Pusteblumenwiese 25.10.2011, 11:37 Uhr 44 33

Auch Engel schlafen in Kartons

Mein Name ist Magnus und ich wohne in einem Karton.

Mein Name ist Magnus und ich wohne in einem Karton. Meine Nachbarn sind Resignation und Wut. Mir gegenüber, am anderen Flussufer, schläft Hoffnung, aber sie erwacht so selten aus Ihrem traumlosen Schlaf, dass ich sie meistens gar nicht bemerke. Daher bin ich wohl das, was man einen Einzelgänger nennt. Ich kümmere mich nicht mehr um andere, das kann ich mir einfach nicht leisten. In meiner kleinen Kartonwelt, da zähle nur ich.

Meine Kartonwelt ist eigentlich gar nicht so klein. Als ich nämlich vor einigen Tagen eine Dose Thunfisch aß, da bemerkte ich, dass ich noch niemals so frei war. Es war einer dieser lauen Sommerabende, die einen zufrieden aufseufzen lassen und da wurde mir bewusst, dass die meisten Menschen viel zu hektisch sind, um die wahre Schönheit gewisser Momente erfassen zu können. Im Grunde ist es doch so: Je kleiner mein Karton wurde, desto größer wurde meine Freiheit. Je kleiner meine Ansprüche wurden, desto größer wurde meine Zufriedenheit. Es ist vollkommen… vollkommen einsam, vollkommen verrückt und vollkommen anders. Manchmal auch vollkommen betrunken, aber das stört hier niemanden. Manchmal freuen sich die hungrigen Ratten sogar über das Erbrochene, da fühle ich mich manchmal wie ein guter Mensch, weil ich großzügig teile.

Jedenfalls ignoriere ich meine Nachbarn meistens, weil sie ziemlich nerven können. Resignation finde ich nerviger als Wut. Wenn Wut an meinen Karton klopft, dann lasse ich sie manchmal zu mir, aber Resignation durfte noch nie über meine Schwelle treten. Manch einer mag das als unhöflich empfinden, aber es ist einfach zu gefährlich. Resignation will immer mehr und lässt dich nicht in Ruhe. Wenn du nicht aufpasst, überrascht sie dich sogar in deinen schwächsten Momenten, überwältigt dich und bringt dich einfach um. Und vorher nimmt sie dir noch alles, was du besitzt. Mir ist meine Freiheit einfach zu kostbar, deshalb ignoriere ich Resignation konsequent. Ein Blickkontakt wäre schon zuviel. Da heißt es hart bleiben und bisher funktioniert das auch sehr gut.

Wenn Wut zu Besuch kommt, dann trinken wir meist zusammen und brüllen mit aller Kraft all die Worte und Gefühle zu den Sternen, die wir sonst nur in unserem alten Rucksack mit uns umherschleppen. Auf Zehenspitzen, das Gesicht in den Himmel gereckt und den ganzen Körper angespannt, komme ich mir dann unheimlich mächtig und unverwundbar vor, denn Wut feuert mich an. Irgendwann schleicht sich Resignation leise und hinterrücks an, spätestens dann höre ich völlig erschöpft auf zu brüllen, gebe den Ratten unfreiwillig noch etwas zu essen und lege mich in meinen Karton. Mein Rucksack ist nach diesen Nächten immer ein bisschen leichter, füllt sich aber recht schnell wieder. Das meint man wohl mit Kreislauf des Lebens...

Wut war eigentlich schon immer mein Nachbar, Hoffnung kam ein wenig später zum Flussufer und Resignation kam klammheimlich, als Esperanza aus meiner Kartonwelt verschwand. Esperanza war ein Engel, mit dem ich vier wunderschöne Sommer und Winter verbringen durfte, bis sie letzten Mai umgebracht wurde. Einige behaupten, dass sie sich das Leben genommen habe, aber ich kannte sie lang genug, um zu wissen, dass sie ihre Freiheit genauso liebte, wie ich. Niemals hätte sie freiwillig aufgegeben, vielmehr ist es offensichtlich, dass Resignation sie umbrachte. Es ist genauso abgelaufen, wie man es sich erzählt in den düsteren Geschichten und Esperanza konnte sich nicht wehren, denn Resignation erwischte sie in ihrem schwächsten Moment. Angelockt durch ihre nächtlichen Tränen fand Resignation schnell den Weg zu unserer Schlafstätte und schlitzte Esperanza im Schlaf beide Handgelenke auf. Ich wurde wach, weil das abfließende Blut eine klebrige, warme Schicht auf meiner rechten Gesichtshälfte bildete und ich zunächst dachte, dass ein Hund schon wieder gegen meinen Karton gepinkelt hätte. Nachdem ich aber Esperanzas Schuhe direkt vor meinem Gesicht bemerkte, da fühlte ich diese eiskalte Panik in meinem Magen aufsteigen, die sich wie eine Krankheit blitzschnell im Körper ausbreitet. Ich sprang auf, ich schrie sie an, dass sie aufwachen soll und schüttelte sie, aber ihr Blick war schon völlig leer. Lediglich das kleine Lächeln auf ihrem Engelsmund verriet, dass sie weit weniger Schmerzen gehabt haben musste, als ich in diesem schrecklichsten aller Momente.

