Sultanine 08.09.2012, 12:10 Uhr 14 11

Anders

Warum ich dich liebe weiß ich nicht, vielleicht weil du anders bist

Wir kennen und schon so verdammt lange, fast die Hälfte unseres Lebens. Manchmal weiß ich nicht wie das funktioniert, wir sind uns beide so nah und doch so fern.

Wärst du nicht mein Mann, wärst du ein Niemand für mich, denn wir beide haben schließlich kaum etwas gemeinsam. Außer, dass wir anders sind.

Wir sind so anders, dass wir uns manchmal in unserem Anderssein verlieren, uns nicht mehr sehen, blind werden. Manchmal müssen wir uns suchen und immer müssen wir uns finden lassen. Oft stehen wir mit Lampen im Dunkeln, brauchen Stunden, um uns zu fokussieren.

Eigentlich mögen wir komplett unterschiedliche Dinge, sehen die Welt anders an und können mit den Interessen des anderen gar nichts anfangen. Während du in Physikbüchern rumlungerst sinniere ich über das Dasein und einem von mir gerade bearbeiteten Text. Meine Texte berühren dich nicht, vielmehr wohl nur, dass ich sie geschrieben habe. Das wars. Mh. Müsstest du mich beschreiben, würdest du es ganz anders tun, als ich mich beschreiben würde und umgekehrt. Ich sehe in dir die ganze Welt und noch viel mehr Unendliches, du aber schaust mich fragend an und lächelst.

Es vergeht kaum eine Woche, kaum ein Tag, an dem nicht hitzig über irgendetwas debattiert wird. Oft streiten wir, weil wir uns nicht verstehen und starrsinnig in zwei Ecken zurückgezogen haben, wenn wir mit dem Anderssein des anderen nicht fertig werden. Da suppt das Fass voller Unberechenbarkeit langsam umgekippt, ölig und schmierig aus. Es liegt einfach dort. Ehe sich die ganze Unberechenbarkeit, das Unbekannte und Fremde über uns ausgegossen hat, reißen wir im letzten Moment das Fass um. Beide. Stellen es hin, wischen alles wieder auf. Gemeinsam, wohl wissend, dass wir doch keine andere Wahl haben. Es sei denn, wir wollen uns mit aufwischen. Das wollen wir nicht. Nie wollten wir das. Auch wenn ich es manchmal gewünscht hätte. Zwei sture und eigensinnige Menschen sind wir, mit voller Leidenschaft für unsere Sache, unsere eigenen Ideen. Einen Rhythmus gibt’s eigentlich nicht. Den müssen wir miteinander finden und suchen. Jeden Tag aufs Neue. So, als ob wir jeden Tag gemeinsam unterschiedliche Instrumente spielen, einfach anfangen zu musizieren ohne auf den Takt des anderen zu hören. Wir müssen uns wieder einstimmen, eingrooven in ein Uns. Ein Uns, dass manchmal so fragil und an anderen Tagen so stark ist, als könnte es gegen die ganze Welt und weiter darüber hinaus kämpfen oder sein. Nie wollen wir so werden, so gleich so ähnlich, so langweilig. Wir wollen die Spitzen und Kanten, die Ecken. Wollen uns immer wieder stoßen, berühren, anhauen, kabbeln und dann in einen Lachanfall ausbrechen, weil wir uns wie idiotische Kinder benehmen. Täglich sind wir auf dem Weg. Auf dem Weg von mir zu dir. Auf dem verschlungenen, steilen oft anstrengenden Weg. Wie lange das wohl gut geht? Wir hoffen für immer. Unsere Arme sind vom Schwimmen noch nicht lahm geworden, manchmal keuchen wir nach Luft, schnappen und rufen verzweifelt um Hilfe. Gut, dass die Arme des anderen dann doppelt so stark sind, dass wir  uns selbst im tiefsten Meer wieder finden und retten können. Dann tragen wir uns eine Zeit lang. Wir verstehen nicht wieso und wir wissen auch nicht warum. Wir wissen nur, dass wir anders sind. Und das wir das lieben.

