hib 20.02.2017, 17:16 Uhr 21 15

Anakonda

Es gibt sicher wichtigere Probleme. Aber das hier ist fünf Meter lang.

Es ist Sonntag. Der Tag, an dem sich die Woche häutet. An dem das Neue über die Narben der Tage wachsen soll. Und auf dem Boden im Flur liegt eine tote Schlange. Riesen Ding. An den Enden ist sie grün mit braunen Flecken, an einem Spitz, am anderen Kopf. In der Mitte ist sie rötlich explodiert. Ihr Bauch ist offen, sie hat sich an irgendwas überfressen. Durch das knöcheltiefe Parkett schiebt sich ein klammes Gefühl. Es verschlingt seine Beute mit dem Kopf voran.

Wir stehen nebeneinander in der Flügeltür.
Weißt du, wo die herkommt, frage ich dich, irgendwie sehr ruhig.
Du schweigst fassungslos.
Vermutlich war irgendwo eine Tür offen, vermute ich, irgendwie sehr sicher.
Du nickst ahnungslos.
Da platzt die hier einfach in unser Gespräch rein, sage ich, irgendwie dämlich.

Es gibt sicherlich gerade größere Probleme auf der Welt. Aber das hier ist wirklich lang. Sie reicht von der Wohnungstür bis knapp zur Abstellkammer. Lass das mal fünf Meter sein. Ist bestimmt ein Weibchen, denke ich. In der Tierwelt hat die Natur auch visuell für klare Verhältnisse gesorgt. Aus dem Loch in ihrem Bauch sickert dunkles Blut in hellgrüne Suppe hinein. Es riecht süß, fast wie Apfelstrudel. Ein Hauch von Selbstverständlichkeit löst sich in Luft auf.

Was machen wir jetzt mit dem Ding, frage ich in den leeren Raum hinein, in dem du stehst.
Du zuckst mit den Schultern, die linke knackt, knackt immer.
Ich meine, das Teil ist echt groß. Und es muchtet.
Du nickst. Fast freust du dich, dass wir uns einig sind. Seh ich.

Ich gehe ein paar Schritte an der geplatzten Schlange entlang und muss an diesen Trumptypen denken. Gleiches Karma. Sie liegt da wie ausgerollt. Wie vom laufenden Meter aus dem Baumarkt. An ihrem Schwanzende bleibe ich stehen und schaue zu dir. Du stehst am Kopfende und schaust zu Boden. Vielleicht zählst du Anakonda-Flecken. Ich überlege, ob ich lauter sprechen muss, wenn ich von hier hinten etwas zu dir sagen will. Und dann fällt mir wieder ein, dass das mit dem Verstehen ja so eine Sache ist.

Was meinst du, was hat die gegessen, sag ich so laut wie nötig.
Dein Kopf hebt sich etwas. Du weißt es nicht, das sehe ich.
Ich vermute, dass das einer der Marder war, die immer unter den Autos übernachten. Oder vielleicht waren es auch drei davon. Ich meine, was soll es hier sonst geben. Vielleicht wars der Retriever von den Glockners? Der ist echt fett geworden über die Feiertage.
Du schaust auf den offenen Bauch der Schlange. Und weißt es nicht. Du weißt nichts.

Ich hasse es, wenn ich schon beim Stellen der Frage ahne, dass du keine Antwort darauf haben wirst. Ich fühle mich dann wie die Schlange. Irgendwie fehl am geplatzt. Ich hocke mich hin und ziehe das Tier halbherzig am Schwanz. So würde ein witziger Therapeut wahrscheinlich unsere Beziehung beschreiben. Ich überlege, ob ich Martin anrufe und ihn frage, ob er seine Sackkarre mitbringt. Dann stell ich mir vor, wie die Schlange sich um die Achsen wickelt. Martin ist Sonntags aber eh immer bei den Schwiegereltern.

Wollen wir versuchen, das Ding zu bewegen, frage ich dich von schräg unten.
Du schaust mich an, als hätte ich von dir gesprochen.
Oder ruft man da die Polizei?
Deine Augen wählen meinen Notruf.
Na irgendwas müssen wir doch machen. Oder wollen wir die hier liegen lassen?
Ich hatte noch nie eine Schlange im Flur, sagst du und es tut dir ehrlich leid.