Ihr Lächeln ist immer meine Seelenmedizin gewesen. Regelrecht süchtig wurde ich danach. Sie ist überhaupt eine durch und durch erfüllende Persönlichkeit gewesen mit ihren fast schwarzen, sanften Augen und einem Duft, der am ehesten mit frischem, warmen Brot verglichen werden konnte. Egal wo wir hingingen, mit ihr war ich stets zu Hause. Ihr langes, blondes Haar wirkte niemals fettig oder schmutzig, ich dagegen muss gewirkt haben wie ein räudiger Köter. Obwohl sie kaum noch etwas sehen konnte, zeigte sie mir die Schönheit einer Welt, die ich bis dahin nicht kannte. Wir zählten zusammen die Anzahl der Platscher, wenn die Ratten abends in den ruhigen Fluss sprangen. Wir küssten gegenseitig unsere wunden Füße und erfanden immer neue Worte für den schrecklichen Geruch, der von ihnen ausging. Wir kitzelten uns manchmal in den Schlaf, einfach nur um das Lachen des anderen zu hören. Wir waren König und Königin und die Kartonwelt war unser Untertan. Alles haben wir geteilt und alles haben wir in uns aufgesogen. Denn das wertvollste war unsere Freiheit und all die Gerüche, Geräusche und Bilder, die von ihr ausgingen.

Esperanza war ein Engel, der den Weg in den Himmel nicht zurückgefunden hatte, was ich insgeheim aber unerhört schön fand.

Manchmal besuchte uns Wut, aber Esperanza mochte Wut einfach nicht. Sie meinte, ich sei dann immer ein Anderer und das wollte sie nicht ertragen müssen. Das Trinken mit Wut hörte schließlich ganz auf und Wut hielt sich bis zu Esperanzas Tod sogar völlig von mir fern. Statt nächtlicher Besäufnisse, streichelten Esperanza und ich unsere schmutzigen Körper und wärmten unsere Gesichter in der Halskuhle des anderen. Im Sommer sprangen wir morgens gemeinsam in den braunen Fluss und planschten solange, bis die ersten Touristenboote den Platz benötigten. Im Winter liefen wir, geleitet vom Herzschlag des anderen, durch die meist grau-matschige Welt und bauten uns abends eine Burg aus alten Decken, Kartons und einer Kerze. Wir aßen aus Abfalleimern und wunderten uns über die Menschen, die einen Apfel oder Schinkenbrote nicht zu schätzen wussten. Mit Esperanza wurde jeder Tag zum schönsten meines Lebens, inklusive Festmahl und Tanzgelage.

Esperanza hatte jedoch Geheimnisse, die ich nicht lüften wollte. Ich spürte, dass sie stille Qualen litt, sobald es Zeit wurde zu schlafen. Manchmal weinte sie während eines Traums, manchmal wälzte sie sich unruhig umher. Wenn ein Mensch nicht über Erlebnisse und Geheimnisse sprechen möchte, dass sollte man es respektieren. Die meisten Menschen haben nämlich Angst, dass das Beichten gewisser Taten sie zu einem schlechteren Freund, Ehepartner oder was auch immer machen würde. Sie haben Angst verurteilt zu werden und deshalb sind so viele Erinnerungen auch so belastend. Ein Sack, den man nicht leert, der wird eben immer voller und irgendwann platzt der Inhalt schmerzhaft heraus.

