mich gerne treiben ließ und ich wusste, dass du Fotografie studiert und danach ein Musikstudium abgebrochen hattest. Wir haben noch ein bis zwei Mal einen Tee zusammen getrunken. Jedes Treffen endete in einer Fotozelle.
Dann bin ich gegangen.
In der vorangegangenen Woche hatten wir uns wiedergefunden. Ich hatte dir eine Nachricht hinterlassen und du hattest mich auf "meiner" Bank gefunden, wie ich einer Serviette zuschaute, die den Kanal herunter dümpelte.
Ihr Gelb hatte sich gegen das Blau vom Wasser abgehoben.
Die folgenden Nächte waren kurz und heftig, die Tage lang und warm unter der Bettdecke.
Wir diskutierten, schauten uns an, liebten uns...
"Du kannst dich nicht entscheiden.", hast du mir immer wieder vorgeworfen.
"Wofür? Für dich? Du weißt ich bin nicht der Typ für eine "Ich-steh-mit-dem-Ghettoblaster-vor-deiner-Tür-und-spiel-unser-Lied-Liebe."
Du hattest gelacht.
" Nein, dafür bist du der Typ für die "Ich-mach-dir-in-deinem-XL Shirt-frische-Muffins-zum-Frühstück-und-kuschel-mich-stundenlang-an-dich-während-wir-über-die-Welt-diskutieren-Liebe. Nein, das meinte ich eigentlich nicht. Ich meine, du kannst dich nicht für´s Bleiben entscheiden oder?"
"Ich bleibe nicht ewig."
"Wie lange haben wir noch?"
"Lange genug. Ich mache jetzt Frühstück".
Ich war mir nicht mehr sicher, ob wir zusammen ins neue Jahr feiern würden.
Wir taten es nicht. Ich hatte dir einen Zettel geschrieben auf dem stand: Lass dem Vogel seine Freiheit und lass ihn fliegen.
Ich hatte versucht es poetisch klingen zu lassen, ohne viele Rechtfertigungen ohne viele Erklärungen.
"Hallo?"
Mein Atem setzt aus, als sich deine Stimme am anderen Ende meldet. Ich muss lächeln, weil ich weiß, dass auch du deinen linken Mundwinkel nach oben ziehst, wie du es immer getan hast. Ich weiß, dass du rauchend im Fensterrahmen lehnst, mit deiner Hand über dein Tattoo streichst.
"Bist du heimgekehrt, mein Vögelchen?"




Kommentare
"Mein Atem setzt aus, als sich deine Stimme am anderen Ende meldet."... den satz mag ich nicht. ich finde es passt nicht. zu ihr.
19.01.2012, 00:05 von Mechthild_Bundschuhdarüber hinaus. jap. schön zu lesen.
Passt hervorragend.
Eben gerade.
14.05.2012, 20:06 von Lagbackschön durchzulesen :)
16.01.2012, 00:09 von sharkai_elaydSchön ohne Schmalz. Selten und gut.
09.01.2012, 11:47 von cell44Danke (-:
09.01.2012, 12:18 von alima1.1Da ich selber kein großer Freund von "Schmalz" und Schnulli bin und mich immer über diese Texte oder Filme or whatever aufgeregt habe, dacht ich mir, ich versuch es doch selber mal ohne Schmalz ;-)
Schön, dass das auch so angekommen ist.
schöne atmosphäre. sagt genau so viel wie nötig. genug gesagt.
09.01.2012, 00:30 von DASkannNICHTklappenGut!
07.01.2012, 10:50 von angelasepDanke (;
07.01.2012, 11:04 von alima1.1"Ich hatte versucht es poetisch klingen zu lassen"
07.01.2012, 10:24 von wandernaseIch finde es nicht gelungen. Versuche doch bitte weniger! Vielleicht liegt darin die Wirkung des Themas!
ein super Text, schön zu lesen und erinnert mich irgendwie an mich selbst in der umgekehrten Rolle, nur bin ich noch nicht wieder heimgekehrt..
06.01.2012, 13:42 von ChaotleIch selber bin es auch nocht nicht. Jedenfalls bin ich nicht da, wo ich sein möchte.
06.01.2012, 14:39 von alima1.1Aber vielleicht ist es tröstlich zu wissen wieder bei sich selbst angekommen zu sein (:
das auf jeden Fall, erst wenn wir bei uns selbst angekommen sind, können wir auch in einer "Heimat" ankommen, der Weg dahin ist zwar meist beschwerlich aber es lohnt sich :)
06.01.2012, 14:50 von ChaotleDu sprichst mir aus der Seele.
06.01.2012, 14:55 von alima1.1Ich finde immer öfter ein Stück Heimat in den Menschen, die ich liebe oder mag. Und das beste ist, es werden über die Jahre mehr (:
...es gibt nur eine heimat. das ist da, wo man herkommt.
06.01.2012, 15:00 von der_muelleraber. du kannst in jemandem Dein Zuhause finden.
Wenn ich in jemandem Heimat finde, ist das eher, dass mich diese Menschen an Leute aus der Heimat und deren Mentalität erinnern.
Am wichtigsten ist allerdings nach wie vor: "Sei Dir selbst ein Zuhaus!"
Da hast du Recht, man sagt doch, zu Hause ist dort, wo das Herz wohnt, man muss es nur schaffen sich irgendwann dort nieder zu lassen :)
06.01.2012, 15:02 von Chaotlejawohl. hat etwas gedauert bis mal wieder ein guter text auf die mainpage kam.
06.01.2012, 02:30 von JohnnyBravoein lob hast du dir verdient madame, gutes kino in meinem kopf :)
Vielen dank für das groooße Lob ;)
06.01.2012, 14:37 von alima1.1Ich hab jedenfalls mein Bestes getan, den Film, der immer in meinem "Kopfkino" läuft aufzuschreiben :)
07.01.2012, 00:05 von alima1.1Schöne Motive.
05.01.2012, 10:37 von TilmannKleye(Schwalbe - Symbol für Nomadentum
Fotografie - Chiffre für Menschen und Liebe halten wollen
Totenkopf - Verlust)
Stilistisch sehr schön - angenehme Textathmosphäre.
Für mich persönlich minimales Manko: Die humoristisch gemeinte ich-bringe-die-Bindestrich-Liebe. (Passt nicht zum restlichen Ton)
Ansonsten sehr schöner Text in der überlaufenen Rubrik "Fühlen - Liebe"
Sehr sehr schöne Motive erkennst du da wieder (:
05.01.2012, 20:54 von alima1.1Vielen vielen Dank dafür :D
Ach ja , und diese Bindestrich-Liebe-Wörter sind wie gesagt eine Eigenart von mir.
Schlicht und schön
05.01.2012, 00:02 von SarahJoesy