11

Diesen Text mochten auch

14 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Ja das kenn ich nur zu gut.
    Jeden Tag auf neue suchen und finden. :)
    Anstrengend aber die einzige Möglichkeit auf Dauer.

    19.09.2012, 09:45 von Waterfall
    • Kommentar schreiben
  • 0

    So einen 'Andren' habe ich auch geliebt. Wir sind gescheitert.

    17.09.2012, 10:40 von Tora
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Einen Rhythmus gibt’s eigentlich nicht. Den müssen wir miteinander finden und suchen. Jeden Tag aufs Neue. So, als ob wir jeden Tag gemeinsam unterschiedliche Instrumente spielen, einfach anfangen zu musizieren ohne auf den Takt des anderen zu hören. Wir müssen uns wieder einstimmen, eingrooven in ein Uns. Ein Uns, dass manchmal so fragil und an anderen Tagen so stark ist, als könnte es gegen die ganze Welt und weiter darüber hinaus kämpfen oder sein.

    Schöner Text, Sultanine! Ich frage mich häufig, wo die Liebe in meinem Körper wohnt. In meinem Kopf, meiner Seele, meinem Herz, oder in meinem ganzen Körper?  Irgendeine Quelle muss sie täglich nähren. Welche das auch immer sei. Aber die Liebe ist anstrengend und manchmal überfordert und ermüdet sie mich auch. Das "Anderssein" ist in deinem Text sehr herausgestellt. Es ist sicher nicht elitär gemeint. Denn: Wir alle sind anders. Wie zehmomente schon kommentierte: Wir alle sind einzigartig. Jeder von uns.

    16.09.2012, 14:49 von Jackie_Grey
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das bild mit dem umkippenden fass und dem eaufwischen ist schön. und eban, dass da nichts mit dem letzten tropfen, der blabla, kommt.

    der satz ist trotzdem irgendwie holprig, als ob da ein verb oder komma fehlt: "langsam umgekippt aussuppen"?

    11.09.2012, 19:55 von libido
    • 0

      ne, fehlt kein komma / verb, das soll so.

      11.09.2012, 20:13 von Sultanine
    • 0

      dann ist mir das stilelement zu viel des guten.
      ;-)

      11.09.2012, 20:17 von libido
    • 0

      dank dir trotzdem schön für deine Zeit und deine Anmerkung!

      11.09.2012, 20:24 von Sultanine
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Die Schreibe gefällt mir durchaus.

     

    Leider taucht in meinem Kopfkino sofort so ein unerträgliches Drama Queen-Paar auf. Wo sich das gesamte Umfeld immer wieder fragt, warum die eigentlich zusammen sind.

     

    Die nerven irgendwie immer.

    11.09.2012, 14:22 von Pixie_Destructo
    • 0

      Hallo ich danke dir für deinen Kommentar und fürs Lesen ;-) Wenns dich an nervieg Pärchen erinnert, die sich immer nur in den Haaren liegen und damit alle nerven, find ich das schade, aber nun ja. Die Gedanken sind ja frei ;-)

      11.09.2012, 15:39 von Sultanine
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Hach! Ich grinse.

    Wär ja auch langweilig, wenn wir alle gleich wären...

    10.09.2012, 18:12 von Bender018
    • Kommentar schreiben
  • 1

    mag ich, weil ich mich in vielen Textstellen erkenne.


    Aber am Ende fehlt mir so ein kleines Wort.


    (zusammen)


    ;)

    10.09.2012, 11:44 von jetsam
    • Kommentar schreiben
  • 3

    Ich liebe das Gegenteil von mir, das mich jeden Tag herausfordert, mich triezt, mich zum Lachen bringt und mich hält.
    Vor allem in deinem letzten Textabsatz hast du sehr feine Worte gefunden!

    09.09.2012, 19:40 von seiduselbst
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    ganz genau, weil wir alle einzigartig sind:)

    08.09.2012, 12:49 von zehnmomente
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
15. Juli 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android