Bei Esperanza platzte der Sack also regelmäßig im Schlaf und ich respektierte, dass sie nicht darüber sprach. Es war eine stumme Bitte an mich und ich hielt mich daran. Sie hatte wohl auch Angst, dass ich sie mit anderen Augen sehen würde, sobald sie mir erzählte, was passiert war. Kein Mord, keine Drogenvergangenheit, keine noch so schlimme oder unglaubliche Tat hätte mein Bild von Esperanza trüben können, aber sie blieb verschlossen. Ich trocknete regelmäßig nachts ihre Tränen und wiegte sie sanft zurück in den Schlaf und versucht zu ignorieren, was sie murmelte, um nicht in Versuchung zu geraten, mehr wissen zu wollen. Sie flüsterte zusammenhanglose Worte oder Satzfetzen, die keinen wirklichen Sinn für mich ergaben.

Um ehrlich zu sein, ich hatte aber immer eine Vermutung, die ich jedoch stets für mich behielt. Aufgrund der vernarbten Einstiche in Esperanzas Armen, musste sie mir nicht erklären, dass sie einmal gefährliche Freunde gehabt hatte, um ihr Leben erträglicher mach zu können. Auch Dehnungsstreifen auf ihrem weichen Bauch verrieten, dass in Ihrem Körper vor einiger Zeit 2 Herzen geschlagen hatten. Ob diese Dinge nun in Verbindung standen, das weiß ich nicht, aber es ist sicher, dass beides sie zu dem gemacht hatten, was sie dann war: Ein Engel im Karton.

Ich hingegen erzählte Esperanza von meiner Vergangenheit und dem Weg, der mich zu ihr geführt hatte. Sie hörte mir stets ganz still zu. Sie hinterfragte nichts, sie verurteilte nicht. Ihr Kopf lag dabei meistens im meinem Schoß, das wunderhübsche Gesicht mir zugewandt. Wenn ich meine Geschichte offen legte, dann kam es mir oft vor, als erzählte ich aus dem Leben eines anderen. Meistens blieb ich sehr sachlich, nahezu emotionslos, denn manche Episoden sind mir im Nachhinein einfach unverständlich. Ich will damit nicht sagen, dass ich jemandem die Schuld gebe, oder dass ich etwas bereue. Jede erlebte Minute meines Lebens ist kostbar und es spielt keine Rolle, ob man sie als schön oder schrecklich bezeichnen würde. Fakt ist, dass ich aus allem etwas lernen konnte und ich bedauere mich deshalb nicht selbst. Ich bin stolz auf all meine Erlebnisse, denn wenn ich später auf dem Sterbekarton liege, dann kann ich von mir behaupten: Ich habe gelebt! Ich habe alles erfahren, was es zu erfahren gibt. Wenn man mein Leben in einem Wort beschreiben müsste, bis zu dem Zeitpunkt, als ich Esperanza traf, dann würde ich den Begriff „Schläge“ wählen. Es gab Schicksalsschläge, Faustschläge und ersterbende Herzschläge… All diese Schläge waren Weggabelungen, die immer weiter in den dunklen Sumpf geführt haben, in dem ich mich befand, bis ich Esperanza traf. Sie war für mich die Laterne, die mich wieder auf festen Untergrund führte. Und nun ist sie einfach erloschen, durch eine einzige Sturmböe, die alles niederriss. Ich weiß nun mit Sicherheit, dass Fackeln im Sturm nicht existieren.

Aber in meinem Herzen, ganz tief in einem dunklen Versteck, da brennt die Erinnerung an diese Fackel weiter. Große Persönlichkeiten entfachen große Gefühle und große Gefühle entfachen starke Feuer. Esperanza war sowohl eine große Persönlichkeit, als auch ein großes Gefühl, es versteht sich also von selbst, dass sie ein Feuer entfachte, das Spuren hinterließ.

„Ich liebe Dich“, das sagte ich niemals, aber das musste ich auch nicht, denn sie wusste es. Sie wusste es genauso intuitiv, wie ein Baby weiß, wie es seinen ersten Atemzug zu tun hat. Auch sie sagte niemals diese drei intimen Worte und doch wussten wir beide, dass meine tiefe Zuneigung zu ihr auf Gegenseitigkeit beruht. Das Leuchten ihrer fast blinden Augen verriet mir alles über ihr Seelenleben und ich fühlte mich akzeptiert. Ich hatte meinen Platz in einer Welt gefunden, von der ich glaubte, dass mein Karton eine Zecke war auf dem Hunderücken, der sich Gesellschaft nennt.

