LaBrit 30.12.2011, 19:55 Uhr 3 4

Angekommen (für J.)

Keine Vergangenheit und keine Zukunft für das alte Arschloch Angst.

Mein Herz klopft mir bis zum Hals und ich überlege, was eigentlich der Unterschied zwischen Verliebt Sein und Angst ist. Schweißnasse Hände, Herzklopfen und leichte Übelkeit.
So weit auseinander liegen diese beiden Zustände bei mir ohnehin nicht. Der Unterschied besteht darin, dass ich mich in dem einen Zustand besser auskenne, ja, fast heimisch fühle. Und das ist die Angst.
Das eine geht oft in das andere über, oder führt das eine zum anderen?
Verliebt Sein. Kenne ich, klar. War ich oft. Und dann war es das auch schon. Dauerte dieser Zustand länger als drei Monate, veränderte er sich schleichend und wurde zur Angst.
Und jetzt stehe ich hier, im ersten Monat dieses Gefühls, und habe Angst, dass es wieder zur Angst werden könnte.
Und dann kamst du. Du bist da.
Mein Kopf und mein Bauch liefern sich in drei Sekunden einen Acht-Runden-Fight, den der Bauch gewinnt. Er umarmt dich, und ich dich mit ihm. Er freut sich darüber. Du dich auch, weil du lächelst.
„Du musst keine Angst haben.“ Ich höre die Stimme meiner Freundin in meinem Kopf; sie übertönt meine eigene als du mir den Arm um die Schulter legst und mich mitnimmst.
Der Bauch übernimmt das Kommando. Im Kopf strahlt meine Freundin bis über beide Ohren und ist stolz auf mich.
Ich küsse dich.
Einfach so.
Aus dem Bauch heraus.
Ohne Angst, stattdessen voller Gefühl.
Was weiß ich was morgen passiert? Scheißegal was gestern war. Ich bin jetzt hier mit dir und ich will dir nah sein. Und deswegen küsse ich dich.
Es ist schön. Es ist wunderschön. Ich fühle mich wohl und würde ich dich nicht gerade küssen, dann würde ich lachen müssen weil ich glücklich bin.

Das war vorgestern.
Und heute- jetzt – frage ich mich, warum wir Menschen nicht viel mehr Zeit im Jetzt verbringen. Warum wir grübeln, wer wir waren, um zu erklären wer wir heute sind. Warum wir überlegen ob sich etwas lohnt, ob sich Verlieben lohnt, wassollendenndieleutedenken?
Ich wünsche mir, im Jetzt zu sein.
Im Jetzt gibt es keine Angst, weil es im Jetzt keine Vergangenheit gibt, an die man sich erinnern kann und keine Zukunft, die man fürchten könnte.
Ich habe jetzt dreißig Jahre Angst gehabt. Ich war verliebt, sicher, bis sie übernommen hat.
Und ich möchte das nicht mehr.
Irgendwann reicht es mit Schuldzuweisungen an die Eltern oder Klassenkameraden, es reicht mit „aber ich bin nun mal so sensibel“, es reicht mit Tabletten und Alkohol.
Ich möchte dich auch in einem Jahr noch küssen und dabei lachen wollen.
Ich möchte mich nicht mehr hinter meiner eigenen Unzulänglichkeit verstecken dürfen.
Du bist mir mehr wert als diese Kopfscheisse.
Ich gebe meine Angst für dich auf.
…und dann küss ich dich.

4

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 2

    Ich mag die Überschrift...

    31.12.2011, 12:36 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • 1

    "Im Jetzt gibt es keine Angst, weil es im Jetzt keine Vergangenheit gibt"
    toll!

    toller Text!

    31.12.2011, 11:34 von Cold_Coffee
    • Kommentar schreiben
  • 4

    Ein wichtiger Text.

    Denn Liebe hat im besten Falle wenig mit Kopf und Verstand zu tun.

    31.12.2011, 00:25 von TilmannKleye
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare