Ankommen.
"Heiraten wollte ich eigentlich nie".
"Und was hat dich dazu bewegt es doch zu tun?"
"Ich weiß nicht, vielleicht war es der Zufall."
"Ja, vielleicht."
"Unsinn. Geliebt habe ich sie. Das war der einzige Grund."
Mein Großvater legte zufrieden seine runzeligen Hände über seinem Bauch zusammen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Meine Großmutter, wie immer, fuhrwerkte in der Küche. Ich nahm an, sie könne uns nicht hören, doch meinte ich, ein Lächeln über ihr Gesicht huschen zu sehen, bei den geständnisvollen Worten meines Großvaters. Normalerweise in solchen Momenten tat sie seine Worte mit einer harschen, doch liebevollen Handbewegung ab, sagte etwas wie: "Ach, der schwätzt schon wieder", schüttete daraufhin Kaffee nach und fing an, über etwas Belangloses zu reden. Meinen Großvater störte das nicht. Nach 50 Jahren Ehe würde er es nicht mehr wagen, ihr zu widersprechen.
Meine andere Großmutter verlor ihre große Liebe, meinen Großvater, Vater meines Vaters, an den Lungenkrebs. Sie war 40 Jahre alt. Er war ihre erste Liebe und ihre Letzte. Nie wieder, nachdem er von uns gegangen war, ließ sie einen Mann in ihre Nähe. Wenn ich mit ihr darüber sprach, wirkte sie nie verbittert. Sie liebte meinen Großvater wie zuvor, jeden Tag ihres Lebens, den sie ohne ihn verbrachte und an dem beim Essen nur sein Bild an der Wand uns Gesellschaft leistete. Gerne erzählte sie von früher, was er gern tat, was sie zusammen unternahmen, von den wertvollen Geschenken, die er ihr machte. Meine Mutter und ich versuchten häufigm sie an Männer zu bringen, konnten uns so schwer vorstellen, dass es gut für sie war, allein zu sein. Meine Großmutter wehrte sich dagegen. Sie brauchte keinen Mann. Sie war vollkommen ausgefüllt von der Liebem die sie einst besaß und die, obwohl der zweite Teil nicht mehr unter uns weilte, in ihr fortlebte.
Die Eltern einer Freundin heirateten vorwiegend nicht aus Liebe, sondern weil die Mutter meiner Freundin schwanger wurde, keine 18 Jahre Zeit hatte, Erfahrung zu sammeln, um sich schon beim Windelwechseln und auf Spielplätzen wieder zu finden, mit ihrem Freund, ihrem zukünftigen Ehemann, nicht älter als sie und bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Jahr an ihrer Seite.
Heute sind sie seit 25 Jahren verheiratet, und was am Anfang ein Unfall war, durfte noch weitere fünf Mal geschehen.
"Du hast noch Zeit ,meine Liebe.", erzählte mir meine Großmutter Heiligabend. Sie selbst lernte meinen Großvater in meinem Alter kennen, und wenn sie ihn heute anschaut, sehe ich wieder die frisch verliebte Zwanzigjährige vor mir, die noch nicht die Hälfte von der Welt gesehen hatte und schon bereit war, sich festzulegen. Schon bereit zu sein schien, den Mann kennenzulernen, der auch die folgenden 50 Jahre nicht von ihrer Seite weichen sollte.
Ich habe nie an die große Liebe geglaubt. Hätte ich es getan, hätte ich mich fragen müssen, warum es so schwierig ist, sie zu finden und wenn man sie finden sollte, sie festzuhalten. Warum sich Menschen streiten, scheiden, betrügen, verlieren, immer nach anderem, besserem suchen, aus Angst sich festzulegen, Angst etwas zu verpassen.
Ich war immer, kaum war ich an einem Ort angelangt, bereit den nächsten Ort anzufixieren, immer nahe am Absprung, einen Fuß an der Startlinie, Fersen hoch, zu ungeduldig, um auf den Abpfiff zu warten. Frühstart. Oder ein zu frühes Ende, jedenfalls für diejenigen, die mit von der Partie waren.
