Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, zu rennen. Sechs Umzüge innerhalb von nicht einmal drei Jahren; Zwischensequenzen, in denen ich immer mal wieder zu Hause war und doch nie zur Ruhe kommen konnte. Ich wollte, dass mein Leben und meine Welt sich drehen, rasend schnell um die eigene Achse. Ich wollte die Nächte durchfeiern und als Letzte aufhören zu tanzen, bei Sonnenaufgang aus der Disco stolpern und die dritte Zigarette bereits aufgeraucht haben, wenn wir für ein Croissant und einen schwarzen Kaffee in der Bahnhofsbäckerei einkehren würden. Ich wollte mehr von diesem Schwindelgefühl, mehr Menschen um mich herum und Begegnungen mit tieferer Bedeutung, wollte lautere Musik, mehr Exzesse, hochprozentigeren Alkohol, tausend Lichter.
Und ich vergaß sie fast. Ich machte mich gut in diesem Balanceakt, verdammt gut. Niemand, dem es gelang, mir etwas anderes einzureden. Ich trank immer dieses eine Glas zu viel, um am nächsten Tag nicht aus dem Bett zu kommen; rauchte immer die eine überflüssige Gutenachtzigarette, um am nächsten Morgen vor lauter Übelkeit nichts essen zu können. Ich stellte stets die eine Frage, die für niemanden außer mir noch von Bedeutung war:
Wie geht es ihm?
Für all jene, die mich zu lieben glaubten, sah es nach Kontrollverlust aus. Sie trinkt zu viel, sie raucht zu viel, sie redet zu viel, sie feiert zu viel. Ich glaube, wir verlieren sie. Und während sie dies sagten, genoss ich jedes meiner Zuviels, denn ich liebte jedes von ihnen, wollte sie alle. Ich wollte laufen bis zur völligen Erschöpfung oder bis ich das Gefühl hatte, irgendwo anzukommen - meistens war ich erschöpft, wenn ich nirgendwo ankam. Und wenn sie sich dann wieder einschlich und das Gleichgewicht verklärte, das ich mir in meinen Exzessen zu bewahren versuchte, dann drehte ich mich einfach weiter. Es war so einfach. Zur nächsten Party, zum nächsten Lied, zum nächstbesten Gesicht.
Denn eigentlich machte sie mir Angst, die Stille zwischen dem Exzess und dem nächsten Morgen; sie ist durchdrungen von dir und allem, was mir folgt, seitdem ich laufe. Von allem, woran wir glaubten. Von nichts, das blieb, und Zigarettenqualm und Old-school Hip Hop.
Eigentlich will ich nur tanzen, um mich nicht länger erinnern zu müssen.
Tags: Fliehen, Zigaretten, Nachtschwärmer
Kommentare
... Eigentlich will ich nur tanzen, um mich nicht länger erinnern zu müssen." ...
05.03.2013, 15:32 von CurlyKathadieser moment, wenn man morgens nachhause läuft, die sonne ist wieder da und man denkt genau das, was du da schreibst.
18.02.2013, 20:03 von entfesseltDas kommt mir so bekannt vot
13.02.2013, 22:41 von KoffeinprinzessinIch mag das Thema, ich finde es aber nicht ganz gelungen herübergebracht. Der Geschichte fehlt es irgendwie an Spannung.
13.02.2013, 19:32 von aniuaniu'Eigentlich will ich nur tanzen, um mich nicht länger erinnern zu müssen.' - unglaublich schöne Wortwahl und ein Stück weit finde ich mich wieder.
13.02.2013, 00:19 von SunFeatheroha.
12.02.2013, 03:47 von iwontleaveich muss mitschnacker zustimmen.
irgendwie find ich mich wieder, ja.
und gut geschrieben ist der text auch noch.
Oh man, der Text spricht mir sowas von aus der Seele Es ist schön zu merken, dass es auch anderen so geht ;)..."Sie trinkt zu viel, sie raucht zu viel, sie redet zu viel, sie feiert zu viel. Ich glaube, wir verlieren sie."
12.02.2013, 02:50 von KleineFreiheitIch kann dich so gut verstehen-geht mir ähnlich?!
12.02.2013, 00:07 von violett84