Ich stehe auf. Ich nehme das Ende der Schlange zwischen zwei Finger. Dann gehe ich einen Meter damit in Richtung Kopf. Steige über den Körper. Laufe wieder zurück ein Stück. Dann wieder zur anderen Seite. Und einen Meter weiter Richtung Kopf. Ich mache aus der Schlange eine Schnecke. Es sieht aus wie ein Feuerwehrschlauch in Tarnfarben, was ich da wickle. Als ich am geplatzten Bauch ankomme, erinnert mich das Rot an etwas. Du hast es bestimmt auch schon gedacht, aber nicht gesagt. Wie immer.

Kannst du mir kurz helfen, frage ich dich wieder leiser, weil ich näher an dir dran bin.
Sicher, sagst du unsicher.
Kannst du mir ein Messer holen, eins von denen, die scharf sind?
Aber nicht das von deiner Mutter, sagst du und holst das, was ich dir geschenkt habe.

Ich schneide den Bauch aus der Schlange heraus. Dann wickele ich den zweiten Teil, also den mit dem Kopf, auch zu einem Schlauch. Jetzt liegen zwei Schnecken auf dem Boden, mit denen man unseren Brand aber nicht löschen kann. Und das Rot des Bauchs macht mich verrückt. Ich bin durch eine Blutpfütze gelaufen. Die feuchten Abdrücke auf dem Boden erinnern mich an geplatzte Sauerkirschen. Lustig. Ich hab mit meinen Filzlatschen den Umriss der Anakonda auf das Parkett getreten. 

Kannst du eines der Kissen von der Couch holen und das hier rein stopfen, sage ich und zeige auf die Explosion.
Aber nicht das helle, sagst du und holst das dunkle. Dann stopfst du.
Ich schaue dir zu. Ja, so meinte ich, sage ich.
Du drückst dich aus den Knien auf meine Augenhöhe.
Und jetzt?

Ich mache die Haustür auf. Das Licht geht automatisch an. Ich hasse das. Ich hasse es, dass mir neuerdings jede Entscheidung abgenommen wird. Von Bewegungsmeldern im Treppenhaus. Von Algorithmen. Von deiner Verletzlichkeit. Übrig bleibt mir nur, was ich sonntags nachmittags mit einer geplatzten Schlange in meinem Flur mache. Auf der Treppe liegen ein paar Meter Haut. Scheinbar hat das Vieh hier schon länger gewohnt. Manchmal abends, wenn du schon schläfst, hab ich auch was rascheln hören. Aber ich hatte gedacht, das wäre die Zeit.

Ist was, fragst du von hinten.
Ich glaub Nagini wohnte schon länger hier. Schau. Haut.
Du kommst und schaust über meine Schulter. Ich kann deine Wärme auf meiner Haut spüren.
Ich hab auch einmal was gehört, als du schon im Bett warst, sagst du. Aber ich dachte, das wären die Nachbarskinder gewesen.
Ich denke, dass ich mich jetzt gern selbst zum Spielen rausklingeln würde.

Ich lege die beiden Schläuche nach draußen. Sie wiegen eine Tonne. Ein Stück rüber zu den Glockners. Den Bauch stecke ich in eine Tüte. In ihre beiden Henkel mache ich einen Knoten. Auf den Boden suppt das Rot mit dem Grün. Aus dem Arbeitszimmer hole ich einen Stift und ein Blatt Papier. „Zu verschenken“ schreibe ich drauf. Und lege das Schild auf den Stapel Tier. In diesem Reptilienhaus hier verschenken sie jeden Tag Dinge, die zu banal für die Wohnungen geworden sind. Yogamatten. Oli P CDs. Selbsthilfebücher. Als die Tür ins Schloss fällt und ich dich da stehen sehe, vermisse ich plötzlich die Schlange. Das Blut lasse ich liegen, denke ich. Als Erinnerung für morgen früh. Daran, was gestern war.

Danke fürs Wegräumen, sagst du.
Keine Ursache, sage ich um des lügen Friedens Willen.  
Immerhin können wir den Sonntag jetzt vom Samstag unterscheiden, sage ich zu dir und meine es witzig.
Lass uns in den Urlaub fahren, sagst du ernst. Und gehst ins Computerzimmer. Ich kann hören, wie du dich auf den Stuhl setzt. Der Lüfter des Rechners wirbelt den Staub auf dem Tisch auf.
Gute Idee, sag ich, von draußen um die Ecke. Dann komme ich dir einen Schritt entgegen. Aber nur in ein Land, in dem es keinen Sonntag gibt.

