serpensz 30.11.-0001, 00:00 Uhr 27 8

And all the boys I've loved before

Es bleibt der Snickersatem am Fenster, der wie meine Erinnerung an mich schwer und unantastbar an der Scheibe klebt.

Schon mal in einem ICE einen Fensterplatz ergattert, katatonisch nach draußen gestarrt und plötzlich etwas gesehen, das die Starre zerrissen hat? Den unendlich müden Blick mit einem Herzstromschlag wachgerüttelt. Hängengeblieben.

Moment vorbei.

Den Kopf nach hinten gedreht, die Nase vielleicht noch an die Scheibe gedrückt. Klebrigen Snickersatmen am Fenster hinterlassen und dennoch keinen Blick mehr auf das Objekt der Begierde erstohlen. Das Herz zuckt noch immer.

Das ist mein Leben, an dem wir da gerade vorbei gefahren sind.

Hallo Leben.

Vorwärts ist ja im Allgemeinen nicht die schlechteste Richtung, aber hier gibt es keinen Zwischenstopp und keine Notbremse. Eigentlich sollte es doch ein Befreiungsschlag sein einzusteigen. Vor. Auf. Neu. Endlich. Weiter. Immer. Mehr. Bis.

Und es tat am Anfang gut im Geschwindigkeit aufnehmenden Zug die leeren Gänge entlang zu rennen. Verrechnet. Rechts, links Abteile mit Menschen. Hi. Ich muss weiter. Halte nur kurz für ein Selfie mit der Magnum Flasche Moët Rosé an. Hashtag Partypeople.

Es bleibt der Snickersatem am Fenster, der wie meine Erinnerung an mich schwer und unantastbar an der Scheibe klebt.

Diese Scheißironie wenn plötzlich Coldplay anfangen zu plärren.

Oh take me back to the start.

Rückwärtslaufen klappt im wahren Leben nicht, ihr Träumer. Ich bin jetzt hier. Heute rast mein Herz. Mit allen explodierenden Bomben an den Schienen und der abgestandenen Luft der letzten Party in Abteil 3. Öffnet man die Tür, fällt das Atmen schwer und der süßliche Alkoholgeruch kitzelt in der Nase, kriecht langsam die Kehle nach unten bis der Würgereiz kommt. Die Arche verloren auf einem Meer aus Altbier. Die Sitzbank von Platz 18b ist nass.

Und es geht weiter.

Auch, wenn mir Teile fehlen wie jene Socken, die die Waschmaschine nie mehr ausspuckt.

Auch, wenn ich mich frage, ob es Tränen oder Hochprozentiges auf 18b sind, die den rauen, blau-schwarz karierten Stoff zerfressen.

Vielleicht muss ich die Lücken einfach neu stopfen. Noch kleben die Bierdeckel der letzten Nacht da dran. Abreißen, wie Kaltwachs in der Bikinizone. Ratsch. Weg. Auf alles, was da kommen mag, vorbereitet. Nackt und neu.

In meinem Kopf brülle ich Wonderwall gegen meine Reflektion in der Fensterscheibe. Ich setze mich hin. Die Musik spielt weiter.

Ein Anfang.


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27 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Cooler Schreibstil :) mal was neues und erfirschendes!

    14.08.2016, 15:03 von dieterso
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 3

    Is doof, wenn man das Bedürfnis hat, seinem nichtigen Leben etwas Bedeutungsschwangerhaftes anzukleben, und dann beim Ringen um Worte merkt, dass es da halt nun mal gar nichts gibt. Außer dass einem halt Schwänze in die Muschi rutschen wollen.

    Immerhin.

    Ich muss es wissen. Ich war in meinem früheren Leben eine Schildkröte.

    12.08.2016, 15:24 von quatzat
    • 1

      Du bedeutungsschwangerhafte ex Schildkröte.

      12.08.2016, 15:34 von Fin_Fang_Foom
    • 1

      Außer dass einem halt Schwänze in die Muschi rutschen wollen.


      ich schmelze bei diesen bedeutungsschwangeren worten dahin :)

      schildkröten sind übrigens garstige, kleine viecher. ich muss es wissen, ich kenn eine, die bei meiner omi im garten wohnt.

      12.08.2016, 17:07 von Agmokti
    • 0

      Dies ist weil sie so alt werden und all das Leid der Menschheit ertragen müssen. :(

      12.08.2016, 17:09 von Fin_Fang_Foom
    • 2

      das könnt man ja irgendwie nachvollziehen, aber die war von anfang an so depat blödes, bissiges reptil.

      12.08.2016, 17:14 von Agmokti
    • 2

      Ah, scheiß Elternhaus, die haben dem Schildiei nix gutes mit auf'm Weg gegeben, völlig verkorkste Jugend, selbst im Tierreich. Das Ende is nah!

      12.08.2016, 17:17 von Fin_Fang_Foom
    • 0

      Es ist alles eitel...
      *seufz*

      14.08.2016, 12:53 von sailor
    • 0

      Seufz. 

      14.08.2016, 20:49 von Fin_Fang_Foom
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  • 0

    Ich werde den Indios bei mir mal solche Texte vorsetzen, damit sie endlich merken, wie klein doch  ihre Probleme sind.


    Die laecherlichen Ueberlebenskaempfe auf den Muellhalden der Wegwerfgesellschaft. Geschenkt. Alles peanuts.  Nicht einmal zum Alkohol reicht die Knete, um sich die Realitaet schoen zu saufen :-((

    12.08.2016, 14:55 von Dr_Lapsus
    • 1

      Wenn die Indios hier aufgewachsen wären, würden sie auch so ein Zeug schreiben :-)

      Während der Autor umgedreht sich Gedanken macht, wie er Kohle für das nächste Mittagessen zusammenkratzt. Damit wäre er dann vollauf beschäftigt ....

      13.08.2016, 15:14 von Hattori-Hanzo
    • 0

      Na klar.  Wollte nur betonen, wie unterschiedlich die Prioritaeten in verschiedenen Laendern gesteckt? sind. 


      Die Indios haetten dann genau so wenig Probleme, wie die Herz-schmerz-schmierfinken hier :-)

      13.08.2016, 15:48 von Dr_Lapsus
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  • 2

    Doch doch, die Socken sind noch da. Schau mal unten ins Sieb. :)

    Ein paar nette Metaphern.

    Ich frage mich oft, warum in so vielen Texten der Alkohol eine so große Bedeutung zu geteilt wird?

    12.08.2016, 12:47 von Fin_Fang_Foom

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