moi_judita 23.06.2007, 13:10 Uhr 2 3

Aneckgefahr.

[Eine Geschichte, die zu nichts führt.]

Max Goldt hat ein Buch geschrieben: „Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens.“
Sie hatte es nicht gelesen, aber letztens am Bahnhof plötzlich in der Hand gehalten. Sie hatte auf den Zug zurück nach Köln gewartet und die Tasche mit den anderen Büchern, die sie nie gelesen hatte, die aber anscheinend zum Studieren dazu gehörten, hatte so schwer auf ihrer Schulter gehangen, dass sie die aufkommende Wirbelsäulenverkrümmung praktisch millimetergenau wahrgenommen hatte.
'Diesem Zauber würde ich gerne erliegen', hatte sie gedacht und sich gleichzeitig gefragt, ob jetzt irgendjemand, der das Buch kannte, darüber lachen würde, weil es vielleicht völlig am Thema vorbei war.
Aber es war tatsächlich so, dass sie sich wünschte, überall einfach seitlich dran vorbeigehen zu können. Ihr ganzes Leben war gerade ein einziger Versuch, sich überall seitlich, mit eingezogenem Bauch und verkrampft, an die Seite gepressten Armen, vorbei zu schieben.

Sie eckte trotzdem überall an. In ihrem Kopf. Stieß sich an Nil-Zigaretten und Halstüchern und Sonnenaufgängen auf Terrassen unterhalb von Bahndämmen und letzten Worten und letzten Malen.
Irgendwann hatte sie das Buch zur Seite legen müssen – sie hatte sich nur das bunte und recht chaotische Cover angeschaut und noch nicht mal den Klappentext gelesen – um in den Zug 15.52 Uhr nach Köln-West zu steigen. Der 52er war einer der wenigen übrig gebliebenen klapprigen Züge, in denen man die Fenster noch runterschieben konnte und es höllisch laut wurde, wenn jemand vergessen hatte die Abteiltür zu schließen, was eigentlich ständig passierte.
Sie saß dann auf einem der durchgesessenen Sitze, die Knie zusammengepresst und hörte viel zu laut Musik durch ihre Stöpsel, deren Kabel sich langsam vom Stecker zu lösen begann. Es störte sie nicht sonderlich, dass das Mädchen in dem Poloshirt und irgendeinem juristischen Vorlesungsskript – natürlich - sie böse anstarrte. Es störte sie nur, dass dieses Mädchen mit den exakt blond gesträhnten Haaren, gleich sehen würde, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
Sie hatte wieder mal die Arme nicht fest genug an sich gepresst und sich gestoßen. Der falsche Song quälte sich gerade digital durch das Kabel, hinauf in ihre Kopfhörer und in ihre Ohren.

Das Lied hatte ein Junge geschrieben, über ein Mädchen. Und es war ja eigentlich umgekehrt. Aber sie hatte es vor einem Monat gehört, nachdem sie sich an der Ecke am Backwerk von ihm verabschiedet hatte. Nach fast drei Tagen, in denen sie zusammen die Welt ausgesperrt hatten.
Sie kannte den Text auswendig und sang jetzt in Gedanken mit zittriger Stimme mit.

"In the sky the birds are pulling rain
In your life the curse has got a name
Makes you lie awake all through the night
That's why

She's intoxicated by herself
Everyday she's seen with someone else
And every night she kisses someone new
Never you

You're waiting in the shadows for a chance
Because you believe at heart that if you can
Show to her what love is all about
She'll change

She'll talk to you with no one else around
But only if you're able to entertain her
The moment conversation stops she's gone
Again"


Das 'Toxic Girl' war zwar ein 'Toxic Boy' und geküsst hatte er sie sehr wohl und zwar viel zu oft, viel zu lange und viel zu gut, aber die Tränen musste sie jetzt trotzdem wegblinzeln, damit das Juramädchen schräg gegenüber nicht aus ihrer rationalen Welt der Paragraphen und reichen Eltern gerissen wurde.
Sie hielt durch. Selbst in der U-Bahn, selbst dann als sie am Backwerk vorbei lief. Sie schaffte es den ganzen restlichen Tag, nicht anzuecken. Wohl in erster Linie, weil sie acht Stunden vor ihrem altersschwachen Computer saß und auf ihrer dreckigen Tastatur Geschichten über Menschen schrieb, die noch trauriger waren als sie.

Den nächsten blauen Fleck holte sie sich dann abends, als sie den Fehler beging, den Fernseher einzuschalten. Beim durchzappen entdeckte sie Dittsche auf WDR. Zuerst wunderte sie sich nur, warum Dittsche mitten in einer Dienstagnacht, die schon fast eine Mittwochnacht war, lief. Denn eigentlich gehörte Dittsche zum Sonntag. Es war eine Wiederholung, aber das war dann auch egal, als sie an einen Sonntag vor fünf Wochen dachte und an das letzte Mal schlafen mit ihm. Als sie fertig waren, hatte sie durch den Spalt der halb geöffneten Schlafzimmertür geschaut und dem Fernseher und Dittsche beim wirklich wahren Leben leben zugeschaut. Und dann fragte sie sich, ob sie die Pille heute schon genommen hatte und dann fiel ihr die Frage ein, ob er auch mit ihr ohne Kondom schlief und daraufhin schaltete sie den Fernseher wieder aus und verbrachte die Nacht damit ihre Tränen wegzublinzeln.

