Horge 03.11.2004, 20:18 Uhr 18 1

Angst vor der Liebe

Wunsch nach Nähe und trotzdem diese Angst, dass es nicht reicht, wer man ist.

Meine Ängste liegen vor mir ausgepackt auf einem Tisch. Ich kann um sie herum gehen und sie betrachten. Sie sind jetzt deutlicher als früher. Sie sind zurückgekehrt. Vielleicht waren sie nie wirklich weg. Woher kommen sie? Würde es mir überhaupt helfen, wenn ich wüßte, wo sie ihre Wurzeln haben? Zum Teil weiß ich es.

Ich habe schreckliche Angst zu versagen. Nicht genügend zu sein. Nicht mehr fähig zu einer Beziehung. Weder mental noch körperlich. Weil ich diese Fähigkeit aufgrund meiner Lebensgeschichte nicht entwickeln konnte. Oder weil diese Fähigkeit immer fehlte und daher meine Lebengeschichte geprägt hat. Es ist eine Mischung aus mitgebrachter Anlage, meiner familiären Sozialisation, unglücklichen Fügungen ("Schicksal") und jetzt verstärkender Prägung. Ich bin das, was ich wurde. Und wurde das, was ich immer in mir trug.

Es fehlt mir an Vertrauen. Vertrauen in mir selbst und Vertrauen der Welt gegenüber. Ich wurde zu oft enttäuscht und verletzt, um mich öffnen zu können. Meine eigenen Maßstäbe liegen zu hoch, ich scheitere an ihnen. Jede, die mit mir zu tun hat, wird es früher oder später entdecken, daß ich ungenügend bin und wird sich ihrerseits enttäuscht zurückziehen. Diese Ungnügendheiten wurden zur Wahrheit. Mentale Annahmen werden real. It's all in your mind.

Es macht sich heute keiner mehr die Mühe, jemandem dabei zu helfen, sich aus dem Sumpf herauszuziehen. Jeder will ein fertiges Partnerprodukt, möglichst fehlerfrei. Mit beiden Beinen fest im Leben stehend. Einen Erwachsenen, jederzeit Herr der Lage, wissend wohin er will. Bleib mir fort mit Problemen. Ich hab auch keine, warum hast Du welche? Warum hast Du nicht die Kraft, sie alleine zu lösen? Gründe interessieren nicht, nur der Zustand, der jetzt ist. Wer glaubt noch an mich? Pech gehabt. Alles dumm gelaufen.

Andererseits haben sie Recht. Ich kann keine Garantien geben, denn ich bin ich. Ich bin geprägt.

Gestern war eine Szene mit einem Liebespaar im Fernsehen. Sie liegen nebeneinander im Bett. Sie streichelt ihm seine behaarte Brust. Würde ich das überhaupt noch genießen können? Ich würde ihr in Gedanken sagen "du streichelst einen falschen Fuffziger, vergiß es".

Ich kann meinen Schutzwall nicht aufgeben, der es verhindert, in Gefühle abzutauchen. Der Wall schützt mich vor Verletzungen. Ich bin nicht unbeschwert. Werde ich mit ihr lachen können, gute Zeiten erleben? Geht das noch nach all den freudlosen Jahren?

"Bitte streichle mich noch weiter... drei Wochen am Stück, heile mich". Wird sie noch Achtung vor mir haben, auch wenn sie es war, die mich geheilt hat? Geht es in Ordnung, wenn ich trotzdem nie ganz frei sein werde? Jedenfalls nicht heute oder morgen."Wichtige Links zu diesem Text"
Absolute Beginners - Menschen ohne Beziehungserfahrung

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18 Antworten

Kommentare

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    ja, scheint so. :) Das Thema ist immer aktuell.

    27.11.2012, 04:07 von Sanne19
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    Ich habe den Text 2004 geschrieben und Ihr lest ihn immer noch? ;-)


    27.11.2012, 03:25 von Horge
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    Ich hab den Artikel auch erst heute zum ersten Mal gelesen. Und wow..genau so denke und fühle ich auch, wirklich 100 %. Gruselig.

    27.11.2012, 03:03 von Sanne19
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    Liebe ist auch etwas schreckliches eigentlich. Im groben Ganzen gesehen.

    23.11.2011, 09:51 von LeyluraLegbreaker
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    Ich habe den Artikel erst heute entdeckt. Aber ich erkenne mich in deinen Worten so sehr wieder, dass es mir regelrecht Angst macht.