Romantik ist was für alte Zeiten, Heimatfilme, Groschenromane, Rosamunde Pilcher und ihre Freunde. Wenn man jung ist, rast man umher, hüpft von einem Bett ins andere und perfekt ist doch keiner der Bekanntschaften und gewillt sich mit Unperfektem abzugeben, wer ist das schon. Und doch kam ich nicht umhin an Heiligabend den einen Tag nicht abwarten zu können. Den Tag, an dem ich diesen einen Menschen anschauen kann und weiß, dass ich bereit bin, ihn in 50 Jahren mit demselben Glanz in meinen Augen, demselben Lächeln anzuschauen. Und ich dann weiß, dass es richtig ist und ich nichts verpasse, außer die Suche nach dem, was ich in genau diesem Moment besitzen werde.




Kommentare
Mensch, Mensch, Mensch.
22.12.2010, 22:42 von WurstModemIch verstehe es nicht, warum Frauen heiraten und Liebe geradezu gleichsetzen. Das eine ist das Kabinettstück der Gefühle, das andere eine überholte Tradition.
Aber dieser kleinmädchen Wunsch des "schönsten Tags" im Leben, ist einfach nicht tot zu kriegen. Spätestens seit der Emanzipationsbewegung funktioniert das mit der Ehe nicht mehr richtig, weil eine stabile Ehe aus solider Abhängigkeit, gesellschaftlichem Druck oder fehlenden Wahlmöglichkeiten basiert (zumindest in 99% aller Fälle).
@WurstModem In meinem Text geht es eigtl auch nicht zwangslaeufig ums Heiraten, wird auch nicht erwaehnt. Die Ueberschrift hab ich nicht dazugefuegt, das war die Redaktion. Von daher. Aber wenn es ums Heiraten geht, dann um Heirat aus Liebe und das hat dann meiner Meinung nichts von "veralteter Tradition"...
23.12.2010, 00:51 von go_lightlyHachja... :)
22.12.2010, 10:44 von HoerTheaterNur wenn Liebe geht, geht irgendwas.
20.12.2010, 20:51 von KokomikoHeiraten ist das zweitgrößte Erlebnis, das ein Mensch erleben kann. Totaler Wahnsinn!! Ausnahmezustand!!
Hammerhärter ist nur noch dabei zu sein, wenn Deine Kinder zur Welt kommen.
Heiratet! Heiratet! Es gibt kein besseres Gefühl!! Totaler Irrsin..total endgültige Wahrheit!!
Wunderbar plädiert!
@Kokomiko Da freuen sich die Scheidungsanwälte! Ein Beruf mit Zukunft ...
20.12.2010, 22:00 von B.tina@B.tina Des einen Tod, des anderen Brot
20.12.2010, 22:02 von Kokomiko@Kokomiko Da fällt mir das Schild ein, das Entenfüttern verbietet. „Euer Brot ist unser Tod.“
20.12.2010, 22:06 von B.tinaIch fand heiraten jetzt nicht so toll, aber das lag sicher auch an den Umständen.
@B.tina Die Enten fressen das Brot, blähen sich auf und gehen ein.
20.12.2010, 22:33 von KokomikoWenn man heiratet, danach mehr Nahrung zu sich nimmt, als der Stoffwechsel abbaut, bläht man auch auf...und wird zu dick. körperlich.
Aber tot ist die Ehe erst, wenn man dazu umgekehrt proportional den Kick abbaut, den das Weibchen drauf hat. N'est pas?
@Kokomiko Also, ich habe ja nach der Hochzeit nicht zugenommen.
20.12.2010, 23:13 von B.tinaBin von dem Konzept einfach nicht 100% überzeugt. Will aber niemandem hier die Freude nehmen.
Habe nur eine Bitte: Jungegesellen-Abschied bitte nicht in der Düsseldorfer Altstadt feiern. Bitte nicht. Das nervt nämlich unglaublich und ist nicht witzig. Danke.
@B.tina Der Text holpert etwas, aber die Passagen über die Großeltern ist SEHR schön...
21.12.2010, 02:25 von HeikeT.Bitte verlobe Dich oder heirate NICHT an einem Feiertag!!!!
Falls es schief gehen sollte ist dieser Tag für immer versaut!!!
Ich wünsche Dir/Euch alles Gute!
PS: Ich wollte nie heiraten und NIE Kinder haben. Kinder habe ich, aber heiraten werde ich eher nicht...
Ein wunderbarer Text!
