weAreAnimals 08.06.2010, 12:56 Uhr 1 2

Anna

Dann setzte er sich neben sie, einfach neben sie und saß da. “Ich heiße übrigens Jonas.” “Anna.”

Sie saß auf dem Boden. Im Schneidersitz und schaute etwas verzweifelt drein.
Alle liefen an ihr vorbei, keiner fragte sie ob etwas nicht stimmte, obwohl sie sich mitten auf dem Marktplatz hingesetzt hatte.
Der Lack ihrer Pumps war an den Seiten zerkratzt, aber sie selbst nahm keine Notiz davon.
Sie hatte Glück, dass sie sich nicht in eine Speichelpfütze gesetzt hatte, denn in dem Moment in dem alles in ihr nachgab, war ihr alles egal.
Sie saß auf einem halbwegs sauberen Flecken Straße, mitten in der Stadt, am Marktplatz, wo die Fußgänger an ihr vorbei hasteten, sie meistens dabei noch anglotzten, aber nicht zu lang. Wieso denn auch?
Gab doch genug Verrückte und Individualisten.
Solche Menschen müssen nicht mehr angestarrt werden. Verächtliche Blicke reichen völlig.
Ob barfüßige Studenten oder verrückte die einen anschwatzten. Nichts besonderes.
So fühlte sich Anna auch.
Wie nichts Besonderes.

Annas ganzes Leben, war sinnlos, in ihren Augen.
Der einzige Sinn den sie jemals gehabt zu haben schien, war Jonas.
Sie erinnerte sich an keinen glücklichen Tag vor ihm.
Er hatte alles anders gemacht, alles besonders.
Wenn sie nebeneinander lagen, einfach nur so und sich anschauten, zersprang ihr Herz vor Freude. Wenn sie im Park lagen und alles um sie rum laut war und freudig, dann waren sie in einer anderen Zeit einem anderen Raum der alles verschluckte und nur ihre Liebe übrig lies, von der sie umgeben waren.
Wenn Jonas Anna anschaute und dabei mit den Augen sprach und sie dann mit einem Kuss antwortete, dann war die Welt immer in Ordnung, dann war die Welt immer ein Ort den sie nicht verlassen wollte.
Anna lernte Jonas kennen, da war sie noch das verwöhnte Mädchen, ohne Sinn für wahre Schönheit. Sie war nicht zu begeistern für Wiesenblumen, für große Sträuße voller roter Rosen schon.
Von Herzen zählte damals noch nicht.
Sie saß damals auf einer Bank, irgendwo im Nirgendwo, irgendwo im Park.
Sie hatte zu viel getrunken, sie wusste nichts mehr, der Morgen graute bereits und sie saß noch völlig benommen da und starrte ihre Kotze an.
Sie war froh darüber, dass Niemand hier war, um die Uhrzeit.
Dieses kaputte Mädchen, dass tagsüber aufgebrezelt durch die Innenstadt läuft und nachts in alles zerfällt was sie ist, das eigentlich nichts ist.
Dieses kaputte Mädchen saß da, und wartete darauf das sich alles beruhigte in ihr, dass sie aufstehen konnte.
Sie konnte es sich nicht vorstellen, noch so weit zu laufen.
Zur Bahn-Haltestelle, dann noch nach hause laufen.
Sie konnte kaum stehen, geschweige denn gehen.
Sie wollte einfach irgendwo sein, sie wollte jemand anders sein, sie wollte…
“Hallo?”
Sie erschrak. Hörte sie schon Stimmen?
War es das? War sie wirklich so verrückt?
Der junge Mann stellte sich nun vor sie.
“Hey! Sag mal was…”
Er nahm ihre Hand in seine beiden. “Was ist denn los?”
“Zu viel…”
Er lächelte sein bezauberndes Lächeln. “Nein, ich meine was dich bedrückt?”
Sie glotzte ihn an.
Nie hat sie das jemand gefragt, zumindest nie Jemand der es wirklich wissen wollte.
Sie zog auch ihre Hand nicht weg, obwohl sie es nicht mochte angefasst werden, von Fremden.
Aber er war nicht fremd, er war ihr vertraut. So seltsam vertraut.
Er holte tief Luft: “Ich glaube du brauchst Schlaf. Sehr viel Schlaf und Obstsäfte.”
Sie schaute zu Boden. Oh Gott!
Er stand da, unmittelbar entfernt von ihrer Kotze, ihr Top war verrutscht und ihre Haare sahen aus wie jenseits von Gut und Böse.
Ihr Make-up, oder das was übriggeblieben war, sah aus wie eine böse Maske.
Wie konnte dieser Kerl hier noch sein? Vor ihr. Wegen ihr. Sich nur ansatzweise für sie interessieren?
“Ich will nicht nach Hause…”
Er nickte, als hätte er das gewusst. “Ja.”
Dann setzte er sich neben sie, einfach neben sie und saß da.
“Ich heiße übrigens Jonas.”
“Anna.”
“Hmmm.” Er nickte wieder, es kam ihr vor als wüsste er etwas, dass sie nicht wusste.
Nach einiger Zeit fing Anna zu zittern an. Als hätte sie ganz plötzlich gemerkt, dass ein Top und ein Rock nicht warm hielten.
Sofort zog Jonas seine Jacke aus und legte sie ihr über die Schultern.
Sie drehte sich zu ihm: “Danke.”
Tränen flossen ihr übers Gesicht, wie Flüssen schwemmten sie aus ihren Augen und ließen sie leerer zurück als sie war.
Jonas sagte nichts.
Saß nur da und hielt ihre Hand.
Nach einiger Zeit sagte er dann: “Ich weiß du kennst mich nicht, aber du kannst nicht den ganzen Tag hier sitzen und wenn du nicht nach Hause willst, dann kannst du gerne etwas zu mir…”
Sie nickte einfach.
Nie hatte sie sich Gedanken um irgendetwas gemacht, dass ihr gefährlich werden könnte.
Sie lebte einfach vor sich hin und stimmte allem zu.
Nur diesmal stimmte sie zu, weil etwas an ihm sie faszinierte.
Allein die Tatsache, dass er hier saß, in diesem Moment, wo sie doch aussah wie ein gejagtes Tier.
Also nickte sie einfach und stand auf.