Nach ihrem Tod ist mir nun klar, dass ich völlig falsch lag, denn ich bin und war keine Zecke. Denn selbst Zecken bekommen immerhin eine gewisse Aufmerksamkeit, auch wenn es nur darum geht, diese Schmarotzer aus dem Körper zu drehen, den sie aussaugen. Ich hingegen werde ignoriert… Obwohl das natürlich eine Absicht der Allgemeinheit voraussetzen würde, die in meinem Fall auch nicht zu erkennen ist. Man könnte vielleicht sagen, ich wurde einfach vergessen… Das hört sich nun sehr verbittert an, aber eigentlich ist das nur eine emotionslose Tatsache. Ich bin durchaus zufrieden mit dieser Entwicklung, denn niemand erwartet etwas von mir, wozu ich in meiner Situation auch nicht in der Lage wäre, es zu erfüllen. Obwohl ich auch zugeben muss, das Esperanzas Zuneigung für eine kurze Zeit so etwas wie Stolz in mir ausgelöst hat, weil ich das Gefühl hatte, gebraucht zu werden. So ein warmes, ausfüllendes Gefühl ist fast noch besser, als ein heißer Ofen im tiefsten Winter. Es geht jedoch auch ohne.

Esperanzas Tod hat meine Welt völlig niedergerissen und auch mein Empfinden für wunderbare Dinge, wie ein Lachen oder den Duft von frisch gemähtem Gras, ins Gegenteil verkehrt. Alles erinnert mich an eine Zeit, in der Freiheit sich anders anfühlte, als jetzt. Damals fühlte ich mich frei, konnte dieses unbeschreibliche Gefühl jedoch nicht benennen. Heute weiß ich um meine Freiheit, kann sie jedoch nicht genießen, denn Wut und Resignation rücken immer näher. Es wird eng in meiner Kartonwelt.

Mein Name ist Magnus und ich wohne in einem Karton. Meine Nachbarn sind Resignation und Wut. Mir gegenüber, am anderen Flussufer, dort schläft Hoffnung, und sie erwacht langsam aus ihrem traumlosen Schlaf. Ich schaue gebannt zum anderen Ufer und beobachte sie, wie sie sich die müden Glieder streckt. Sie ist mir zugewandt und ich sehe, wie sie langsam die Augen öffnet.

Sie schaut mich direkt an und ich muss unwillkürlich lächeln.

Zeit für einen Umzug an das andere Ufer, wo das Gras eindeutig grüner ist.

 

 

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44 Antworten

Kommentare

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    mir gefällt diese Bildsprache, diese Geschichte sehr gut, ich fange an zu grübeln, weil ich noch nicht alle Bilder verstehe, dennoch vielen Dank

    19.11.2011, 23:51 von AvrinFuchs
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    wunderschöne Bildsprache, auch die Schilderung der Zuneigung der beiden zu einander gefällt mir außerordentlich gut. Nicht kitschig - nicht rosarot. Aber authentisch, nachvollziehbar und zu mindest mir gut bekannt.

    Auch die Figuren der "Nachbarn" gefallen mir gut ;)

    11.11.2011, 22:15 von Zucker-Fee
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    wunderschön

    06.11.2011, 18:52 von JuliaMaja
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    wow!!! echt gut!

    03.11.2011, 11:28 von Das_Uschi
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    Ich mag Geschichten von Engeln mit zwei Herzen, da kann man gar nicht genug von haben.

    02.11.2011, 12:44 von EliasRafael
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    • 1

      Ich bin ambivalent ;-) ein Herz zum lieben, das andere zum quälen

      02.11.2011, 13:08 von EliasRafael
    • 0

      :-) :-)

      02.11.2011, 15:25 von Pusteblumenwiese
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    wow! find ich richtig gut...kann mir vorstellen, dass sich viele auf viele verschiedene Weisen in den Text reinfühlen können - ich kanns auch. toll geschrieben!

    31.10.2011, 17:15 von Wolkensprung
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    unglaublich richtig richtig gut.. ich hätte am liebsten nie aufgehört zu lesen

    28.10.2011, 19:48 von KT_
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  • 1

    Na hoppla, als ich Überschrift und Kategorie gelesen hatte, fing ich gewohnt gelangweilt an zu überfliegen, was aber nicht lang anhielt, da ich schnell aufmerksam wurde. Überraschungseffekt. Hat mir sehr gefallen!

    28.10.2011, 02:05 von nyx_nyx
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    Toll!

    27.10.2011, 15:48 von Finish.
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      Nun. ich aß ein Magnum-Eis, aber aus Respekt vor der unsterblichen TV-Figur aus den 80ern, änderte ich einfach den letzten Buchstaben. :-D Außerdem hat der Name sogar eine Bedeutung, der gut zur Geschichte passt.

      27.10.2011, 14:11 von Pusteblumenwiese
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NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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