Ich setze mich neben dich. Du suchst nach einer Bleibe in den Bergen. Auf dem Bildschirm flimmern die Gipfel. Draußen im Hausflur raschelt etwas über den Boden.


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21 Antworten

Kommentare

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  • 0

    hab mir das ganze vorgestellt und ich habe Gänsehaut - vor Angst. es ist eine schreckliche Vorstellung, so was im Haus vorzufinden 

    28.03.2017, 21:06 von phillippinn
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  • 1

    Hätte ich ja nicht gedacht, dass mich ein Text über eine geplatzte Schlange so tief berühren kann. Viel Fläche zum projezieren.

    26.03.2017, 00:21 von funnyface
    • 2

      *projizieren ^^

      26.03.2017, 00:22 von funnyface
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Die Kommentarleiste ist so tot wie die Anakonda in deiner Erzaehlung, Hib.


    tja,  Qualitaet war noch nie der  Renner.  Haettest du so einen Thread wie Besetztzeichen geschrieben,  du braeuchtest einen Tuersteher.

    hab ein feines Wochenende :-)


    25.02.2017, 15:23 von Dr_Lapsus
    • 4

      Och Lapsus. Eine gefüllte Kommentarleiste sagt doch gar nichts aus. Das Kommentare und die damit verbundene Aufmerksamkeit für dich das Größte darstellt, kann man nur bemitleiden. Schau dir doch mal die Herzen an die ein Text erhält. Hattest du da schonmal welche? 

      25.02.2017, 22:47 von Bergfenster
    • 0

      Wer keine Aufmerksamkeit sucht,  kann in seinem Wohnklo  Tagebuecher schreiben.

      Merkst du nicht, was fuer einen Bloedsinn zu schreibst ?

      Macht nix.  Bist ja noch jung und lernfaehig :-))


      25.02.2017, 23:41 von Dr_Lapsus
    • 0

      Ach Lapsi, du verstehst es wirklich nicht oder? Du arme Socke. 

      26.02.2017, 07:46 von Bergfenster
    • 2

      Kann es sein, dass das HIER dein LEBEN ist, zu kommentieren, Lapsi?

      28.02.2017, 11:38 von ThekenTina
    • 0

      thekenTina,  hellau,   trink noch n  Schluck,  habe dich nicht richtig verstanden ! :-)

      28.02.2017, 14:12 von Dr_Lapsus
    • 0

      Lapsi  klingt so vertraut.  Kennen wir uns, Tinchen ??

      28.02.2017, 14:13 von Dr_Lapsus
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  • 0

    paar klasse stellen drin

    24.02.2017, 09:43 von ga
    • 0

      tatsächlich?

      16.03.2017, 09:53 von hib
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  • 0

    erinnert etwas an die frühen David Cronenberg Filme.


    kurze Sätze, die innere Bilder groß machen, mag ich.
    "Deine Augen wählen meinen Notruf."

    24.02.2017, 06:07 von schauby
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  • 1

    Ne tote Anakonda im Flur ?  die muss wohl bei eurem tristen Anblick  zusammengebrochen sein ??

    Das sind Geschichten, fuer die man einen Beipackzettel vorher lesen muss. 

    Trotzdem:  Gut geschrieben und nette Wortakrobatik !!

    23.02.2017, 11:11 von Dr_Lapsus
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  • 1

    Sie platzt ins Gespräch - hihihi

    22.02.2017, 20:30 von Stjaernaflicka
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  • 2

    Ist dir atmosphärisch sehr gut gelungen, finde ich, die Schlange wiegt schwer in ihrer Beikriechigkeit.

    Letztere verkriecht sich in den letzten Sätzen ein bisschen, ich könnte mir vorstellen, dass das Ende wuchtiger funktionierte, strichst du alles zwischen dem fünft- und letzten Satz. Dann wirkte das Ganze fein gebrochen, weniger enthebelt. 

    22.02.2017, 18:25 von JackBlack
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Es ist nicht alles konfus, was man nicht versteht ;-)

      27.02.2017, 01:58 von alter_hund
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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