Es war tatsächlich erst fünf Wochen her, dass sie in Unterhosen die freien Tage auf seinem Sofa verbracht hatten. Ihr hatte irgendwann der Bauch weh getan, vor lachen, weil er sie ständig auskitzelte. Das tat er gerne und obwohl es anstrengend war und sie kaum noch Luft bekam, mochte sie es auch. Es war ihr kleines Ritual. Andere Paare, wobei sie natürlich nie ein Paar gewesen waren, gingen Sonntag morgens spazieren oder schmierten sich gegenseitig ihre Stullen für die Arbeit. Er kitzelte sie aus und sagte ihr, dass sie dann so süß sei und sie sagte ihm, dass sie ihn hasse und meinte natürlich das Gegenteil, was sie aber nicht sagen durfte.
Er wusste auch so, was sie meinte.
Seit diesem Wochenende durfte sie auch kein Spongebob mehr gucken, keine gebratenen Nudeln mehr essen oder kiffen. Aneckgefahr.

Es war tatsächlich erst zwei Wochen her, dass er mit oder ohne Kondom mit einer Anderen geschlafen hatte. Vielleicht aber auch schon vorher, das wusste sie nicht. Seitdem durfte sie nicht mehr an seine Matratze unter dem Baum aus Abtönfarbe denken. Oder an Ikea, da hatte er sie nämlich vor der Wand mit den Ivar-Regal-Teilen mal hochgehoben, was sie nicht mochte, weil sie Höhenangst hatte, aber trotzdem doch sehr, weil sie sich so beschützt fühlte. Oder an ihren kleinen Basilikum im Tontopf auf der Fensterbank, aber gegeossen werden musste er schließlich trotzdem, weil, er konnte ja auch nichts dafür. Oder an die ungefähr hundert Nächte mit ihm.
Verboten waren auch tätowierte Mädchenarme, Musik von Isis, der Supermarkt bei ihm um die Ecke und Pizza backen.

Sie dachte in dieser Nacht viel zu oft an die verbotenen Sachen. Und irgendwann, als der Regen draußen langsam in Nieseln überging und unten im Hof die ersten Hausbewohner ihre Fahrräder aufschlossen, überlegte sie sich was sie ihm sagen wollte, wenn sie ihn zum ersten Mal wieder sehen würde. Das würde bald passieren. Denn die Stadt war in den viereinhalb Jahren, die sie hier wohnte, zum Dorf geworden und er war schon immer ihr Nachbarsjunge gewesen.
„Arschloch.“ war ein profaner, aber trotzdem guter, Anfang, überlegte sie sich. Weil er es nämlich nicht leiden konnte, wenn sie ihn so nannte, weil er wusste, dass sie Recht hatte. Irgendwie.
Mehr viel ihr nicht ein. Sie, die die Tage damit verbrachte, kleine schwarze Buchstaben in virtuelle Dokumente zu setzen, um damit den Leuten, wer auch immer sie waren, etwas zu erzählen – ihr fiel nichts ein. Vielleicht lag es daran, dass sie sich zu dumm vorkam.

Sie hatte doch gewusst, dass es wieder passieren würde. Es war schon so oft passiert und sie kannte ihn schließlich. Nach einer Versöhnung irgendwann vor Weihnachten, als er sagte, er hätte sie vermisst, da hatte sie trotzdem gewusst, dass es wieder andere Mädchen geben würde.
Aber es ist nun mal so: Egal, wie sehr man sich mental auf so etwas vorbereitet, es ist trotzdem immer so, als würden Bomben aufs eigene Hausdach krachen.
Sie mochte eigentlich keine Kriegs-Metaphern. Love is a battlefield – Quatsch. Totaler Blödsinn. Überhaupt war Liebe hier das falsche Wort. Noch größerer Blödsinn.
Sie dachte lieber wieder über den „Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“ nach und zog den Vorhang vorm Fenster zur Seite. Die Nacht war endgültig überstanden und komischerweise hatte es gerade aufgehört zu regnen. Ein Keil blauen Himmels hatte sich zwischen die Wolkendecke geschoben.
'Wie scheiß kitischig', dachte sie. Und überlegte gleichzeitig, dass es aussah, als würde das blaue Dreieck von ihrem Haus bis zu seinem hinter dem Bahndamm reichen.
Noch kitschiger und schon wieder angeeckt.
Also ging sie zum Plattenspieler, ihrem alten Chauvi, der immer gestreichelt werden wollte, damit er funktionierte.
Der dritte Song auf der ersten Seite der Platte, endete mit:

'It’s too late, now."

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2 Antworten

Kommentare

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    Ich mag deinen Schreibstil so sehr... und das ist die dritte Geschichte von dir, nach der ich für einige Zeit einfach vorm Bildschirm sitze, meine Gedanken rasen und die kleinen schwarzen Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen. Wunderschön.

    13.09.2007, 20:47 von Apfelohring
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    Was für ein schöner Text.
    Ich denke auch immer noch viel zu oft an verbotene Sachen...

    25.06.2007, 11:35 von Maibowle
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