    23.11.2011, 08:44 von SimplyFrogButNoCrown
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    Wow. Dieser Artikel ist vier Jahre alt, aber er spricht genau aus meinem Herzen! Ich weiß nicht, ob du mein Kommentar je lesen wirst, aber wenn du ihn ließt, würde ich mich über eine Reaktion freuen! Konntest du dagegen angehen??

    24.09.2008, 23:00 von engfel
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    Hi ihr alle!
    ich hab grad ei paar Kommentare hier gelesen und werd wahrscheinlich noch bis spät nachts hier weiterlesen.Mir liegt das Thema sehr am Herzen.Vielleicht weil ich selber glaube diese beziehungsunfähigkeit zu haben. Auch weil ich grad im letzten halben Jahr mit Mensche zu tun hatte, die genau das empfinden. Der eine hat einfach nicht verstehen wollen warum ich bei ihm sein wollte-der andere auch nicht.Ich sagte, weil ich gerne bei Dir bin.Ich mag DIch-Er: versteh ich nicht..ich bin doch irgendwie..irgendwie, naja...`n arschloch.Der andre meint, keine würds länger als ne Nacht bei ihm aushalten. Ich mag die Menschen mit Ecken und Kanten.Ich bin ja selber in ähnlicher Situation.weiß jetzt auch nich mehr dazu zu sagen.werd mal weiter schmökern.Ausser eins noch: ein perfektes Partnerpaket charakterisiert sich nicht durch das erfüllen der objektiven Bedeutung von perfektion..es kann auch eine unperfekte eigenschaft sein, die dich grade für den anderen perfekt macht.Und wenn Du spürst geliebt zu werden von jemand besonderem, dann lass es doch geschehen, wenn du magst und grübel nicht, was denn nun liebenswert an dir ist..

    24.04.2005, 20:48 von yavrus
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    Ich kann viele deiner Gedankengänge nachvollziehen. Als Mittelkind bin ich da eh vorgeprägt. Der Gefühlsaustausch fällt mir extrem schwer, da ich schon vor Jahren Mauern um mich herum gebaut habe und niemanden an mich heranlasse. Ich lasse mir auch nicht bei Problemen helfen und rede darüber nur sehr selten. Nun gut. Ich glaube nicht an eine Unvollkommenheit meiner selbst. Wenn ich eins noch habe dann ein gutes Selbstvertrauen. Auch wenn das nicht immer so war. Ich kenne aber die Angst vor einer Partnerschaft. Im Moment verprelle ich jede Frau, die versucht mich kennen zulernen. Dafür bin ich in letzter Zeit zu stark enttäuscht worden und auch nicht aufnahmefähig. Was nicht heißt, das es immer so bleiben wird.

    Es kann aber nicht sein, das du dich selbst bemitleidest und dich für minderwertig hältst. Das bringt dich nicht weiter. Lass dich von deinen Freunden motivieren. Schließ dich nicht zu Hause ein, sondern unternimm was. Eines Tages steht die richtige Frau vor dir. Wenn sie ein wirkliches Interesse an dir hat, wird sie dich verstehen und die Sache langsam angehen. Dazu musst du sie aber auch über deine Ängste aufklären. Kopf hoch.

    28.02.2005, 13:42 von helsing
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    Ich finde es wirklich beeindruckend, dass auch ein "männliches" Wesen so direkt über seine Emotionen sprechen bzw. schreiben kann. Klar klingt es ein bisschen arg nach Selbstmitleid, aber man sollte wirklich nie die Lebensgeschichte eines Menschen ausser Acht lassen!

    Hatte auch oft das Gefühl, nicht genügend zu sein, und leider tut man sich damit selbst keinen Gefallen!

    Das mit dem "fertigen Partnerprodukt" finde ich auch sehr schön formuliert, da die meisten heutzutage wirklich (vor allem Männer) immer auf der Suche nach dem "Super-Ideal-100Prozent-Partner" sind und sich keiner mehr die Mühe machen will, zusammen an gemeinsamen Problemen zu arbeiten! Dann lieber schnell die Partnerin wechseln und das Glück bei der nächsten versuchen!

    Ich habe mich auch gefragt, ob ich mich jemals noch mal öffnen soll. Bei mir waren es auch viel zu viele Enttäuschungen gewesen. Und die meisten Männer wollen sowieso nur den schnellen Sex, seien wir mal ehrlich.

