gedankenschwer 15.05.2012, 20:12 Uhr 2 3

Auf die Verpackung kommt es nicht an

Es gibt etwas, das du wissen solltest…

Ein Paket für dich steht offen auf dem Schreibtisch. Nach unserem letzten Treffen besorgte ich es auf dem Heimweg, voller Vorfreude auf deinen bevorstehenden Geburtstag. Ein besonders großes Paket – ich weiß gar nicht, ob es ausreicht.

Schon seit Tagen steht es einfach nur da, unberührt. Es bedeckt die gesamte Arbeitsfläche meines Schreibtisches. Wie viel Kraft so ein Karton doch ausüben kann. Ich gehe Wäsche aufhängen, Rechnungen abheften (am Küchentisch), bringe Altglas zum Container, putze Fenster, sortiere kaputte Socken aus und stöbere ganz nebenbei durch die Angebotsprospekte von vorletzter Woche…

Der Inhalt des Paktes ist für mich doch seit fast sechs Monaten klar. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde. Warum fällt mir sein Verpacken dann so schwer? Immer wieder überkommt mich Aufregung und Angst. Eine seltsame Mischung.

Ich höre die Worte meiner Mutter: „Beim Einpacken eines Pakets muss darauf geachtet werden, dass jeder Gegenstand sorgfältig umhüllt wird, damit nichts kaputt geht. Es darf aber nicht nur praktisch sein. Es muss auch hübsch aussehen!“.

Als wäre alles nicht schon schlimm genug. Ich und dieses braune Etwas, seit Tagen auf dem Tisch. Dein großer Tag in unmittelbarer Nähe und jetzt auch noch der Ratschlag meiner Mutter im Hinterkopf.

Zurück zum Inhalt. Jeder… Nein, dieser Anfang ist besonders schwer. Wie sortiere ich das Chaos? Was darf ich auf keinen Fall vergessen? Und wie zum Teufel bekomme ich es in eine logische, nachvollziehbare Reihenfolge verpackt, damit du nicht völlig überfordert, ja, nahezu verschreckt dastehst?

Während eines kurzen Telefonats erwähne ich, dass sich am nächsten Tag ein Paket zu dir auf den Weg machen wird. Zu deinem Geburtstag.  So kann ich der Situation zwischen mir und dem Schreibtisch ein wenig mehr Druck verleihen. Aus Erfahrung weiß ich, Druck kann ein Wundermittel sein (kann!). Nachdem wir aufgelegt haben, würde ich am liebsten in diesem riesengroßen braunen Etwas versinken.

Bis morgen? Wie soll ich das schaffen?

In meinem Kopf geht die Sortiererei wieder los. Als ob ich Tetris spielen würde. Aber es kommen viel zu viele Formen gleichzeitig herunter. Ich schaffe es nicht, sie in eine passende Position zu setzen. Game over. Ich falle müde ins Bett.

Auch am nächsten Tag funktioniert es nicht. Am Morgen brennt die Milch für den Kakao an. Ein widerlicher Gestank durchflutet meine Wohnung. Beim Verlassen der übelriechenden Bude vergesse ich den Haustürschlüssel auf dem Tisch. Auch das noch. Es kostet Stunden und Nerven, das wieder auszubügeln.

Bis zum Abend bin ich schwer beschäftigt. Und bis tief in die Nacht denke ich nach und zerbreche mir wieder und wieder den Kopf darüber, wie ich es nun verpacken soll. Vor Aufregung kann ich nicht einschlafen. Dann überfällt mich morgens um halb fünf die große Müdigkeit.

Am nächsten Morgen schenke ich mir den Kakao, bestimmt eine reine Schutzmaßnahme für die frisch duftende Wäsche im Flur. Ich binde meine zerzausten Locken zusammen, schlüpfe eilig in meine Lieblingsjeans, ziehe mir den dunkelblauen Pullover an und mache mich auf den Weg zu dir. Oberstes Ziel: Vor dem Postboten deine Tür zu erreichen!

Etwa eine halbe Stunde später, schwungvoll im zweiten Stock angekommen, atme ich ganz tief durch. Dann öffnest du die Tür. Du schaust mich an, wie man nie im Leben einen Postboten anschauen würde. Und ich? Ich überbringe dir den so wichtigen Inhalt, ganz unverpackt über meine Lippen.

Was soll der Kitsch? Ich liebe dich!

3

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Finde ich  hübsch!

    18.05.2012, 13:44 von zehnmomente
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das ist niedlich :)

    17.05.2012, 11:51 von Mrs.McH
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android