20.12.2010, 17:26 von Bender018Ist einzig die Dauer der Jahre entscheidend, oder kann nicht auch ein intensiver Augenblick genauso wichtig sein?
20.12.2010, 15:04 von Tanea@Tanea Natuerlich. Und ich waere die letzte die sagt, dass man mehrere Beziehungen und Momente auch von kuerzerer Dauer zu unterschiedlichen Menschen gehabt haben kann, die alle intensiv und besonders waren. Aber mir persoenlich gefaellt die Vorstellung sein Leben mit einem besonderen Menschen teilen zu koennen. Im Endeffekt ist es ohnehin zum grossen Teil auch dem Zufall zu ueberlassen und wenn es nicht geht, dann geht es nicht, dann sollte man auch nichts erzwingen nur um eine gewisse Dauer zu erreichen. Aber wenn es geht, finde ich das was sehr schoenes. Jedenfalls in der Beobachtung von aussen bisher.
20.12.2010, 15:11 von go_lightlyganz ganz schön :)
20.12.2010, 14:34 von mitschnackermadeUnd ich dann weiß, dass es richtig ist und ich nichts verpasse, außer die Suche nach dem, was ich in genau diesem Moment besitzen werde
20.12.2010, 14:15 von KryptonymWundervoller Satz!
Das schmalzt selbst mir zu arg und ich bin Romantiker und Klimt-Fan. Nee - das ist mir nicht tief genug. Ehe und Liebe bedeuten mehr. Das finde ich hier in diesem geschönten Text nicht.
20.12.2010, 14:07 von Jackie_Grey@Jackie_Grey Auf irgendwas reduzieren wollte ich Ehe und Liebe damit eigtl gerade nicht.. eher im Gegenteil. Aber es ist wahr, ueber das Wort "besitzen" kann man sich jedesmal wieder streiten..
20.12.2010, 14:08 von go_lightly@go_lightly naja ehe hat was von selbstaufgabe, gegenseitiger unterwerfung, kapitulation. das ist alles einfach blühender und überhaupt kommt das wesen der sache abgesehen von den beschreibungen der verwitweten (wie sieht´n das aus?) oma kaum raus. es klingt eher so, "ich hüpf bis ich mir´n hals brech und nicht mehr anders kann als den zu lieben, der mich auffängt." was, wenn man sich darauf bezieht, aber auch rpmantisch sein kann. nur wird das ja nicht explizit getan, es wird eigentlich alles ausgebremst, was an der sache so bezaubernd ist.
20.12.2010, 14:20 von ofilisund da sophie den text empfohlen hat, verliert ihre ehe nun massiv an glaubwürdigkeit.
muha.
@ofilis Es scheint mir jedoch, dass du mich nicht richtig verstanden hast, da ich mich gerade dagegen ausspreche "rumzuhuepfen" und eben fuer die Selbstaufgabe ausspreche die eine lange Ehe, die neben all der Romantik vor allem sehr viel Arbeit sein kann, braucht. Ich wollte damit auch nicht ausdruecken, dass man den erstbesten nimmt, der einen auffaengt sondern mich beeindruckt es einfach, wenn es Menschen gelingt ueber lange Zeit hindurch wirkliche Liebe aufrechtzuerhalten und eben nicht beim ersten Streit oder der kleinsten Unperfektheit aufgeben und sich was anderes suchen. Das sind zumindest die Gedanken, die hinter diesem Text stehen. Ist ja gut zu wissen, dass man es auch anders auffassen kann, war jedenfalls nicht beabsichtigt.
20.12.2010, 14:24 von go_lightly@go_lightly na ich denke schon, dass ich verstehe, was du sagen WILLST. aber eben auch, was du tatsächlich sagst. und davon weiß man naturgemäß selbst am wenigsten.
20.12.2010, 14:31 von ofilis@ofilis Aha. Nagut. Bleibt die Frage, ob das was ich sage wirklich objektiv zu beurteilen ist.
20.12.2010, 14:36 von go_lightlynett, aber irgendwie bißchen fad.
20.12.2010, 14:05 von ofilis"perfekt", "besitzen", "hüpfen".... kommt alles etwas geschmacklos.
sehr schön! Ich habe diesen einen Menschen gefunden und ich wünsche es jedem und jeder auf dieser Welt, dass sie diesen für sich auch finden.
13.12.2010, 20:17 von Lausannegeles