    11.02.2005, 15:03 von Cybergalactica
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      @[Benutzer gelöscht] Danke für die Antwort bzw. den Teil... :-)

      "die gesellschaft ist schnellebiger geworden denn wie sonst kannst du mir bitte deine erklärung erläutern das scheidung und trennung heutzutage schon so leicht und gesellschaftsfähig geworden sind....das man heute weitaus schneller leute kennenlernt als vor 50 jahren....?????"
      Vorsicht mit den vielen Fragezeichen, sonst halte ich mich noch für ein Genie, weil ich so eine Frage beantworte.
      Dafür will ich zwei Kategorien trennen: a) Schnelllebigkeit
      b) gesellschaftliche Veränderungen

      zu a) Dass die Gesellschaft "schnelllebiger" geworden wäre, ist eine Phrase, die man oft hört. Für mich ist da vor allem die Aussage drin "Mir ist die heutige Zeit zu schnell." Bezeichnend, dass das Wort auch von solchen verwendet wird, die nicht wirklich einen Vergleichshorizont (also ein entsprechendes Alter) haben. Ich für meinen Teil habe den auch nicht, daher glaube ich den Älteren einfach, dass vieles schneller geworden ist, mag ja sein.

      zu b) Es gab erhebliche Wandlungen der vorherrschenden gesellschaftlichen Ansichten ergeben. Vor fünfzig Jahren hatte beispielsweise eine Trennung einen ganz anderen Stellenwert als heute, hatte etwas Skandalöses. (Ich empfehle "Ehen in Philippsburg" von Walser, nicht nur wegen dieser Thematik hervorragend.) Genau wie auch die heute "normale" Partnerwechselfrequenz mancher Leute. Das ist ein Beispiel für die - relative - Freizügigkeit unserer Zeit, nicht für eine - wie auch immer geartete - Schnelllebigkeit (Fast hätte ich, ganz freudsch, "Schnellliebigkeit" geschrieben.), die Sicht einer solchen hat sich wohl aus den genannten gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben.
      Dass man viel mehr Leute trifft als ehedem ist auch eine Folge gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen, nicht einer S.

      Zusammenfassend: Ich sträube mich gegen den Begriff "Schnelllebigkeit", weil er meiner Meinung nach willkürlich verwendet wird und verschiedene Phänomene umfasst bzw. plattmacht (oft auch noch wertet), die sich differenziert, jedes für sich, recht gut erklären lassen. Zu bestreiten, dass es so etwas gäbe wie S. ist unklug, davon nehme ich also hiermit Abstand.


      Zu Deiner anderen Frage, warum er nicht um Eure Liebe kämpfen will: Offensichtlich ist es ihm nicht wichtig genug. Ich schätze, das musst Du einfach einsehen. (Und hoffe, ich bin nicht - aufgrund aktueller Anlässe - zu zynisch.)

      25.02.2005, 10:32 von veit
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      @[Benutzer gelöscht] @ SoulStyleQueen
      *g* Nein, meiner Meinung sein reicht natürlich nicht. Schließlich habe ich keine statische Meinung - was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? ;-)

      "ich rede nicht davon das MIR die welt zu schnelllebig geworden ist, ich rede davon das ich es so auffasse da ich bei wenigen heut zu tage noch den willen sehe etwas dauerhaft anzufangen bzw zu ende zu bringen. warum dreht sich alles immer so schnell"
      Problem bei diesen Beobachtungen: Sie sind relativ. Und für relative Feststellungen braucht man Vergleichspunkte. Ich glaube durchaus, dass die Gesellschaft heute schneller funktioniert als früher. Aber wir auch, wir sind schließlich daran gewohnt. Auch daher finde ich das lamentierende "Schnelllebigkeit" nicht gut.


      "wenn man nicht auch hier, immer die möglichkeit hätte seinen partner schnell auszutauschen, statt sich die zeit zur veränderung und problemlösung zu nehmen?!"

      Das muss kein Anstatt sein, wer es so handhabt, der unterliegt meist einer Fehleinschätzung - schließlich gibt es die Beziehung ohne Arbeit langfristig nicht.


      "woher kommt denn diese frezügigkeit...und vorallem wo hört sie auf wann ist sie angefangen, hä? denn auch das ist ein kreislauf einer gewissen schnelllebigkeit."

      Das sehe ich nicht so. Die beiden Dings haben vielleicht gemeinsame Ursachen.


      "so und dazu das du sagst du weigerst dich gegen den begriff schnelllebigkeit, dass zeigt doch schon das du doch auch ein wenig daran denkst es nur wegen deiner werte nicht zu lassen willst."

      Nein, das ist hier keine Frage von Werten sondern von Sprachgebrauch - siehe meine Begründung!
      [Am Rande: "das" für Relativsätze - nicht "dass"!]

      schönen Gruß,
      veit

      01.03.2005, 22:07 von veit
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