Bei Jonas in der Wohnung roch es nach schönen Erinnerungen. Deswegen fühlte sie sich sofort wohl, weil sie sich fühlte als wäre sie schon einmal hier gewesen, und sie war glücklich damals.
Aber Anna war noch nie glücklich.
Eigentlich war das einer der ersten glücklichen Momente ihres Lebens, so kam es ihr vor.
Während sie zerzaust und kaputt in Jonas Wohnung stand und atmete, bewusst atmete um zu leben.
Er bezog ihr sein Bett neu, bat sie sich hinzulegen und sagte dann:
“Ich bin in der Küche, wenn was ist rufst du mich einfach. Am besten du schläfst jetzt.”
Sie nickte nur und legte sich hin.
Das Bettzeug roch sauber, roch gut.
Sie stank. Nach Kippen, nach Suff, nach Sex.
Sie stand auf.
Stand einfach neben dem Bett und heulte.
Jonas kam rein.
“Hm.” machte er. Als hätte sie sich eine zu kleine Hose gekauft, die sie unmöglich tragen konnte.
Dann hörte sie wie er Wasser in die Wanne einließ.
Er kam mit einem großen Pulli und Jogginghosen wieder.
“Im Bad hast du ein frisches Handtuch und Duschzeug. Ich geh einkaufen, fühl dich wohl.”
Sie nickte.
Versuchte zu lächeln. Scheiterte.
Sie ging ins Bad.
Als sie wieder raus kam, angezogen in sein T-Shirt und seine Hose, war er noch nicht da und so legte sie sich in das saubere Bett und kam sich nicht mehr so falsch vor.
Sie schloss die Augen und als sie sie wieder öffnete, schien die Sonne durchs Fenster.
Sie stand auf und suchte die Küche.
Dort stand er.
Kochte irgendwas und sang vor sich hin.
Erst jetzt merkte sie wie gut er aussah.
Das etwas längere Haar hatte einen Schnitt, der sie an alte Zeiten erinnerte. An nie erlebte Tänze in den 1950ern.
Er hatte schlanke Hände, die flink Gemüse schnippelten.
Er hatte eine Art, die sie verzaubert hatte, ohne dass sie es wirklich wahrgenommen hatte.
Er drehte sich um, als er sie sah lächelte er und sie merkte wie ihre Wangen rot wurden.
“Siehst gut aus.” Er grinste wie ein Schuljunge und sie musste lachen.
Sie lachte wie schon lange nicht mehr.
Bis ihr vor Glück Tränen in den Augen standen und sie wusste nicht woher all das Glück kam.
Jonas holte ein Glas aus einem Schrank und schenkte ihr O-Saft aus einer Kanne ein. “Frisch gepresst!”
Er hielt ihr das Glas hin und sie nahm es, wobei sich ihre Finger berührten und ihre Blicke auch.
Sie trank den O-Saft auf einmal leer. Und sagte “Lecker!”
Sie erkannte sich selbst nicht wieder, nach ei paar Stunden in Gesellschaft dieses Mannes.
Sie ging zu ihm und nahm seine Hand.
“Danke.”
Und er sprach mit seinen Augen.
Und sie antwortete mit einem Kuss.
Sie hatte ein zu Hause gefunden, dass sie glücklich machte.

Heute sitzt sie am Marktplatz und starrt wieder wie benommen auf den Boden.
Ein Jahr nach dem sie Jonas kennengelernt hatte.
Alleine.
Auf dem Boden, in der Stadt.
Jonas war nicht da.
Er war weg und würde nie wieder kommen.
Ihre schwarzen Pumps hatte sie abgestreift.
Den schwarzen Hut weggeschmissen.
Jetzt guckten die Leute böse.
Und sie nahm sich vor, dass das die letzte Trauerfeier war, die sie erlebte.
Die nächste Trauerfeier, würde die ihre sein.

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Kommentare

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    Natürlich ziemlich kitschig. Aber wirklich schön zu lesen. Man kann das alles so gut nachvollziehen und irgendwie lässt es einen hoffen dass nicht alle Menschen einfach vorbeigehen.

    08.06.2010, 17:16 von Hainsimse
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